Roller Derby Rugby auf Rollschuhen

Drängeln, Schubsen, Blocken: Beim Roller Derby geht es hart zur Sache. Der Kult-Wettkampf ist Frauensache, ein deutsches Team fährt jetzt zur WM. Was reizt Lotta Loveless, Käthe Kaputto und Looping Louise an ihrem Sport?

Stefan Groenveld

Hater Skater, Lotta Loveless, Spooky Spiky, Käthe Kaputto, Rocca Rolldriguez, Looping Louise: Welche Assoziationen haben Sie bei diesen Namen? Pornodarstellerinnen? Wrestlerinnen? Bei Letzterem liegen Sie gar nicht so falsch. Es sind Sportlerinnen, die sich dahinter verbergen, die schrillen Wortschöpfungen sind ihre Wettkampfnamen: Die Hamburger Harbor Girls sind eines der ersten Roller-Derby-Teams in Deutschland.

Training in einer staubigen Turnhalle im Süden Hamburgs, Miss Zoffi fährt an das Feld heran. Sie versucht, sich auf Rollschuhen an ihren Gegenspielerinnen vorbeizuschieben, wird von einer Schulter abgedrängt. Schubsen, Schieben, Drängeln, eine Blockerin geht zu Boden. Miss Zoffi weicht aus, findet die Lücke und sprintet hindurch. Hinter ihr prescht Looping Louise am Feld vorbei, sie ist ihr dicht auf den Fersen. Aber zu langsam, Miss Zoffi hat einen guten Tag, sie überholt eine Gegnerin nach der anderen.

Roller Derby, das ist ein bisschen wie Rugby auf Rollschuhen. Der Vollkontaktsport stammt aus den USA, seine Anfänge hatte er in den dreißiger Jahren. Aus publikumswirksamen Rempeleien ist dort mittlerweile ein seriöser Sport geworden, der vor allem von Frauen gespielt wird. 2006 kam der Trend nach Deutschland, mit den Stuttgart Valley Rollergirlz entstand das erste deutsche Team. Zwei Jahre später gründeten sich die Harbor Girls, seit Anfang des Jahres gibt es sogar zwei Teams in dem Hamburger Verein, die Harbor Girls und die Sea Gals.

Geblockt werden darf mit Schulter, Hüfte, Hintern

Auf den ersten Blick wirkt das Spiel chaotisch und rüpelhaft, tatsächlich richtet es sich nach strengen Regeln. Gespielt wird auf der Flat Track, einer ovalen Bahn, die 30 mal 18 Meter misst. Helm, Schützer an den Knien, Ellenbogen und Handgelenken sind Pflicht, ohne blaue Flecken und Platzverweise geht kein Roller Derby zu Ende.

Das Spiel, auch Bout genannt, dauert zweimal 30 Minuten. Pro Team sind fünf Spielerinnen auf der Bahn, vier Blockerinnen und eine Jammerin. Die sammelt Punkte für die Mannschaft, indem sie die Gegnerinnen überholt. Die Blockerinnen versuchen, ihr den Weg zu versperren und gleichzeitig die eigene Jammerin zu unterstützen. Geblockt werden darf mit Schulter, Hüfte und Hintern. Kopfnüsse und Ellenbogen-Checks sind verboten.

Um das durchzustehen, trainieren die Harbor Girls viermal in der Woche. "Da braucht man sehr verständnisvolle Freunde", sagt Anna Blieffert alias Splat Annie. Zu ihrem Namen kam sie, weil sie anfangs die meiste Zeit auf dem Hintern verbrachte. "Eine Mitspielerin rief jedes Mal 'Splat!'", erzählt sie.

