Deutsche Tennishoffnung Molleker Sechzehn Jahr, blondes Haar

Nadal im Urlaub, Zverev untreu, Haas kurz vor der Rente: Michael Stich, Turnierdirektor am Hamburger Rothenbaum, kämpft um die Gunst der Tennisfans. Ein 16-jähriger Berliner könnte ihm das nötige Märchen liefern.

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Michael Stich konnte einem leidtun. Mit dem Spanier Pablo Carreño Busta, bis dahin topgesetzt, und dem Franzosen Richard Gasquet sagten dem Direktor des ATP-Turniers am Rothenbaum vergangene Woche die letzten beiden Hochkaräter ab. Und auch der Versuch, Sandplatzkönig Rafael Nadal mithilfe eines Rechenspiels nach Hamburg zu locken, schlug fehl: "Der Hinweis, dass er durch einen Sieg bei uns wieder die Nummer eins der Weltrangliste werden würde, hat nicht gezogen", sagte Stich enttäuscht. Nadal macht lieber Urlaub - das Teilnehmerfeld, ätzen böse Zungen, gleicht nun dem eines besseren Ferienpokals.

Seit dem Traditionsturnier 2009 der Masters-Status aberkannt und es in den für ein Sandplatzevent undankbaren toten Winkel zwischen Rasen- und Hartplatzsaison geschoben wurde, haben die Veranstalter einen schweren Stand. Und so ist dem altehrwürdigen, aber eben auch in die Jahre gekommenen Rothenbaum in diesem Jahr nur ein Zugpferd verblieben: Tommy Haas.

20 Jahre nach seinem ersten Hamburg-Auftritt will sich der 39-Jährige ein letztes Mal in seiner Geburtsstadt präsentieren. Damals stürmte der junge Tommy bis ins Halbfinale - schwer vorstellbar, dass der alte Haas, geschunden von diversen Verletzungen, diesen Coup wiederholen wird. Immerhin, am Sonntag durfte er noch einmal auf dem Centre-Court jubeln: In einem zum "Legendenmatch" erkorenen Schaukampf deklassierte er den neun Jahre älteren Stich. Große Namen, große Gefühle, La Ola auf den Rängen. Am Dienstag könnte Haas der graue Hamburger Alltag jedoch schon wieder eingeholt haben, wenn er auf den argentinischen Sandplatzspezialisten Nicolas Kicker trifft.

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Tennisturnier in Hamburg: Rudibaum

Wie lockt man Tennisfans an den Rothenbaum, in der Ferienzeit, im regnerischen Hamburger Juli? Stich treibt diese Frage jedes Jahr aufs Neue um. Ein Ass hat der frühere Wimbledon-Champion noch im Ärmel: Hamburg gilt nicht erst seit Haas' Halbfinalwunder als gutes Pflaster für Rookies. Roger Federer verbuchte hier 2002 seinen ersten Masters-Titel, Alexander Zverev spielte sich 2014 als 17-Jähriger sensationell unter die letzten vier. Ein Tennis-Märchen vor heimischem Publikum, und plötzlich war der sonst überdimensionierte Centre-Court wieder ausverkauft.

Auf Zverev kann Stich in diesem Jahr nicht bauen, trotz einer angeblichen Fünfjahresvereinbarung. Zumindest ein kleines Märchen hat die 111. Rothenbaum-Auflage dennoch schon zu bieten, mit einem Helden namens Rudi.

Achtungserfolg in der Qualifikationsrunde

Vor zwei Wochen spielte Rudi Molleker noch in Wimbledon. In der zweiten Runde war Endstation - bei den Junioren. Molleker ist 16 Jahre alt, U14-Europa- und Weltmeister, das, was man beim Deutschen Tennisbund erwartungsvoll "Hoffnung" nennt. In Hamburg erhielt der Berliner über die DTB-Förderung eine Wildcard für die Qualifikation. Ein bisschen Profi-Luft schnuppern, so die Idee, wertvolle Erfahrung für spätere Aufgaben.

Doch wieso später, wenn sich die große Bühne jetzt schon bietet? Nach einem Achtungserfolg in der ersten Qualifikationsrunde bezwang Molleker am Sonntag auf dem Centre-Court den Argentinier Leonardo Mayer, Rothenbaum-Sieger von 2014 und schlappe 800 Plätze vor Molleker in der Weltrangliste platziert. Damit ist er einer der jüngsten Spieler überhaupt, die sich für das Hauptfeld eines ATP-Turniers qualifizieren konnten - in diesem Jahrtausend waren nur der US-Amerikaner Ryan Harrison (2008 in Houston) und der Franzose Gasquet (2003 in Monte Carlo) jünger. Am Dienstag trifft er in der ersten Runde auf den Russen Karen Chatschanow.

