Bundestrainer im Interview Wie ein Punktesystem für Fairness im Rollstuhlbasketball sorgt

Beim Rollstuhlbasketball spielen Behinderte gemeinsam mit Nicht-Behinderten. Um Fairness zu garantieren, gibt es ein ausgeklügeltes Punktesystem. Wie das funktioniert, erklärt Bundestrainer Nicolai Zeltinger.

Deutscher Nationalspieler André Bienek
imago/ Beautiful Sports

Deutscher Nationalspieler André Bienek

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Beim Rollstuhlbasketball dürfen auch sogenannte Fußgänger mitspielen, also Menschen ohne Behinderung, die sich in den Rollstuhl setzen. Ist das eine umgekehrte Inklusion?

Nicolai Zeltinger: Das kann man sicher so sehen - und es ist auch zeitgemäß. Behinderte Jugendliche haben heutzutage - wenn sie denn auf Regelschulen gehen - vor allem nicht-behinderte Freunde. Früher sind die Rollstuhlfahrer mit zum Fußball gegangen und mussten vom Rand aus zuschauen. Heute können sie mit ihren Freunden gemeinsam Sport machen.

SPIEGEL ONLINE: 1994 wurde die 1. Rollstuhlbasketballliga für Nicht-Behinderte geöffnet. Was waren die Gründe?

Zur Person
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    Nicolai Zeltinger, Jahrgang 1971, selber Fußgänger, spielt seit seinem neunten Lebensjahr Basketball und trainierte bereits mit 14 eine Mannschaft. Mit 23 wechselte er zum Rollstuhlbasketball und feierte mit dem RSV Lahn-Dill zahlreiche Deutsche Meisterschaften. Seit 2011 ist er Bundestrainer der Männermannschaft, mit der er 2011 EM-Silber und 2015 EM-Bronze gewann.

Zeltinger: Menschen mit und ohne Behinderung sollten sich auf Augenhöhe miteinander messen können. Dadurch gibt es mehr Teilnehmer, auch das öffentliche Interesse wurde größer. Ich selbst spielte damals in der Regionalliga, für die Bundesliga war ich zu schlecht. Bei meinem ersten Probetraining bin ich mit dem Stuhl gestürzt - aber die Reaktionen der Anderen waren so herzlich, dass ich emotional eingefangen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erfahrungen vom herkömmlichen Basketball haben Sie mitgenommen?

Zeltinger: Das Spiel ist sich sehr ähnlich: gleicher Ball, gleiches Feld, gleiche Korbhöhe. Bei der Taktik gibt es aber Unterschiede. Einer der größten: Man kann beim Rollstuhlbasketball viel weniger Eins gegen Eins spielen. Um an einem Gegner vorbeizukommen, muss man einen großen Bogen fahren. Das gleichzeitige Dribbeln und Rollstuhlfahren macht Alleingänge besonders schwierig. Rollstuhlbasketball ist ein viel positionsbezogenerer Sport, viel strategischer.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Nicht-Behinderte haben Sie in der Nationalmannschaft?

Zeltinger: Es gibt eine Besonderheit: Anders als in der Bundesliga dürfen in der Nationalmannschaft nur Spieler mitmachen, die zumindest eine Minimalbehinderung haben. In der Nationalmannschaft haben wir drei Spieler, die im Alltag ohne Rollstuhl auskommen. Einer hat einen Hüftschaden, einer ein kaputtes Knie und einer eine inkomplette Querschnittslähmung.

SPIEGEL ONLINE: Um trotz der unterschiedlichen Behinderungsgrade Fairness zu gewährleisten, muss die Mannschaft nach einem speziellen Punktesystem aufgestellt werden. Wie funktioniert das?

Zeltinger: Die Spieler mit den stärksten Behinderungen, etwa einer hohen Querschnittslähmung, werden mit einem Punkt bewertet, Athleten mit der geringsten, wie einer kaputten Hüfte, mit viereinhalb. Ein Amputierter kann zwischen drei und vier Punkte haben. Die fünf Spieler auf dem Feld dürfen maximal 14 Punkte mitbringen.

SPIEGEL ONLINE: Haben diese Spieler auch verschiedene Aufgaben?

Zeltinger: Ja. Die weniger stark behinderten Spieler sitzen in der Regel höher, weil ihr Rumpf stabiler ist. Wenn ich also eine sogenannte Double-Big-Aufstellung wähle, dann habe ich einen Viereinhalber, einen Vierer, einen Dreier und zwei Einer. Das ist dann ein großes, reboundstarkes Team. Das Gegenteil ist die Quadruple-Three-Lineup: Vier Dreier, ein Zweier. Diese Spieler sind nicht besonders groß, aber sehr schnell - mit dieser Aufstellung machen wir Druck und werfen mehr aus der Distanz.

SPIEGEL ONLINE: Wer stuft die Spieler ein?

Zeltinger: Es gibt in jedem Land eine Kommission, die die Spieler mehrere Partien lang beobachtet und dann beurteilt. Diese Bewertungen werden vor internationalen Wettkämpfen wie der WM von einem internationalen Gremium überprüft. Bei Spielern mit minimalen Behinderungen müssen vorab noch Unterlagen bei einem Arzt eingereicht werden, um zu belegen, dass etwa ein Knieschaden tatsächlich irreversibel ist.

SPIEGEL ONLINE: Ein System, das bestimmt auch zu Ärger führen kann.

Zeltinger: Es gibt manchmal Proteste und nachträgliche Änderungen. Wir hatten nach der EM 2011 selbst einen solchen Fall: Zwei unserer Spieler wurden nach dem Turnier hochqualifiziert. Das hat unsere Paralympicsplanung durcheinandergebracht, wir mussten das Team umbauen. Unabhängig von der externen Bewertung können auch andere Entwicklungen zu einer Neubewertung führen: Etwa, wenn sich der gesundheitliche Zustand eines Spielers verschlechtert oder bessert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Sportart meinen Sie, wenn Sie nach 14 Jahren bei den Fußgängern und 24 Jahren bei den Rollstuhlfahrern heute "Basketball" sagen?

Zeltinger: Als ich mit meiner Tochter neulich beim Fußgängerbasketball war, hat sie mich gefragt, wann wir denn wieder zum "richtigen" Basketball gehen. Wenn ich selbst von "Basketball" spreche, dann meine ich beides: Die einen machen das zu Fuß, die anderen im Rollstuhl - aber der Sport ist doch der gleiche.

Die Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg beginnt am Donnerstag, den 16. August. Die deutschen Herren treffen in der Vorrunde auf Marokko, Kanada und Iran. Die Frauen spielen gegen die USA, Algerien, Frankreich, Argentinien und China.



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