Rostocker Olympia-Bewerbung Gebrochene Galionsfigur

Die Stadt Rostock hat die deutschen Chancen für die Vergabe der Olympischen Spiele 2012 leichtfertig riskiert: Der Spitzenmann des Kandidaten für die Segelwettbewerbe arbeitete nicht nur für die Stasi, sondern geriet bereits auch früher in Verdacht, als er Gelder dubioser Herkunft offerierte.


Harald Lochotzke: IM Kay Birkhoff
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Harald Lochotzke: IM Kay Birkhoff

Rostock - Augen zu und durch. Arno Pöker hatte es eilig. Kurzfristig hatte der Rostocker SPD-Oberbürgermeister am vergangenen Dienstag eine Pressekonferenz anberaumt, und schnell wollte er sie über die Bühne bringen.

"Intensiv und ausführlich" habe er vor wenigen Stunden mit dem in Indien urlaubenden Präsidenten des Olympia-Fördervereins, Harald Lochotzke, telefoniert und ihm "ans Herz gelegt", sein Amt wegen der gegen ihn erhobenen Stasi-Vorwürfe aufzugeben. "Dieser Bitte hat Herr Dr. Lochotzke entsprochen, um möglichen Schaden von der Olympiabewerbung" der Hansestadt abzuwenden.

Dann wollte Pöker "nach vorn schauen". Doch die Journalisten wollten nicht. Schließlich war Lochotzke nicht nur die Galionsfigur der Rostocker Olympiabewerbung, sondern ist auch einer größten und umstrittensten Investoren auf dem Immobilienmarkt der Hafenstadt. Ein Mann, der beim Verkauf stadteigener Grundstücke oft die Nase vorn hat und bei dem sich nicht nur Konkurrenten fragen, wie er das alles finanziert.

Sybille Bachmann, Bürgerschaftsabgeordnete der Fraktion "Rostocker Bund" meint, dass die Stadt-Oberen die Hauptschuld am Olympia-Desaster trifft. Seit der Wende hätte es wiederholt Hinweise auf Stasi-Verstrickungen Lochotzkes gegeben: Anhaltspunkte für mögliche Verbindungen des Vorzeige-Unternehmers ins Schattenreich des DDR-Devisenbeschaffers und Stasi-Offiziers Alexander Schalck-Golodkowski seien öffentlich diskutiert worden.

Als Vater des Erfolgs gefeiert


Bachmann: "Wenn der Oberbürgermeister sich jetzt davon überrascht und enttäuscht zeigt, ist dies pure Heuchelei." Zumal Pöker im Bezug auf Lochotzke, laut "Ostsee-Zeitung" gesagt haben soll: "Die Stadt braucht Investoren und ich werde mich hüten, in deren Vergangenheit herum zu wühlen." Und so kettete sich die Stadt in punkto Olympia bedingungslos an den "Herrn der Ringe" ("Bild"-Zeitung). Der trommelte Sponsoren zusammen und sorgte mit für das sprachlich verunglückte Kampagnen-Motto ("Ich bin ein Rostock-Olymp") und schaffte es, dass DJ Ötzi seine US-Tournee verschob, um auf einer Werbeveranstaltung für Olympia auf der "Hanse-Sail" aufzutreten. Klar, dass so einer auch bei der Entscheidung in München im April, neben Bürgermeister Pöker und Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD), als Vater des Erfolgs gefeiert wurde.

Auf Lochotzke zu setzen, war grob leichtsinnig. Die Verantwortlichen hätten das wissen müssen. Denn in den Aktenbeständen des Rathauses findet sich etwa ein Vorgang aus dem März 1990. Damals hatte der Ostler den Stadtoberen die ungeheure Summe von einer Milliarde D-Mark in Aussicht gestellt, die ein internationales Konsortium angeblich in Rostock investieren wollte.

Wichtig sei nur, "dass die Stadt Rostock" sich per Ratsbeschluss bereit erkläre, "diese Partnerschaft anzunehmen und die erforderlichen Grundstücke (auch ohne, dass sie vom Konsortium gekauft werden) bereitstellt". Der damals noch amtierende langjährige SED-Bürgermeister Henning Schleiff gab Lochotzke grünes Licht.

"Ausgemachter Schwindel"


Doch in der Stadt regierten da bereits über den Runden Tisch die Bürgerbewegten mit. Und die baten den ehemaligen Hamburger Bürgermeister Peter Schulz, der die Polit-Neulinge als Anwalt zum symbolischen Preis von einer DDR-Mark beriet, die Sache zu prüfen. "Mir war sofort klar", so Schulz, "dass das ein ausgemachter Schwindel sein musste". In einem zweiseitigen Vermerk listete er damals seine "Zweifel an der Seriosität des an die Stadt herangetragenen Projekts" auf. Besonders Lochotzkes Firma "alpha-consult" schien ihm fragwürdig. Die habe noch nicht einmal eine "Geschäftsadresse, sondern gibt auf ihrem Briefbogen als Anschrift 'postlagernd Warnemünde' an. Unter den ... angegebenen Telefonnummern meldet sich das Hotel Neptun". Dort hatte, damals wie heute, der Schalck-Vertraute Klaus Wenzel als Direktor das Sagen. Ein Mann, der auch für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätig war.

