Scharpings BDR-Rückzug: Präsident Radlos

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BDR-Präsident: Scharping steigt vom Rad Fotos
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Acht Jahre stand er an der Spitze des Radsports - jetzt gibt Rudolf Scharping sein Präsidentenamt ab. Vor allem als Anti-Doping-Kämpfer hat der frühere Minister wenig getan. Er hinterlässt einen verunsicherten und gespaltenen Verband.

Zumindest eines kann man dem Radsportfunktionär Rudolf Scharping nicht nachsagen: Dass er sich nicht treu geblieben sei. Als im Gefolge der Dopingbeichte von Lance Armstrong im Januar dieses Jahres immer neue Vorwürfe gegen den Radsportweltverband UCI und seinen Chef Pat McQuaid aufkamen, als immer neue Details über die Mitwisserschaft der UCI-Funktionäre an dem jahrelangen Doping-Netzwerk im Profiradsport kolportiert wurden, blieb Scharping bei seiner Linie: kein öffentliches Wort des Vorwurfs an McQuaid.

Ob er glaube, dass McQaid und dessen Vorgänger Hein Verbruggen über all die Jahre Doping gedeckt haben? Antwort Scharping: "Ich habe mir abgewöhnt zu glauben oder nicht zu glauben. Ich halte mich an die Tatsachen."

Tatsache ist: Scharping wird beim nächsten Verbandstag des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) nicht mehr für das Amt des Präsidenten kandidieren. Tatsache ist: Scharping hatte das Amt des BDR-Chefs in einer Zeit inne, die für den Radsport wohl die schwierigste in seiner bisherigen Geschichte war. Tatsache ist: Scharping hat wenig dazu beigetragen, die Krise dieses Sports zu überwinden.

"Ich halte nichts davon, Konflikte zu personalisieren"

Der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende und frühere Bundesverteidigungsminister hat das Dopingthema, das den Radsport seit nunmehr 15 Jahren überstrahlt, ausgesessen. Als entschiedener und offensiver Kämpfer gegen die Leistungsmanipulation ist er in seinen acht Amtsjahren kaum aufgefallen. Als Kollegen wie der luxemburgische Radsportchef Jean Regenwetter, der die UCI als "Bananenrepublik" bezeichnet hat, McQuaid längst ins Visier genommen hatten, sagte Scharping lediglich: "Ich halte nichts davon, Konflikte regelmäßig zu personalisieren."

Diese Abneigung von seiner Seite ist durchaus nachvollziehbar: Wenn es um das Personalisieren von Konflikten geht, stand in der Vergangenheit schließlich meistens Scharping selbst im Zentrum. Die Zahl seiner Kritiker ist in den gesamten acht Jahren seiner Amtszeit konstant hoch geblieben. 2009 scheiterte der Versuch einer BDR-internen Opposition um den früheren Vizepräsidenten Dieter Kühnle, den Amtsinhaber zu stürzen. Dass Scharping sich damals durchsetzte, lag weniger an ihm, sondern an dem dilettantischen Auftreten der Rebellen beim Verbandstag in Leipzig.

Der 65-Jährige hat besonders in seiner ersten Amtsperiode ab 2005 wenig Gelegenheiten ausgelassen, die Kritik an seiner Amtsführung immer neu zu befeuern. 2007, auf dem Höhepunkt der Dopingenthüllungen, nominierte er den frisch geständigen Erik Zabel als Frontmann des deutschen WM-Kaders. Eisern hielt er an dem stark umstrittenen Sportdirektor Burckhard Bremer fest, dem wiederholt nachgesagt worden war, von den Dopingpraktiken deutscher Radprofis frühzeitig gewusst zu haben. Bremer ist seit 2011 im Ruhestand, Scharping hat bis zuletzt zu ihm gehalten.

Scharping als Radsport-Groupie mit Ullrich

Von Deutschlands einstigem Vorzeigeradfahrer Jan Ullrich hat Scharping sich mittlerweile deutlich distanziert. Er warf dem Ex-Profi vor, mit seiner Haltung, zum Dopingthema zu schweigen, "Fairness und jeden Respekt" zu zerstören. Wie Scharping sich in den neunziger Jahren als oberster Radsport-Groupie mit Ullrich feiern ließ, haben viele dennoch nicht vergessen.

