Federers Final-Tränen bei den Australian Open Fassungslos

20 Grand-Slam-Titel! Bei den Australian Open schrieb Roger Federer Geschichte, hinterher war der sonst so beherrschte Tennisprofi gerührt wie selten.

Roger Federer
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Roger Federer

Von Philipp Joubert, Melbourne


Während die ersten Tränen kamen, Roger Federer zusehends seine Worte verschluckte und doch versuchte, jeder Person zu danken, die auch nur im Entferntesten mit diesem Abend zu tun hatte, da erhob sich auch der einsame Marin-Cilic-Fan in der zweiten Reihe von Sektion 14. Die Frau mit dem adretten Sommerkleid, die mal flehend, dann zischend und dann wieder jubelnd mehr als drei Stunden lang den Finalgegner von Federer unterstützt hatte, auch sie applaudierte nun dem Schweizer.

Von Federers Tränen unberührt zu bleiben, das war beinahe unmöglich.

Mehr als 90 Sekunden lang weinte Federer nach seinem Triumph bei den Australian Open, seinem 20. Grand-Slam-Titel insgesamt. Mit jeder Großaufnahme seines Gesichts auf den Stadionbildschirmen setzte das Trampeln und Johlen wieder ein. Selbst Rod Laver, das Tennis-Nationalheiligtum der Australier, fischte für alle sichtbar sein Handy hervor, um den Moment festzuhalten. Der Bejubelte lächelte, wischte sich immer wieder durchs Gesicht. Er verteilte Luftküsse in Richtung der Tribünen und nahm Gegner Cilic in den Arm. Federer, der Nahbare, er ließ den Moment geschehen, wie so viele andere in den vergangenen zwei Wochen.

Die Australian Open sind der selbst betitelte Happy Slam - für Federer waren sie in diesem Jahr trotz der harten Finalarbeit vor allem der Relaxed Slam. Denn die ganzen zwei Wochen über hatte es bei Federer noch mehr gemenschelt als sonst schon. Der 36-Jährige hatte in seinen Siegerinterviews mit Jim Courier Vaterwitze erzählt, fundierte Matcheinschätzungen zum Damen- und Herrenwettbewerb gegeben, in kindlicher Freude über seinen Pokalraum berichtet. So viel wurde gekichert und geschäkert, jeder Auftritt taugte zum viralen Hit.

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Die besten Bilder der Australian Open: Tränen in der Nacht

Der gerade zurückgetretene Australier Sam Groth hatte kürzlich der "Herald Sun" erzählt, wie es sich anfühlt, auf einem der großen Plätze der Welt gegen Federer zu spielen: "Wenn du mit ihm da draußen bist, gibt es für das Publikum nur einen Spieler auf dem Court - und der bist ganz sicher nicht du." So war es auch beim Finale gegen Cilic, das der Schweizer 6:2, 6:7 (5:7), 6:3, 3:6, 6:1 für sich entschied.

Schon als Federer den überdachten Platz betrat - etwas kontrovers hatten die Veranstalter im Gegensatz zum erdrückend heißen Damenfinale am Vortag und zum ersten Mal in diesem Turnier die Indoor Variante gewählt - jauchzten und klatschen die mehr als 15.000 Zuschauer. Zu Beginn entschleunigte Federer fast jeden von Cilics Schlägen, nur um dann mühelos wieder im richtigen Moment zu beschleunigen. Doch nach seinem Stolperstart, den Cilic später mit den überraschend niedrigen Temperaturen in der klimatisierten Rod Laver Arena begründete, übernahm der Kroate zwischendrin die Führungsrolle auf dem Platz.

Federers Sieg in der Videoanalyse: "Rekord für die Ewigkeit"

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Cilic schwang und schlug mit solcher Wucht, dass das Match zu Beginn des fünften Satzes beinahe in seine Richtung gekippt wäre. Schon in den Tagen zuvor hatte sich Federer anerkennend über die Professionalität und den Siegeswillen von Cilic geäußert. Der konnte in der Tat in diesem Match den ramponierten Eindruck seines letzten Grand-Slam-Finals komplett vergessen machen. Damals, 2017 in Wimbledon, hatte Cilic mit Blasen und den Nerven zu kämpfen, er weinte vor Wut.

Cilic hadert mit dem Dach

Während Federer nach dem Sieg in Melbourne immer noch seinen Pokal über die Anlage trug und für Fotos posierte, saß Cilic in der Pressekonferenz. Er sei zufrieden mit der eigenen Leistung, sagte er. Mit Unverständnis reagierte er auf die Entscheidung der Organisatoren, das Dach zu schließen. Damit war er nicht allein. Neben einigen ehemaligen Spielern zeigten sich auch viele Berichterstatter darüber verwundert.

