Rollstuhlbasketball Lass die Räder quietschen!

Sie passen, blocken, werfen - und können nicht gehen. Rollstuhlbasketballer haben einen eigenen Spielstil entwickelt und schrecken auch vor Kollisionen nicht zurück. Das Basketball-Magazin "FIVE" erklärt die Sportart und verrät, was "Fußgänger" dabei zu suchen haben.

Gero Müller-Laschet

Schnell sein. Irgendwie. Joel Schaake wollte sich immer irgendwie möglichst rasant durchs Leben bewegen. Wieso er diesen Drang verspürte? Vielleicht aufgrund der Tatsache, dass er nicht gehen kann.

Bei dem 16-Jährigen wurde direkt nach der Geburt eine "Spina Bifida" diagnostiziert. Im Volksmund wird dieser Befund "offener Rücken" genannt. Vereinfacht erklärt liegen Teile des Rückenmarks frei oder sind nur mit einer dünnen Hautschicht bedeckt. Die Folge: Nervenbahnen werden zum Teil irreparabel geschädigt. So war es auch bei Joel Schaake. Zunächst ist nicht klar, wie schwer die Folgen sein werden. Während andere Kinder durch die Gegend tollen, ist Joel immer an seine Eltern gebunden. Nach einigen Jahren ist klar: Er wird nie normal laufen können.

"Als er noch klein war, versuchte er sich immer so schnell wie möglich von uns wegzubewegen", erinnert sich seine Mutter Sylvia und lächelt ein wenig gequält. Als Joel erstmals Krücken bekommt, strapaziert er die Gehhilfen, als würde er sich für eine Folge von "Jackass" bewerben. So sorgt sein Freiheitsdrang des Öfteren für einen erhöhten Puls bei seinen Eltern.

Es gibt nur rund 3000 Rollstuhlbasketballer in Deutschland

Mit acht Jahren bekommt Joel seinen ersten Rollstuhl. Ein weiteres Stück Freiheit, welches es zu nutzen gilt. "Ich bin direkt losgerast und hab Wheelies gemacht ohne Ende", sagt der Teenager. "Eigentlich machst du als Kind so einen Führerschein, um zu lernen, wie du vorwärts kommst. Der Techniker, der den Stuhl anpasste, meinte aber direkt: 'Das braucht der Junge nicht.'" Drei Jahre später entdeckt der Schüler den Rollstuhlbasketball im Rahmen einer Behindertensportgemeinschaft. "Mein Trainer meinte damals, dass ich echtes Talent hätte", sagt Joel.

Für einen gesunden Basketballfan wäre der Weg von da ab einfach gewesen. Einen Verein suchen, anmelden, trainieren, spielen. Im Rollstuhlbasketball sieht die Realität etwas anders aus. Nur rund 3000 Aktive gibt es in der gesamten Bundesrepublik. Zum Vergleich: Im Deutschen Basketball Bund (DBB) sind 190.152 Mitglieder organisiert. Es ist nicht leicht, überhaupt Vereine zu finden, die Rollstuhlbasketball anbieten. Doch Joel hat Glück: Im 27 Kilometer entfernten Köln spielen die RBC Köln 99ers. Fünf Mannschaften schicken die Domstädter ins Rennen - von der Ober- bis zur Bundesliga.

Doch reine Jugendteams gibt es auch dort keine. "Ich habe immer mit Älteren zusammengespielt, die natürlich lieber selber die Würfe genommen haben, anstatt einen jungen Anfänger anzuspielen", sagt Joel über seine Anfangsschwierigkeiten. "Da hab ich mich schon gefragt, wie ich da als junger Spieler eigentlich Erfahrung sammeln soll." Trotzdem geht es voran. Bei den 99ers spielt Joel als Nesthäkchen des gesamten Vereins bald in zwei der fünf Teams.