Der ehemalige Spitzenpolitiker verweist gerne auf die sportlichen Erfolge, die vor allem die Bahnradsportler mittlerweile wieder feiern. Er zählt die Jedermann-Rennen auf, die er eingeführt hat, er macht darauf aufmerksam, dass er dank seiner Kontakte Spendengelder für den Radsport akquiriert habe. All das rechnet sich Scharping als Verdienste an. Ob die deutschen Profis von heute tatsächlich sauber seien, davon sei er zwar "überzeugt", aber er könne "nicht die Hand ins Feuer für jemanden legen".

Scharpings Nachfolgerin will die Vorgängerin werden. Sylvia Schenk, von 2001 bis 2004 BDR-Präsidentin, hat ihr Interesse an der Rückkehr ins Amt angemeldet. Als sie den Verband führte, war auch nicht viel gegen Doping passiert. Aber Schenk hat sich seitdem über die Jahre als streitlustige Anti-Doping-Kämpferin und UCI-Kritikerin profiliert. An diesen Worten wird sie, falls sie tatsächlich antritt und gewählt wird, gemessen.

Scharping hat gesagt: "An meiner Begeisterung für den Radsport hat sich nichts geändert." Er sei immer ein Liebhaber dieses Sports geblieben. Das Fremdwort dafür heißt Amateur.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. tja
gesell7890 28.02.2013
was hätte mr. folgenlos außer planschen im pool je hingekriegt? es ist immer noch jahrhundertlacher, daß es eine partei gibt, die glaubte, diese figur zum kanzler machen zu können.
2. Ich glaube...
fatherted98 28.02.2013
...in Deutschland interessiert man sich nur für eins weniger als für den Radsport....für Herrn Scharping.
3.
alexhuber 28.02.2013
Angesichts der tatsächlichen Bilanz Scharpings kann man diesen Artikel noch als schmeichelhaft bezeichnen.
4. Temperamentsbündel
Zenturio.Aerobus 28.02.2013
Zitat von gesell7890was hätte mr. folgenlos außer planschen im pool je hingekriegt? es ist immer noch jahrhundertlacher, daß es eine partei gibt, die glaubte, diese figur zum kanzler machen zu können.
Er ist Inhaber eines Superlativs: Tranfunzligster deutscher Verteidigungsminister aller Zeiten. Da ist der aktuelle Minister das reinste Temperamentsbündel dagegen.
5. und erst...
Layer_8 28.02.2013
Zitat von gesell7890was hätte mr. folgenlos außer planschen im pool je hingekriegt? es ist immer noch jahrhundertlacher, daß es eine partei gibt, die glaubte, diese figur zum kanzler machen zu können.
...die Figur, die nach ihm kam. Als Parteivorsitzender :-)
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Groteske Geständnisse: Die besten Dopingerklärungen