Spielerinnen müssen volljährig sein

Wer ein Roller Derby erlebt hat, ahnt, wie viel schweißtreibende Arbeit dahintersteckt. Auf den etwas klischeehaften, popfeministischen Anstrich wollen die Sportlerinnen trotzdem nicht verzichten, er gehört zu der Sportart wie sein Retro-Image. Und er ermöglicht den Spielerinnen, sich im Kampf in eine andere zu verwandeln, inklusive des Namens und wilden Make-ups: "Es ist ein kleines Alter Ego, das man sich zulegt", sagt Blieffert. Im Alltag sind die Spielerinnen Ärztin, Lehrerin, Friseurin oder Behördenangestellte, und es ist egal, ob sie dick oder dünn sind, jung oder alt - nur volljährig müssen sie sein.

Die Einstellung der Harbor Girls hat den Fußball-Proficlub FC St. Pauli aufmerksam werden lassen, beide Vereine setzen sich gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus und für Toleranz und Respekt ein. Seit März gehören die Rollergirls deshalb als eigene Abteilung zu St. Pauli. Für Matthias Bodeit vom Amateurvorstand ist Roller Derby die perfekte Verbindung aus Sport, Punk und dem Bruch mit Konventionen. "Wir glauben, dass wir mit Roller Derby unsere Vielfalt und Attraktivität deutlich erhöhen können", sagt er.

Das hat 2012 auch der Deutsche Rollsport und Inline-Verband (DRIV) erkannt. Aktuell vertritt die Abteilung Roller Derby Deutschland (RDD) im DRIV 28 Teams. 2013 richtete die Sportkommission die erste offizielle Deutsche Meisterschaft aus; die Berlin Bombshells gewannen den ersten Titel, die Harbor Girls landeten auf Platz fünf. In diesem Jahr steht die Weltmeisterschaft im texanischen Dallas an, an der auch ein Team Germany teilnehmen wird. Vier Harbor Girls gehören zum Kader.

Da es noch keinen Liga-Betrieb in Deutschland gibt, organisieren die Teams ihre Bouts selbst. Für die Hamburger Rollergirls steht am 26. April das Heimspiel gegen die Copenhagen Kick-Ass Cuties an - dann starten Spooky Spiky, Käthe Kaputto, Rocca Rolldriguez, Looping Louise und und Lotta Loveless zum ersten Mal unter der Totenkopfflagge von St. Pauli.



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Herr Stein 26.04.2014
1. Viel heiße Luft.
Viel heiße Luft. Wer richtiges Rugby einmal gespielt hat, der kann über diese Light-Version auf Rollschuhen nur lachen. Roller Derby ist mehr Show als richtig harter Körpereinsatz.
bssh 26.04.2014
2. Warum die Frage?
Wrestling ist kein Sport, sondern Show. Es ist kein Wettkampf, sondern alles abgesprochen. Warum wird aber gefragt, was die Frauen an dem Sport reizt? Würde das bei Männern auch gefragt? Werden sie gefragt, warum sie Rugby spielen? Ist es für Frauen nicht damenhaft genug?
AusVersehen 26.04.2014
3.
Zitat von sysopStefan GroenveldDrängeln, Schubsen, Blocken: Beim Roller Derby geht es hart zur Sache. Der Kult-Wettkampf ist Frauensache, ein deutsches Team fährt jetzt zur WM. Was reizt Lotta Loveless, Käthe Kaputto und Looping Louise an ihrem Sport? http://www.spiegel.de/sport/sonst/roller-derby-die-harbor-girls-hamburg-spielen-gegen-copenhagen-a-966141.html
Wenn sich die "Athleten" mit Namen wie "Lotta Loveless" schmücken, bezweifle ich, dass es sich dabei um einen Sport handelt.
meta39 26.04.2014
4. optional
@ AusVersehen "Wenn sich die "Athleten" mit Namen wie "Lotta Loveless" schmücken, bezweifle ich, dass es sich dabei um einen Sport handelt." ______ Sport ist es sicherlich und Klappern gehört zum Handwerk, genau wie die Streifen unter den Augen bei den Footballern oder die martialischen Namen beim Wrestlern. Jeder nach seiner Facon.
nisemh 26.04.2014
5. Dummfug
Da gehts um Rollerderby und es gibt Aussagen zu Wrestling, Rugby und Namensgebung. Wenns schee macht...
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