Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg Metall auf Metall

Schnell, hart, spektakulär: In Hamburg startet die Rollstuhlbasketball-WM. Die Regeln stammen aus dem Basketball, die Taktik ist eine komplett andere.

Gero Müller-Laschet

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Mit einem Griff ans linke Rad reißt Aliaksandr Halouski seinen Rollstuhl herum. Durch die schnelle Drehung steht das Sportgerät schräg vom Boden ab. Halouski passt auf die linke Seite, Jan Gans trifft per Korbleger. 41:38. Im dritten Viertel führt Deutschland gegen Weltmeister Australien erstmals mit drei Punkten, gewinnt das Spiel am Ende.

Die Szene beim Nations Cup Cologne dauert nur wenige Sekunden. Und doch zeigt sie die Faszination des Rollstuhlbasketballs: Die komplexe Koordination von Rollstuhl und Ball, der ständige Kampf um die entscheidende Position und die hohe Intensität in jeder einzelnen Aktion - das alles macht Rollstuhlbasketball so spektakulär.

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Rollstuhlbasketball-WM: 28 Teams, 19 Nationen, zwei Weltmeister

"Es hat sich erfreulicherweise in Deutschland zu einem richtigen Leistungssport entwickelt", sagt Nicolai Zeltinger, Trainer der Männer-Nationalmannschaft. Bei dem Turnier in Köln hat sein Team die letzten Vorbereitungsspiele für die WM in Hamburg bestritten. Vom 16. bis zum 26. August spielen die Männer und die Frauen jeweils ihren Weltmeister aus. (Hier geht's zum Spielplan.)

Wer diesen Sport einmal sieht, bleibt dabei

In Hamburg wird es auch darum gehen, den Sport bekannter zu machen. "Wenn wir uns alle gut präsentieren, ist das eine Riesenchance, Rollstuhlbasketball voranzubringen", sagt Martin Otto, Frauen-Nationaltrainer. "Unsere Herausforderung ist es immer nur, die Leute ein erstes Mal in die Halle zu kriegen", sagt Zeltinger. Denn wer diesen Sport einmal live gesehen hat, kommt meist wieder.

Zu beeindruckend, zu überraschend sind die Dynamik, die Trefferquoten und die körperliche Härte. Denn so sehr es beim Rollstuhlbasketball auch um Inklusion und Gemeinschaft gehen mag: In den viermal zehn Minuten zwischen Anwurf und Schlusssirene geht es nur ums Gewinnen. Die Geräuschkulisse auf dem Feld wird dominiert durch die Rufe der Spieler, das Quietschen von Reifen und den krachenden Laut von Metall auf Metall.

André Bienek (Nr. 8)
Gero Müller-Laschet

André Bienek (Nr. 8)

Sechs, sieben schnelle Stöße mit beiden Armen, dann hat André Bienek gegen Australien Fahrt aufgenommen. Er bekommt den Pass, wirft und trifft. Dann kracht es. Sein Rollstuhl knallt mit dem seines australischen Gegenspielers zusammen. Bienek fällt mitsamt seinem Sportgerät um - ist aber Sekunden später zum Freiwurf bereit.

Sich selbst wiederaufzurichten, das wird auch im Training geübt, genauso wie die sogenannten "Chair Skills", also der Umgang mit dem Rollstuhl als Sportgerät. Zudem gehören das Erlernen spielerischer Elemente und Übungen für die Athletik, zum Beispiel Berge hochrollen oder Lasten ziehen, zum Programm.

Gleiche Regeln, unterschiedliche Taktik

Die Regeln wurden weitestgehend vom Fußgänger-Basketball übernommen, wie Rollstuhlbasketballer das Pendant ohne Rollstuhl nennen. Es gelten alle Zeitregeln, der Schubfehler ersetzt den Schrittfehler, die Maße des Spielfelds und die Höhe des Korbs sind gleich. Das macht Rollstuhlbasketball herausfordernder, weil die Wurfdistanz aus dem Sitzen größer ist. Doppeldribbling ist allerdings erlaubt.