Begründet wurde die Maßnahme mit dem erstmaligen Überschreiten von bestimmten Hitzefaktoren während des Turniers. Auch Federer, der vielleicht beste Hallenspieler der Geschichte, dessen so auf Timing ausgerichtetes Spiel sich ohne Windeinflüsse erst Recht entfalten kann, wusste um den Vorteil der Entscheidung. Er sagte aber auch, dass der um 13 Zentimeter größere Cilic in der Hitze vielleicht schneller müde geworden wäre.

Federer, von dessen weißem T-Shirt eine goldene 20 über die Tischkante des Pressekonferenzpodiums strahlte, berichtete von der Nervosität während des Tages. "Ich hatte einfach noch so viele Emotionen in mir, weil ich keine engen Matches wie im letzten Jahr gegen Kei Nishikori und Stan Wawrinka hatte", sagte Federer über seine Tränen. Tatsächlich war keines seiner diesjährigen Turniermatches wirklich umkämpft gewesen.

Der Schweizer kann in den kommenden Wochen sogar wieder die Nummer eins der Weltrangliste werden, so er sich denn entscheidet, in diesem Jahr auf Sand anzutreten, oder falls Konkurrent Rafael Nadal Probleme bekommen sollte. Aber so weit wollte Federer nicht gucken. Er kündigte nur an, auch in Zukunft nicht zu überspielen. Für manch weiteren Grand-Slam-Titel könnte das reichen.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
chukwumeze 28.01.2018
1. Ich habe nicht verstanden,
was der Rekord für die Ewigkeit sein soll? Bitte Aufklärung, vielleicht bin ich ja begriffsstutzig.
multi_io 28.01.2018
2. Golden Era
Man muss sich mal überlegen, dass vor nichtmal 16 Jahren Pete Sampras 14 Majors (Grand-Slam-Siege) hatte, und alle dachten, das sei ein Rekord für die Ewigkeit. Und heute haben wir 2 Spieler -- Fed und Nadal -- die diesen Rekord übertroffen haben, und Djokovic ist nur 2 Majors weg davon. Es gibt ein paar Faktoren, die seitdem eine höhere Siegeszahl bei Majors begünstigt haben -- beispielsweise die Tatsache, die das Durchschnittsalter der Champions steigt und somit die Karrieren länger dauern. Aber nichtsdestotrotz ist es absolut bemerkenswert, dass drei Leute Sampras' Rekord entweder übertroffen haben oder in Schlagdistanz sind. Und die drei spielen alle zur selben Zeit, d.h. sie haben sich permanent gegenseitig Majors weggeschnappt, und trotzdem haben sie alle drei Sampras' "Rekord für die Ewigkeit" geknackt oder sind drauf und dran, dies zu tun. Das zeigt, was für eine außergewöhnliche Konstellation wir hier gerade erleben. Wenn es je eine "Golden Era" des Tennis gegeben hat -- das ist sie.
peterpretscher 28.01.2018
3. Dieses war der 20igste Streich und der 21igste folgt.....
Zitat von chukwumezewas der Rekord für die Ewigkeit sein soll? Bitte Aufklärung, vielleicht bin ich ja begriffsstutzig.
.....demnächst, wahrscheinlich auf dem Rasen in Wimbledon Und nicht auf der roten Asche in Paris. Wie lange wird Roger Federer noch spielen?
SVW80 29.01.2018
4. Glückwunsch Roger Federer!
Ich gönne es ihm von Herzen. Der war zeitweilig nach mehreren Verletzungen und aufgrund des fortschreitenden Alters schon abgeschrieben worden. Der Rekord mag eines Tages geknackt werden. Wenn es passiert, dann hoffentlich durch einen Spieler, der gleichermaßen großartig spielt. Die Eleganz, die herausragende Technik, die Variabilität des Spiels... Einfach großartiges Tennis in allen Facetten. Da kommen Nadal und der Djoker einfach nicht ran. Bei aller Hochachtung vor dem famosen Grundlinienspiel der beiden. In einem 3-Stunden-Match werden die Grundlinienduelle irgendwann etwas langweilig. Dann schaue ich lieber Federer zu, der auch mal vorrückt, mal nen Stop einstreut, Serve-and-Volley versucht. Gerne noch ein paar Jahre!
Rast und Ruh 29.01.2018
5. Heul
„hinterher war der sonst so beherrschte Tennis-Profi gerührt wie selten.“ ??? Der heult doch jedes mal wenn er gewinnt ! Find ich gut !
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