"Er rennt dem Ball hinterher, bis er nicht mehr kann"

Rudi heißt eigentlich Rudolf, geboren in der Ukraine, die Vorfahren deutsche Spätaussiedler. Als Rudi drei war, zog die Familie ins brandenburgische Oranienburg, Plattenbausiedlung, nicht gerade klassisches Tennismilieu. Doch der Blondschopf eiferte seinem älteren Bruder German nach, fing beim Berliner Verein Frohnau an - nicht nur sein Ballgefühl fiel dort bald auf, auch Rudis enormer Ehrgeiz. "Er gab keinen Ball verloren, wollte sich von Anfang an immer weiter verbessern, immer mehr trainieren", sagt Benjamin Thiele, der Molleker seit Kindesbeinen an beim Spandauer Klub Sutos trainiert.

Ehrgeiz braucht es zweifelsohne, will man es ganz nach oben schaffen. Und doch ist eine Jugend im Spitzensport immer auch eine Gratwanderung zwischen Eifer und Übereifer. "Er hat einen großen Willen", sagt Thiele dem SPIEGEL, "das ist sehr positiv, manchmal aber auch nicht ganz so einfach." Immer Disziplin, immer Verzicht und dazu der Zeitplan eines Top-Managers - Schule, Training, Hausaufgaben und am Wochenende Turniere -, während die Klassenkameraden heimlich hinter der Turnhalle rauchen oder im Freibad ihre Jugend verschwenden.

Die Schule hat Molleker mittlerweile nach der mittleren Reife beendet. Die Hälfte des Jahres ist er auf Wettkämpfen unterwegs, weltweit. Das zehrt nicht nur am Kopf, sondern auch am wachstumsverschobenen Körper.

Thiele, 37, weiß das selbst am besten: In der Jugend einer der besten deutschen Tennisspieler seines Jahrgangs, schaffte er den Sprung ins Profitennis nicht. Verglüht nennt man das in Sportlerkreisen.

"Von Oranienburg nach Wimbledon"

Auch Molleker durchlief nach seinen U14-Erfolgen eine erste Talsohle, war häufig verletzt, zu häufig für einen jungen Sportler. Wollte da jemand zu früh zu viel? War es zu viel Rummel für einen 13-Jährigen, der sich im Regionalfernsehen porträtieren ließ, Titel: "Von Oranienburg nach Wimbledon"? In der DTB-Förderung betrachtete man das mit Sorge.

Aber eine junge Tenniskarriere will eben auch finanziert, Sponsoren wollen gefunden werden, das war bereits zu Tommy Haas' Zeiten nicht anders, der sich später in einen jahrelangen Rechtsstreit um Gewinnbeteiligungen verwickelt sah. Und wo im Fußball die Infrastruktur des Vereins greift, wächst sich eine junge Tenniskarriere schnell zum Familienunternehmen aus. Trainings- und Turnierfahrten rauben Zeit, Ausrüstung und Reisen gehen ins Geld. Das verdient bei den Mollekers Mutter Tanja, sie arbeitet als Zahnärztin - Vater Roman kutschiert den Sohn durch die Republik, betreut ihn außerdem als Fitnesscoach. Ein Vollzeitjob.

Entbehrung, Aufopferung, Risikobereitschaft - längst nicht immer geht die Rechnung auf, Vorbilder wie die Gebrüder Zverev, die lange vom eigenen Vater trainiert und gemanagt wurden, sind die Ausnahme. "Den größten Druck macht sich Rudi selbst", sagt Thiele über seinen Schützling. Der es jetzt zumindest schon mal von Oranienburg an den Rothenbaum geschafft hat.



insgesamt 7 Beiträge
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ludna 24.07.2017
1. Unproffesionell
der Vater als Fitnesscoach (und Manager ??). Ein Clubtrainer als Trainer für einen angehenden Profi ?? Finanzierung über Sponsoring und vom Gehalt der Mutter ) Sorry, aber bei diesen unprofesionellen Strukturen brauchen wir uns nicht wundern. Was macht eigentlich der Verband ? Mitgliedsbeiträge kassieren ? Die Landesverbände sind ja zuständig, aber wenn ich das "Cheftraining" für den Top-Nachwuchs in meinem Bundesland zuschaue, so haben wir früher auch in der Bereichsklasse trainiert.
sonntag500 24.07.2017
2. Vorgestern Kleber, ...
... gestern Zverev und heute eben dieser Oranienburger (b. Berlin) Molleker. Deutschland auf der Suche nach dem neuen Heiland im Tennis. Der Letzte ist tief gestützt.
Fletsch 24.07.2017
3. Am Samstag beim Doppel...
... zeigte er Null Ehrgeiz, kasperte etwas rum. So wird das nichts. Boris war mit 17 immer hundert Prozent bei der Sache.
jujo 25.07.2017
4. ....
"Jugend im Schwimmbad verschwendet?" Ich sehe es eher als Verschwendung anseine Jugend dem Sport zu opfern. Es gibt besseres und schöneres. Mir hat die "verschwendete" Zeit im Schwimmbad jedenfalls gute Stunden gegeben und jetzt schöne Erinnerungen!
umucl 25.07.2017
5. Tennis am Roten Baum – wie lange noch?
Bei einer Busrundfahrt letzten Juni in Hamburg erklärte uns der Reiseleiter, dass die Tennisanlage "Roter Baum" wohl abgerissen wird. Ist da was dran?
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