Den Verdacht, er habe damals Gelder aus dem Schalck-Imperium waschen wollen, weist Lochotzke mit Nachdruck von sich: "Ich bin damals naiv gewesen und von West-Geschäftsleuten missbraucht worden." Ob die das Geld wirklich gehabt hätten, erscheint ihm aus heutiger Sicht zweifelhaft. Es habe sich aber bei der einen Milliarde "mit Sicherheit nicht um SED-Vermögen oder Geld aus Beständen des Schalck-Bereichs 'Kommerzielle Koordinierung' gehandelt".

Kann sein, kann nicht sein. Sicher scheint: Lochotzke hat in seinen bisherigen Einlassungen zum Thema Stasi offenbar die Unwahrheit gesagt. Er habe "ausschließlich über" seine "Auslandsaufenthalte berichtet" und "nie Menschen bespitzelt". Auch mit der Umgehung der westlichen Embargo-Bestimmungen für den Export von Computern in die DDR habe er nichts zu tun gehabt. "In das Klischee des Inoffiziellen Mitarbeiters (IM) passe ich nicht."

Für Mielkes Männer interessant


In seiner mehr als 400 Seiten starken Akte, MfS-Registriernummer I 650/86, liest sich das anders. Mielkes Männern schien der Software-Spezialist, der in der Außenstelle des Volkseigenen Betriebs (VEB) "Ökonomisches Forschungszentrum des Binnenhandels" im Warnemünder Hotel Neptun arbeitete, wegen seiner "Kontakte mit Geschäftsführern BRD Firmen" interessant.

Auf die Avancen der DDR-Geheimen reagierte der aufstrebende Jung-Kader, der EDV-Systeme und Prozessteuerungsautomaten im Arbeiter- und Bauernstaat funktionsfähig machen sollte, positiv. In einem "Bericht über durchgeführte Kontaktaufnahme" hielt der zuständige Stasi-Offizier fest, der IM-Kandidat "sah diese Aufgabenstellung und sein Engagement...als parteipolitische Selbstverständlichkeit". Gut zwei Monate später und mehr als ein Jahr bevor er als "Reisekader" ins Ausland durfte, verpflichtete sich Lochotzke am 2. Juli 1986 handschriftlich "auf Grund meiner politischen Überzeugung...mit dem MfS inoffiziell zusammen zu arbeiten".

Der IM mit dem Decknamen "Kay Birkhoff" war eifrig - beileibe nicht nur im Ausland. Er berichtete über Westkontakte seiner Schwiegereltern, schwärzte den Neptun-Empfangschef an ("evtl. persönliche Bereicherung") und sicherte sogar den Hausschlüssel eines in den Westen geflohenen Nachbarn.

Die Stasi-Betreuer waren zufrieden: "Charakterisiert und belastet Personen mit Sachverhalten, einschließlich engster Verwandter - die Einschätzungen wurden als objektiv und wahr eingeschätzt." Lochotzke sieht das anders: Seinen Auskünften über Personen habe er damals "keine Bedeutung" zugemessen. "Ich wollte nie jemandem wissentlich schaden." Der Stasi habe er nur das erzählt, was er auch öffentlich geäußert habe.

"Kay Birkhoff" machte schnell Karriere


Wie dem auch sei, fest steht: IM "Kay Birkhoff" machte auch im Job schnell Karriere. Über das "Forschungszentrum" ergaben sich Querverbindungen zum DDR-Ministerium für Außenhandel und von dort zu Schalck. Im August 1987 hielt sein Führungsoffizier, Hauptmann Haase, nach einem Treff in der Konspirativen Wohnung (KW) "Schmarl" fest: "Des weiteren teilte der IM mit, dass das Außenhandelsministerium (Schalck) eine Vereinbarung bestätigt hat, wonach der IM Konsultant der DDR für" eine Hamburger Computer-Firma "für alle Abschlüsse mit der DDR ist". Somit habe "der IM für eine große Zahl inoffizieller Aktivitäten entsprechende Motivierung".

Offenbar eine richtige Einschätzung. In der MfS-Akte findet sich eine von Lochotzke handschriftlich verfasste Liste von Westfirmen, die bereit seien "unter Umgehung" des Embargos "an die DDR Hard- und Software zu liefern"? Inklusive Tipps für den Umgang von Mielkes Mannen mit deren Geschäftsführern: "Steht auf Frauen".

Lochotzke bestreitet, jemals Embargo-Ware für die DDR beschafft zu haben, und auch zum Bereich "Kommerzielle Koordinierung" habe er nicht gehört: "Ich habe weder Schalck noch seinen Stellvertreter Seidel je persönlich getroffen oder gesprochen." Deshalb findet er es auch "tragisch" dass die Stasi-Olympia-Debatte ihn jetzt in einem Licht erscheinen lasse, in das er nicht gehöre. "Es ging mir immer nur um die Sache". Dabei sein ist eben alles. Und ganz raus ist er auch nach seinem Rücktritt nicht. Im Olympia-Beirat der Landesregierung hat er noch immer Sitz und Stimme.



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