Federers Triumph bei den Australian Open "Nur die Mutigen werden belohnt"

In Melbourne hat Roger Federer nach fast fünf Jahren wieder ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Der Schweizer hat damit erneut Tennisgeschichte geschrieben. Ein Karriereende ist noch lange nicht in Sicht.

Roger Federer
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Roger Federer

Aus Melbourne berichtet Philipp Joubert


Auch an diesem Abend war Roger Federer wieder die Summe Tausender Projektionen. Männer mit teuren Hemden und dicken Bäuchen brüllten, Kinder mit Stirnbändern klatschten, Plastikbecher wurden gehoben und selbstgeschriebene Plakate gereckt. Die Schweizer Fahne, um Schultern gelegt, war in der Rod Laver Arena so populär wie in allen Tennisstadien dieser Welt.

Oft hunderte Dollar hatten sie bezahlt, um mit dem 35-Jährigen zu leiden, zu fluchen, die Köpfe hängen zu lassen. Am Ende, als Federer nach dem Fünfsatzsieg gegen Rafael Nadal auf dem Platz vor Freude sprang, da sprangen sie mit. Man weiß um die Symbiose zwischen Federer und seinen Fans, den fast religiösen Charakter jedes Auftritts. Und die Anziehungskraft ist mit den Finalniederlagen der letzten Jahre nur noch gestiegen.

Die meisten der fast 26.000 Zuschauer waren früh im Melbourne Park gewesen. Zum ersten Mal in der Turniergeschichte hatten die Veranstalter auch das zweite Stadion am Finaltag geöffnet. Irgendwann wurde aus dem Nachmittagssummen ein lautes Vorabendbrummen. Es hielt über Stunden. Doch als das Match losging, war es erstaunlich ruhig in der Rod Laver Arena, die nach dem erfolgreichsten australischen Tennisspieler der Geschichte benannt ist.

Die letzten Karrierezweifel beseitigt

Lange schwappte ein verlorener Technobeat aus dem VIP-Bereich über die Mauern. Erst als Federer das entscheidenden Break zum Gewinn des ersten Satzes holte, flogen Tausende Fäuste in den Abendhimmel. Das Match steigerte sich fortan von Satz zu Satz und näherte sich schließlich sogar den großen Erwartungen.

So enorm war die Bedeutung des Abends, dass die Aussage von Federers größtem Rivalen aus dessen frühen Karrierejahren, Andy Roddick, nicht verwegen schien. Unter der Woche war Roddick als neues Mitglied in die Tennis Hall of Fame aufgenommen worden. Auf einer Pressekonferenz in Melbourne sprach er vom "wichtigsten Match in der Geschichte der Australian Open".

Vielleicht sogar in der Geschichte der Grand-Slam-Turniere. Was sich wie eine maßlose Überspitzung anhörte, mag nicht so weit von der Realität entfernt gewesen sein. Federers Sieg gegen Nadal war vornehmlich eine Comebackgeschichte nach sechsmonatiger Verletzungspause. Aber der Sieg war vor allem auch die endgültige Validierung eines Spielers, der am Sonntag die allerletzten Karrierezweifel beseitigte.

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Australian-Open-Sieger Federer: Gänsehaut!

Sechs zu zwei hatte die Bilanz in Major Finals zu Gunsten Nadals bisher gelautet. In den wichtigsten Matches hatte der Spanier meist gewonnen. Doch am Sonntag schlug Federer seinen größten Rivalen. Dabei spielte der Schweizer genau so, wie er es sich stets vorgenommen hatte - aber in der Vergangenheit oft nicht umsetzen konnte. Auch dieses Mal drängte Nadal seinen Gegner mit hohen Topspinbällen in die Rückhandecke. Aber Federer ließ sich auf weniger lange Ballwechsel ein.

Präzision aus allen Positionen lautete das Motto - und Mut zur Entscheidung. "Ich wollte den Ball spielen und nicht den Gegner," fasste Federer die Leitlinie zusammen, als er um halb zwei Uhr nachts entspannt auf den langen Abend zurück blickte. "Sei frei in deinem Kopf und wenn du die Chance hast, dann such die Entscheidung. Denn nur die Mutigen werden belohnt."

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Federer vs. Nadal: Zwei ewige Rivalen

Was bei aller spielerischer Courage und Eleganz nicht übersehen werden sollte: Am wichtigsten im großen Werkzeugkasten Federers war mal wieder der Aufschlag. Nicht nur platzierte Federer das Serve in kritischen Situationen meist auf den Linien. Wie schon bei anderen großen Siegen war der Aufschlag der große Rhythmusgeber. Nur wenige Male zeigte der Radar mehr als 200 Stundenkilometer an. Ein niedriger Wert für einen Spieler vom Kaliber Federers. Doch die Treffsicherheit war erstaunlich. Nadal musste sich strecken, wenn er den Ball denn überhaupt berührte.

Federer bemühte sich, das Spiel des Abends in den Vordergrund zu rücken, doch auch er wusste um die größere Bedeutung des Erreichten: "Ich kann den Sieg höchstens noch mit meinem ersten French-Open-Titel im Jahr 2009 vergleichen," sagte Federer. "Ich habe dort so lange auf den Titel gewartet. Ich hatte alles versucht, war gescheitert, hatte gekämpft und es am Ende geschafft."

Eine Aussage, die genau so auch auf diesen Abend und die letzten Jahre in Federers Karriere zutrifft. Stets hatte er alles versucht. Das Federer im hohen Tennisalter ein relevanter Spieler blieb, ist nahezu einzigartig in der Tennisgeschichte. Aber das Scheitern im allerletzten Moment war fast Teil der Folklore geworden. Doch auch diesen letzten Makel hat er nun beseitigt.



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ulisses 29.01.2017
1. Großes Tennis!
Herzlichen Glückwunsch an Herrn Federer. Das macht schon Freude, ihn noch mal mit der Trophäe in der Hand zu sehen. Für Nadal wünsche ich, dass er auch noch mal ein Major gewinnt. Federer sollte sich jetzt mit dem Pokal irgendwo einschließen lassen und nie wieder rauskommen. Besser wird es nicht mehr.
tombik251 29.01.2017
2. Wäre ich Federer
so könnte ich mich richtig freuen, da mit Djokovic und Murray zwei Spieler sehr überraschend sehr früh ausgeschieden sind, die in Normalform gegen Federer gewonnen hätten. Aber so denke leider nur ich.
Olafson 29.01.2017
3. Tja so ist es halt..
Denn gegen Istomin hätte Federer niemals verloren. Djokovic schon. Klar soweit?!
harke 29.01.2017
4. Verdient
Einwände, die anbringen, dass Dojokovic oder Murray Federer hätten schlagen können sind unsinnig. Diese Spieler sind schon vorab gescheitert und dafür kann Federer nichts. Wenn sie nicht mal in der Lage sind ins Finale zu kommen, dann hätten sie auch Federer nicht geschlagen. Jeder ist seines Glückes Schmied. Insbesondere im Tennis.
andreasm.bn 29.01.2017
5. Genau so ist es!
Die beiden besten Spieler des Turniers standen im Finale und der heute Bessere hat gewonnen! Ich gönne es auch Nadal, noch mal ein Major zu gewinnen.
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