Silber für den Ruder-Achter Abgehängt

Der Ruder-Achter der Männer konnte seinen Goldtriumph von 2012 nicht wiederholen. Gegen Großbritannien hatten die Deutschen keine Chance - aus einem einfachen Grund.

Deutsche und britische Ruderer
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Deutsche und britische Ruderer

Aus Rio de Janeiro berichtet Michael Wilkening


Das letzte Rennen der Ruderer bei den Olympischen Spielen in Rio auf dem malerisch gelegenen Gewässer war spannend. Mal lag das eine Boot knapp vorne, dann das andere. Erst wenige Ruderschläge vor der Ziellinie war klar, dass die Deutschen vor dem Boot aus den Niederlanden landen würden. Der Deutschland-Achter hatte das Duell knapp gewonnen.

Doch die Jubelschreie im deutschen Boot blieben aus, die Enttäuschung war zu groß. Denn das Duell gegen die Niederlande war nicht der Kampf um den Olympiasieg, es war der um die Silbermedaille. Die acht Riemenruderer und Steuermann Martin Sauer hatten ihr Ziel nicht erreicht, die Wiederholung des Olympiasiegs von 2012 war gescheitert. Gold ging an die Briten, deren Boot zwischenzeitlich mehr als eine Länge vor dem Rest des Feldes lag. Der Weltmeister fuhr in einer eigenen Liga.

"Wir haben die Silbermedaille gewonnen, die Briten waren auf einem anderen Niveau", sagte Eric Johannesen. Als er mit seinen Kollegen mühsam und erschöpft aus dem Boot geklettert war, wirkten die Deutschen nicht wie Gewinner. Enttäuscht setzten sie sich auf den Anlegesteg. Schlagmann Hannes Ocik musste lange von seinen Kameraden getröstet werden, ehe er sich die Silbermedaille um den Hals hängen lassen konnte. Der gerade eben geplatzte Traum von der Goldmedaille wirkte nach.

Britischer Sieg hatte sich abgezeichnet

Die Achter-Ruderer hatten sich eingeredet, den Briten Konkurrenz machen zu können, obwohl die in allen wichtigen Rennen seit den Olympischen Spielen in London stärker waren. Drei Mal waren sie Weltmeister geworden, der Olympiasieg war nur eine logische Fortsetzung. Und deshalb schaffte es Johannesen auch, mit etwas Abstand zum Rennen eine positive Sicht auf das Geschehene zu erlangen. Er wusste, dass die Deutschen alles gegeben hatten, den strukturellen Nachteil aber nicht überwinden konnten.

Denn in Großbritannien greift längst ein System, das schon vor den Spielen in London eingeführt wurde. "Das kann man mit einem Profiverein im Fußball vergleichen", sagte Steuermann Sauer. "Die Briten haben ihre besten Ruderer quasi ausgegliedert. Alle Athleten, die hier in den Booten saßen, arbeiten wie Profis." Der Nachwuchs und die Amateure trainieren in der Rudernation in ihren Vereinen, die Besten werden abgezogen. Zentral bereiten sie sich die gesamte Saison auf den jeweiligen Höhepunkt vor. Diese Herangehensweise führt dazu, dass Großbritannien in Rio mehr Medaillen gewonnen hat als jede andere Nation.

Deutschland kam der Ausbeute mit zwei Goldmedaillen im Doppelvierer der Frauen und Männer sowie der Silbermedaille im Achter der Männer am nächsten. Doch das Erfolgsbild trügt, denn dem Deutschen Ruder-Verband (DRV) fehlt es an hochkarätigem Nachwuchs, um die sich abzeichnenden Rücktritte nach den Spielen abfangen zu können. "Großbritannien hat eine unglaubliche Kaderbreite im Riemenbereich und wir können froh sein, dass sich unsere Jungs hier so reingebissen haben", sagte Trainer Ralf Holtmeyer.

Es gibt ein Strukturproblem

Nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking hatte der DRV auf genau das Gegenteil vom britischen Modell gesetzt. "Wir haben die Dezentralisierung ausgerufen, und da steckt jetzt schon Führungsschwäche dahinter, das muss man so offen sagen", kritisierte der Trainer des deutschen Achters. Zum Teil trainieren seine Athleten an unterschiedlichen Stützpunkten, nicht immer sind sie in Dortmund zusammengezogen. "Es gibt Bundestrainer, Landestrainer, Stützpunkttrainer und die Coaches in den Vereinen", sagt auch Sauer. Nicht die Qualität der Trainer sei das Problem, fügte er an, sondern die unterschiedlichen Methoden und Ansichten.