Kampf gegen Doping
Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)
Am 10. November 1999 wurde auf Initiative des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die unabhängige Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Lausanne gegründet. Zusammen mit den nationalen NOKs und staatlichen Organisationen will die Wada die internationale Dopingbekämpfung fördern und einheitliche Standards für Kontrollen in allen Ländern schaffen. Das Anti-Doping-Programm der Wada wurde im März 2003 von allen Delegierten der internationalen Sportverbände, der Regierungen und dem IOC auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kopenhagen angenommen. Der Welt-Anti-Doping-Codex löste im darauffolgenden Jahr den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen 2004 auch für die Olympischen Spiele.
Welt-Anti-Doping-Programm
Der Welt-Anti-Doping-Codex löste 2004 den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen im selben Jahr auch für die Olympischen Spiele. Das Programm besteht aus drei Ebenen: 1. Welt-Anti-Doping-Code (WADC), 2. Vier Internationale Standards, 3. Erarbeitungen von Empfehlungen für die bestmögliche praktische Umsetzung durch Anti-Doping-Organisationen und Verbände.
Welt-Anti-Doping-Code (WADC)
Der Welt-Anti-Doping-Code wurde erstmalig im Jahre 2003 verabschiedet und ist das Basisdokument des Welt-Anti-Doping-Programms. 2004 traten das Programm und der Codex in Kraft. Der überarbeitete Welt-Anti-Doping-Code ist seit dem 1. Januar 2009 gültig. Er vereinheitlicht Regeln und Verfahren, die bisher von Land zu Land und von Sportart zu Sportart verschieden waren und regelt die Verantwortlichkeiten der einzelnen Interessengruppen. Der Code stellt keine Definition des Dopings mehr auf, sondern bezeichnet Doping als einen Verstoß gegen nachfolgende Bestimmungen: Nachweis oder Gebrauch einer verbotenen Substanz oder Methode, Verweigerung einer Dopingkontrolle und Verletzung der Informationspflicht über den Aufenthaltsort sowie Verfälschung einer Dopingkontrolle und Besitz oder Handel von Substanzen durch einen Athleten oder sein Umfeld.
Internationale Standards
Sie ergänzen die Anforderungen des Codes durch nähere Beschreibungen und sollen dazu beitragen, national übergreifend einheitliche Formen für die Anti-Doping-Arbeit zu schaffen. Dies betrifft insbesondere die Dopingliste, die Dopingkontrolle Dopinglabors und Ausnahmebewilligungen für Medikamente.
Verbotene Substanzen
Die Dopingliste gilt weltweit und wird durch eine spezielle Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erstellt. Sie wird jedes Jahr erneuert und tritt jeweils am 1. Januar in Kraft. Auf der Liste werden nur Wirkstoffe und Methoden veröffentlicht, die mindestens zwei von drei Kriterien entsprechen: Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat der Wirkstoff oder die Methode das Potential zur Leistungssteigerung im Sport. Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen besitzt der Wirkstoff oder die Methode ein aktuelles oder potentielles Gesundheitsrisiko. Gemäß Wada verstößt die Anwendung des Wirkstoffs oder der Methode gegen die Ethik im Sport. Zu den verbotenen Substanzklassen, die teilweise ganz oder nur im Wettkampf verboten sind, gehören: 1. Alkohol, 2. Anabolika , 3. Antiöstrogene , 4. Beta-2-Agonisten , 5. Betablocker , 6. Cannabinoide (Cannabis, Haschisch, Marihuana) , 7. Glucocorticoide , 8. Hormone , 9. Maskierende Substanzen und Diuretika , 10. Narkotika , 11. Stimulanzien . Für Alkohol und Betablocker gibt es in einigen Sportarten Ausnahmen, sie werden nicht von allen internationalen Sportverbänden verboten.
Verbotene Methoden
Seit dem 1. Januar 2003 werden die verbotenen Dopingmethoden genauer beschrieben und in drei Kategorien unterteilt: 1. Erhöhung der Transportkapazität für Sauerstoff ( Blutdoping ), 2. chemische und physikalische Manipulation, 3. Gendoping . Die Anwendung verbotener Methoden ist innnerhalb als auch außerhalb des Wettkampfs verboten.
Kontrollregularien

Für Athletinnen und Athleten bestehen je nach Leistungsniveau unterschiedliche Bestimmungen zu der obligatorischen Meldepflicht. Die Ein-Stunden-Regelung verpflichtet bestimmte Athleten für jeden Tag eine Stunde zu benennen, in der sie für eine mögliche Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die genaue Stunde muss jeweils am Ende eines Quartals für die nächsten drei Monate im Voraus benannt werden, darf aber innerhalb von 24 Stunden verändert und aktualisiert werden. Wird der Athlet in dieser Stunde vom Kontrolleur nicht am benannten Ort angetroffen, wird ein sogenannter Strike für das Kontrollversäumnis ausgesprochen. Wenn ein Sportler innerhalb von 18 Monaten drei Verwarnungen kassiert hat, muss er mit einer Sperre von bis zu zwei Jahren rechnen. Strikes von verschiedenen Organisationen ( Wada , Nada sowie zuständigem internationalem Verband) werden addiert.

Die Ein-Stunden-Regelung wird durch die Angabe von Aufenthaltsdaten zum Ende eines Quartals für jeden Tag der darauffolgenden drei Monate ergänzt. Wird ein Athlet bei einer Stichprobe nicht am angegebenen Ort angetroffen, kann ebenfalls ein Strike erteilt werden. Mannschaftssportler aus gering gefährdeten Sportarten werden in Mannschafts-Whereabouts getestet. Dafür melden die Vereine der Nada die Trainingspläne der Mannschaft.

Aufgrund des seit Beginn 2009 gültigen neuen Nada-Codes werden Athleten je nach Risikobewertung der Agentur für Doping in drei unterschiedliche Testpools eingeordnet und unterliegen verschiedenen Meldepflichten: Im International Registered Testing Pool (RTP) sind rund 1400 Athleten zusammengefasst, zu denen A-Kader und A-Nationalteams der Sportarten der Gefährdungsstufe I gehören. Sie müssen nicht nur bis zum 25. des Vormonats Angaben über Aufenthaltsort und Erreichbarkeit für ein Quartal machen, sondern auch die Ein-Stunden-Regelung beachten. Im Nationalen Testpool (NTP) für Kader-Athleten der Gefährdungsstufe II und III gilt diese Regel nicht. Alle anderen Athleten werden im Allgemeinen Testpool (ATP) zusammengefasst.