Große Unterschiede gibt es bei der Taktik, Einzelaktionen sind kaum möglich. Beim Nations Cup spielen auch die Frauen gegen Australien. Während eines Gegenangriffs bekommt Anne Patzwald einen weiten Pass, wird dann aber schnell von ihrer Gegenspielerin unter Druck gesetzt. Allein kommt sie nicht weiter. Ein Griff ans linke Rad des Rollstuhls, eine 360-Grad-Drehung, dann hat Patzwald etwas Platz. Sie spielt zu Mareike Miller, diese rollt auf die Zone zu, Korbleger, drin.

Anne Patzwald gegen Australien
Gero Müller-Laschet

Anne Patzwald gegen Australien

Durch den Rollstuhl sind die Lücken kleiner, die Spieler weniger wendig. Es geht nur über das Zusammenspiel. "Rollstuhlbasketball ist der ultimative Teamsport", sagt Nationalspieler Bienek: "Man ist aufgeschmissen, wenn man kein gutes Team um sich herum hat. Egal, wie gut der Einzelsportler ist." Aus Sicht seines Trainers gebe es in dem Sport "noch mehr Schachspiel" als im Fußgänger-Basketball. "Wir arbeiten viel mehr um Positionen", sagt Zeltinger.

Würfe von der Dreierlinie sind seltener als beispielsweise in der NBA. Das Ziel ist meist ein einfacher Wurf aus der Zone oder ein freier Korbleger. Aber auch Versuche von außen werden wichtiger. Nur so kann ein Team gegnerische Verteidiger herauslocken und Lücken aufreißen. Denn in der Defensive gilt: "Die Zone muss absolut geschützt werden", sagt Zeltinger.

Dafür werden Gegner hart angefahren, geblockt, eingekeilt. Die Athleten kämpfen um jeden Zentimeter. Gerade im Angriff braucht es eine bemerkenswerte Koordination. Ein ungenauer Pass ist nicht durch einen Ausfallschritt zu retten. Ein ungenauer Pass bedeutet: Arme an den Rollstuhl, die Position anpassen und die Arme dann sofort wieder für den Ball frei haben. Stets müssen die Athleten ihren Rollstuhl präzise ausrichten. Deshalb sei "die Kompetenz, das Spiel zu lesen, ganz klar höher", sagt Otto.

Trainingsaufwand, Spielqualität, Rollstühle - alles hat sich entwickelt

Beide Nationaltrainer sind schon Jahrzehnte in dem Sport aktiv. Und beide sehen eine enorme Entwicklung. Es gibt zwar noch Bundesligaspiele mit 100 Zuschauern. Zu Heimspielen des RSV Lahn-Dill in Wetzlar kamen in der vergangenen Saison im Schnitt aber 1400 Menschen, der Verein hat auch schon vor 4000 gespielt. Der Trainingsaufwand und die Qualität des Spiels haben ebenfalls zugenommen.

Auch das Material hat sich verändert. Früher rollten Rollstühle noch davon, wenn Spieler herausfielen. Heute sind die Athleten eins mit dem Sportgerät, sind festgezurrt. Zwischen den schräg gestellten Rädern gibt es Stützräder zur Stabilisierung und Rammbügel. Die Entwicklung findet Anerkennung, zum Beispiel in der Fernsehübertragung zur WM.