Auch Nichtbehinderte spielen mit - sie werden "Fußgänger" genannt

Nicht nur Gehbehinderte spielen bei den 99ers. Nach dem Training rollen die Spieler und Spielerinnen Richtung Seitenlinie, packen ihre Sporttaschen. Dann stehen einige von ihnen auf und schieben ihre Sportrollstühle hinaus. "Fußgänger" werden nichtbehinderte Rollstuhlbasketballer oder Akteure, die trotz ihrer Behinderung mit Prothesen laufen können, genannt. "Viele der Nichtbehinderten bleiben nach schweren Verletzungen beim Rollstuhlbasketball", sagt Joel Schaake. "Die probieren es mal aus, wenn sie länger keinen Sport machen können, und bleiben dabei. Andere sind über behinderte Freunde, die selber spielen, zum Rollstuhlbasketball gekommen."

Rollstuhlbasketball ist echte Integration. Behinderte spielen mit Nichtbehinderten. Frauen mit Männern. Sie messen sich im Wettkampf, arbeiten zusammen als Team für den Erfolg. Zumindest auf nationaler Ebene. In Nationalmannschaften dürfen nur Behinderte antreten.

"Deutschland versucht schon länger, auch auf internationaler Ebene - etwa bei den Paralympics -durchzusetzen, dass Behinderte mit Nichtbehinderten spielen", sagt Nicolai Zeltinger, Bundestrainer der deutschen Herrennationalmannschaft. "Ich habe selbst als Fußgänger lange Rollstuhlbasketball gespielt. Wenn wir dann in der Champions League antraten, durfte ich nicht aufs Feld", sagt Zeltinger.

Für Zeltinger war es eine merkwürdige Erfahrung, sein Team kämpfen zu sehen und selbst außen vor zu sein: "Oft sind es ja die Behinderten, die ausgeschlossen werden. Wenn sie zum Beispiel nicht in ein Restaurant rollen können, weil es dort Stufen gibt. Da war es genau andersrum."

Es kracht und scheppert - und manchmal fällt einer aus dem Stuhl

Auch unter den behinderten Rollstuhlbasketballern gibt es Unterschiede. Verliert jemand beide Unterschenkel, kann er trotzdem stabil in seinem Sportrollstuhl sitzen. Kontakt steckt ein solcher Spieler aufgrund seiner normalen Rumpfkontrolle viel besser weg als ein Akteur, der etwa von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Wegen solcher körperlichen Unterschiede wurde ein Klassifizierungssystem eingeführt (siehe linke Spalte, d. Red.): "Unsere Trainerin muss auf der Bank ständig rechnen, wenn sie auswechseln will", sagt Joel Schaake.

Im Training wird vor allem an den "Chair Skills" gearbeitet. Mit anderen Worten: Es wird gefahren. Oft ohne Ball. Die Reifen quietschen, wenn auf engstem Raum gestoppt oder gewendet wird. Es kracht und scheppert, wenn zwei Spieler ineinander rasseln. Natürlich kommt es auch vor, dass dabei jemand aus dem Stuhl kippt. Alles kein Problem. Einen Liegestütz später geht es weiter.

"Beim Rollstuhlbasketball sind Athletik, Schnelligkeit und Wendigkeit sogar wichtiger als bei den Fußgängern", sagt Zeltinger. Die Kraft kommt immer aus den Armen. Sie sind der Motor des Spiels. Fortbewegung und Wurf, alles kommt aus dem Oberkörper. Wer 30 Minuten von vorne nach hinten fährt, der muss schon eine enorme Kondition haben, wenn beim Wurf die Hand nicht wacklig werden soll.

Top-Profis können heutzutage bis zu 120.000 Euro pro Jahr bei europäischen Spitzenclubs verdienen. Doch all das Geld motiviert den 16-Jährigen Joel Schaake nicht. Seine Mutter fährt ihn jede Woche zum Training nach Köln, weil er ein ganz anderes Ziel hat: die Paralympics. "Da einmal dabei zu sein, das ist mein Traum", sagt er.

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Seite 1
driverseat 10.02.2012
1.
"Wegen solcher körperlichen Unterschiede wurde ein Klassifizierungssystem eingeführt (siehe linke Spalte, d. Red.)" ...hätte mich interessiert, kann ich aber leider nicht in der linken Spalte finden.....
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