Gold im Ruder-Doppelvierer Der Ohnmacht näher als dem Bewusstsein

Die Polinnen schienen schon davon zu sein, doch dann setzten die Deutschen zu ihrem Schlussspurt an: Die Goldmedaille im Doppelvierer der Frauen ist das Ergebnis von Teamgeist - und harter Arbeit.

AP

Aus Rio de Janeiro berichtet Michael Wilkening


Plötzlich brach alles aus Annekatrin Thiele heraus. Als die Ruderin nach ihrer Familie gefragt wurde, sorgte ein Gemisch aus Glück, Erschöpfung und Trauer dafür, dass Thiele die Fassung verlor. "Dass meine Mutter hier ist, ist sehr wichtig für mich. Mein Vater kann ja leider nicht." Wenige Minuten zuvor hatte sie die ersehnte Goldmedaille bei Olympischen Spielen gewonnen und jetzt liefen ihr Tränen über die Wangen. Der Gedanke, dass der Vater ihren sportlich bedeutendsten Moment nicht miterleben konnte, rührte sie sichtlich.

Thiele hatte schon zwei Finalläufe bei Olympischen Spielen erlebt und zwei Mal war ihr dabei der Triumph versagt geblieben. In Peking 2008 gab es im Doppelzweier ebenso die Silbermedaille wie vier Jahre später in London im Doppelvierer. "Endlich geschafft", sei deshalb ihr erster Gedanke nach der Zieldurchfahrt gewesen, die Erleichterung größer als die Euphorie.

Dabei hatte die wetterbedingte Verlegung des Rennens von Mittwoch auf Donnerstag den Gold-Plan fast platzen lassen. Carina Bähr hatte über Nacht Schnupfen bekommen. Doch dass auch Erkältungsviren die Ruderinnen nicht stoppen konnte, lag am Teamgeist. Viele kleine und große Rückschläge hatte es in den Monaten zuvor gegeben, und immer wieder mussten die vier Frauen mit ihnen umgehen. Das Training hatte sie zu einer Einheit geformt, die im Moment größter körperlicher Belastung den Angriffen von außen standhielt.

"Der längste Schlussspurt in meinem Leben"

Carina Bähr ist ruhig und geordnet in ihrem Tun, Julia Lier eher flippig und Thiele die Pflichtbewusste. "Lisa ist oft grimmig, aber dann haut sie manchmal einen raus", beschrieb Bär Schlagfrau Lisa Schmidla. Einen raushauen, das war im Finale nötig. Im Saisonverlauf hatte der Frauen-Doppelvierer seine Rennen meist offensiv gestaltet und von der Spitze aus kontrolliert. Diesmal ging der Plan nicht auf, denn die Konkurrentinnen aus Polen flogen zu Beginn förmlich davon. Die Taktik funktionierte nicht, so dass es darauf ankam, flexibel zu reagieren.

Der Puls jeder einzelnen Ruderin bewegte sich längst in Grenzbereichen, wo die Ohnmacht näher ist als das Bewusstsein. Doch die Deutschen mussten sich auf die Jagd nach den Polinnen machen, die nach halber Strecke bei 1000 Metern mehr als zwei Sekunden vor dem favorisierten Boot lagen. Jetzt war Schmidla gefordert, die als Schlagfrau entscheiden muss, wie viel sie sich und den anderen zutrauen kann. Die Muskeln brannten längst, als Schmidla noch einmal das Tempo erhöhte. Wäre auch nur eine der Frauen nicht in der Lage gewesen, der Tempoverschärfung zu folgen, wären die Deutschen aus dem Rennen gewesen.

Thiele hatte in diesem Moment keine Zeit, darüber nachzudenken, dass ihr im dritten olympischen Finale zum dritten Mal der zweite Platz drohte. Sie zog einfach noch mal schneller die Blätter durchs Wasser. Die anderen wussten, dass sie sich auf Schmidla verlassen konnten, und deshalb zogen alle miteinander den Schlussspurt an. "Ich glaube, das war der längste in meinem Leben", sagte Bär.

Im Ziel warteten in diesem Moment die deutschen Männer, die wenige Minuten zuvor bereits die Goldmedaille im Doppelvierer gewonnen hatten. Sie hatten die Taktik der Polinnen gewählt, waren damit erfolgreich gewesen und sahen jetzt, dass es sich für Schmidla, Bär, Thiele und Lier lohnte, die Leistungsgrenze ein Stück zu verschieben. Als die Polinnen eingeholt und Gold gewonnen war, sackten die Deutschen in ihrem Boot zusammen. "Als wir aus dem Boot aufgestanden sind, haben wir uns in den Arm genommen, damit keiner von uns umfällt", sagte Bär später. Platz für Emotionen war erst wieder, als Thiele an ihren Vater dachte.



insgesamt 4 Beiträge
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stepanus34 11.08.2016
1. Schön!
Gratulation!
shoper34 11.08.2016
2. Tolle Leistung der Doppel
Die Goldmedaille im Doppelvierer der Frauen ist das Ergebnis von Teamgeist - und hartem Doping .
alyeska 11.08.2016
3. Gratulation zu diesem Sensationssieg !!!
Toll gemacht und mit was für einem Teamgeist. Höchster Respekt und ein großes Danke für diese Leistung.
wind_stopper 12.08.2016
4. Ganz toll
Ruderer sind einfach grandios. Was die an Leistung bringen ist schon der Wahnsinn. Herzlichen Glueckwunsch an die Vier.
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