Die Übertragung der Rohlstuhlbasketball-WM

Wann Wo
16.8., Do., 13-14 Uhr ARD, Beitrag im Mittagsmagazin
19.8., Fr., 13.15-14 Uhr ARD, Live GER vs. USA (Damen)
22.8., Mi. sportschau.de, ggf. Viertelfinals mit deutscher Beteiligung
23.8., Do. sportschau.de, ggf. Viertelfinals mit deutscher Beteiligung
24.8., Fr. ZDF Livestream, ggf. Halbfinals mit deutscher Beteiligung
24.8., Fr., ca. 22.50 Uhr ZDF, Beitrag in SPORTextra im Anschluss an den Bundesliga-Auftakt
25.8., Sa., ca. 14.30 Uhr ZDF, Beitrag in SPORTextra
25.8., Sa., 20.15 Uhr ZDF Livestream, ggf. Damenfinale mit deutscher Beteiligung
26.8., So. sportschau.de, ggf. Herrenfinale oder Spiel um Platz drei mit deutscher Beteiligung
26.8., So., 17-18 Uhr ZDF, Beitrag in der Sportreportage

Bedarf zur Verbesserung gibt es bei der finanziellen Förderung. Verbände wie der britische oder der niederländische stellen ihre Athleten an, diese spielen dann hauptberuflich Rollstuhlbasketball. Deutsche Nationalspieler bekommen eine monatliche Basis-Sportförderung von 150 Euro.

In der Bundesliga, in der Männer und Frauen gemeinsam spielen, gibt es zwar zunehmend Athleten, die von ihrem Sport leben können. Das gilt allerdings vor allem für Männer. Dabei waren gerade die Frauen bei vergangenen Weltmeisterschaften erfolgreich (Bronze 2006, Silber 2010 und 2014). Die Männer warten noch auf ihre erste WM-Medaille.

Die Problematik der finanziellen Förderung in Deutschland kennen nicht nur paralympische Sportarten, im Behindertensport ist sie aber stärker ausgeprägt. Bei den Frauen sind die Niederlande aus Sicht von Otto auch wegen der finanziellen Unterstützung in Hamburg Favorit.

Bei den Männern sieht Zeltinger die USA, Großbritannien, Australien, Kanada und die Türkei vorn. Aber in Köln hat Deutschland den Frauen- und den Männerwettbewerb gewonnen und bewiesen, mit großen Nationen wie Australien mithalten zu können. Bei den Männern haben die Australier 2014 immerhin ihren WM-Titel verteidigt.

Ein Erfolg der Deutschen in Hamburg dürfte der nachhaltigen Entwicklung des Rollstuhlbasketballs helfen. "Wenn eine oder sogar beide Mannschaften um Medaillen spielen, würde die Begeisterung für unseren Sport noch größer werden", sagt Otto. Für Zeltinger wäre das auch gesellschaftlich ein Gewinn: "All die Menschen, die dahingehen, werden ab dem Zeitpunkt einen anderen Umgang mit Menschen mit Behinderung haben", sagt er.

Es gibt eine weitere Besonderheit des Rollstuhlbasketballs. Erfolg zeigt sich auch durch gelungene Inklusion. Menschen unterschiedlichster Behinderungsgrade betreiben den Sport gemeinsam auf höchstem Niveau. Auch wer im Alltag nicht im Rollstuhl sitzt, kann spielen.

Ein Klassifizierungssystem macht das möglich: Je nach körperlicher Einschränkung bekommen Spieler Werte zwischen 1 und 4,5. Der Gesamtwert des Teams darf 14 nicht überschreiten. Anders als beim 100-Meter-Lauf gibt es so nicht 30 Finals, wie bei den Paralympics 2016, sondern nur zwei, eins für die Männer und eins für die Frauen. Das macht den Sport übersichtlicher. Was bleibt, ist Spektakel.



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schehksbier 16.08.2018
1. Unlängst
war im TV ein recht ausführlicher Bericht über diesen Sport bzw. zwei Sportler zu sehen. Gezeigt wurden auch Momente ihres Alltaglebens. Hatte ich erst beiläufig die Sendung verfolgt, änderte sich das bald. Ich war wirklich beeindruckt, wie knüppelhart diese Sportart ist, wie hart das Training! Auch die Bewältigung der alltäglichen Anforderungen verdeutlichten wie leistungsfähig Behinderte sein können oder oft auch müssen. Ich habe selbst hinreichend entsprechende Erfahrungen und bin an erstaunte Gesichter der "Normalos" gewöhnt...
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