Derlei Probleme kennt Jürgen Grobler nicht. Der Magdeburger arbeitet seit mehr als 20 Jahren für den britischen Verband und führte jetzt den Ruder-Achter zum Olympiasieg. Kompromisse in der Vorbereitung musste er nicht eingehen. "Ein Mann wie Grobler kommt nicht mehr nach Deutschland zurück", sagte Holtmeyer. "Der könnte seine Ideen bei uns gar nicht durchsetzen."



insgesamt 16 Beiträge
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georoli 13.08.2016
1. Zentralismus - Dezentralismus?
Man sollte sich einfach nicht der Erkenntnis verschließen, dass England ein sehr zentralistisch strukturiertes Land ist. Es ist viel einfacher in einem Land in dem sowieso die Mehrzahl in einem Großraum lebt (London) Athleten an einem Ort zusammen trainieren zu lassen, als in einem Land in dem die Leistungstrainer über hunderte oder tausende von Kilometern vertraut leben. Also muss man auch das Training anders organisieren. Sämtliche Talente zu zwingen schon in jungen Jahren alle von zu Hause wegzuziehen, nur um gemeinsam an einem Ort zu trainieren ist menschenverachtend und kann nicht wirklich die Forderung des Kommentators sein. Deutschland wird eigene Wege finden müssen das zu organisieren. Zudem zeigen ja auch die Goldmedaillen der Doppelvierer, dass man auch mit diesem System erfolgreich sein kann. Bei uns im Ort trainiert das Nachbarskind im Ort und rudert bei den Meisterschaften mit einem aus einem weit entfernten Ort und schafft es auch den Titel zu holen.
olga1951 13.08.2016
2. Früher
ging es besser als wir nur einen Trainer hatten. Je mehr Leute meinen sie hätten etwas zu sagen um so mehr geht in die Grütze.
Isegrim1949 13.08.2016
3. Listige Zwischenfrage
Gründeten sich die Erfolge der DDR-Ruderer eventuell eben nicht alle auf Doping sondern auf vernünftiger Organisation des Trainings ? Sportschulen als Leistungszentren haben sich eben bewährt und sind aus meiner Sicht nicht menschenverachtend sondern Bedingung für eine gut überwachte, gesunde Entwicklung des einzelnen Sportlers und der Zusammenführung einer Mannschaft.
james16 13.08.2016
4. Ich kann
nicht nachvollziehen, was bei uns so viel anders sein soll als bei den Briten. Bei dem unklaren Verfahren wer warum in welchem Boot der Nationalmannschaft sitzt, kann ein lokaler Trainer eigentlich gar keine Lust haben, eine Mannschaft zur Spitze zu fuehren. Dass dies moeglich ist, zeigen u.a. der Bodenseevierer von 1972 und der Doppelvierer von 1984. Ich habe den Eindruck, man sieht im DRV die lokalen Trainer als Konkurrenz und nicht als Potential, das richtig unterstuetzt mehr Leistung bringen kann als einige wenige zentrale Trainer. Der DRV lebt schon lange vom Raubbau an den lokalen Vereinen. Die besten Leute zentral zusammenziehen als Angebot ok, aber nicht als Voraussetzung fuer die Nationalmannschaft.
aurichter 14.08.2016
5. Es gibt eben
Höhen und Tiefen in jeder Sportart. Sehen wir uns bspw das ehemalige Paradepferd im deutschen Olympiazirkus an, dem Fechten. Da hat man vieles Vernachlässigt und das Ergebnis sehen wir. Beim Radsport zeigen es uns die Briten auch, wie es funktionieren kann. Die primäre Erkenntnis ist jedoch, es fehlt der willige Nachwuchs, denn was nützt das schönste und beste Förderprogramm, wenn es junge Menschen woanders hinzieht. Diese jahrelange Schinderei ohne Garantie auf Erfolg wollen viele Sportler nicht mehr auf sich nehmen. Somit werden Erfolgszeiten - siehe auch Tennis - mehr oder weniger durch den Zufall bestimmt, in denen die Talente den Sprung an die Spitze schaffen. In DE sollten die Landesleistungszentren wesentlich stärker ausgebaut und gefördert werden, allerdings fehlen dazu die Fördersummen aus der Wirtschaft, die eher in TV präsente Sportarten gepumpt werden wie Fußball, Handball etc Auch ist die Deutsche Sporthilfe viel zu wirkungslos, dabei geht es nicht um ein verhätscheln von Sportlern, sondern um intensivere Förderung im Umfeld. Genau dies haben die Briten mit den Olympischen Spielen in 2012 gemacht und auch weiter durchgezogen. Warum kann man daraus nicht lernen?
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