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Leistungssteigerung mit Inhalation: Russische Sportler sollen jahrelang Xenon eingesetzt haben

Doping-Kontrollen in Sotschi: Xenon-Inhalation nicht nachweisbar Zur Großansicht
DPA

Doping-Kontrollen in Sotschi: Xenon-Inhalation nicht nachweisbar

Gastgeber Russland stellte in Sotschi mit 33 Medaillen das erfolgreichste Olympia-Team. Recherchen des "Economist" und des WDR legen nun nahe, dass russische Athleten seit Jahren systematisch das Edelgas Xenon zur Leistungssteigerung nutzen.

Hamburg - Russische Sportler sollen nach Informationen des WDR und des britischen "Economist" in Sotschi und bei zurückliegenden Olympischen Spielen ihre Leistungsfähigkeit mit einer bisher unbekannten Methode gesteigert haben. Laut dem WDR-Magazin "sport inside" handelt es sich dabei um die Inhalation von Xenon.

Dieses Edelgas bewirkt laut international anerkannten Studien die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Erythropoetin (Epo) durch die vorherige Produktion eines speziellen Proteins. Epo regt die Herstellung der roten Blutkörperchen an, die für den Sauerstofftransport zuständig sind. Der "Economist", der Anfang Februar von der Xenon-Methode berichtet hatte, wies auf die Vergleichbarkeit mit einer Trainingsmethode in Höhenkammern hin.

Die Zufuhr von synthetisiertem oder natürlichem Epo in den menschlichen Organismus ist im Sport verboten und gilt als Doping. Auch der nichttherapeutische Einsatz pharmakologisch wirksamer Substanzen und die künstliche Erhöhung der Aufnahme, des Transports oder der Abgabe von Sauerstoff stehen auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Ob die Xenon-Methode als Doping einzustufen ist, ist jedoch fraglich, auch die deutschen Dopingexperten sind sich bislang uneinig.

Perikles Simon von der Universität Mainz sagte SPIEGEL ONLINE: "Damit etwas als Doping gilt, muss es zwei der drei Kriterien erfüllen: Leistungssteigerung, Beeinflussung der Gesundheit und ethisch-moralische Fragwürdigkeit. Im Fall der Xenon-Beatmung liegen uns für die ersten beiden Punkte womöglich noch keine ausreichenden Daten vor. Moralisch fragwürdig ist diese Methode aber aus meiner Sicht schon."

Schon bei den Sommerspielen 2004 in Athen im Einsatz

Die Verabreichung von Xenon an russische Athleten dürfte laut den Recherchen über Jahre hinweg "breitflächig" erfolgt sein. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es bislang nicht, der "Economist" berichtet aber, dass russische Sportler schon seit den Sommerspielen 2004 in Athen versuchen, ihre Leistungsfähigkeit auf diese Weise zu steigern.

Die Ministerien für Sport und Verteidigung empfehlen demnach in staatlichen Dokumenten den Einsatz "mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit der Sportler zu steigern" - auch weil das Gas "von der Wada nicht beobachtet" werde. Sogar eine Dosierungsempfehlung soll in den Papieren zu finden sein.

Zudem soll der Staat eine Studie bei einer Forschungs- und Entwicklungseinrichtung namens "Atom-Med-Zentrum" in Auftrag gegeben haben, die dokumentiere, dass mehr als 70 Prozent der russischen Medaillengewinner der Spiele in Griechenland und der Winterspiele in Turin 2006 mit dem Edelgas beatmet worden seien.

Methode "ausschließlich zur Leistungssteigerung" entwickelt

Das Edelgas Xenon wird in der Medizin für unterschiedliche Zwecke genutzt, in Russland unter anderem als Anästhetikum. Auch Säuglinge, deren Sauerstoffzufuhr bei der Geburt unterbrochen wurde, werden mit Xenon behandelt. Über Xenon als im Sport leistungssteigerndes Mittel hatten Dopingfahnder aber bislang offenbar keine Kenntnis. Es könne auch mit bisherigen Testmethoden nicht nachgewiesen werden, sagte Dopinganalytiker Mario Thevis vom Kontrolllabor in Köln dem WDR.

Europäische Wissenschaftler hätten die Wirkungsweise von Xenon in Tierversuchen erforscht: "Innerhalb von 24 Stunden war die Epo-Produktion um den Faktor 1.6 auf 160 Prozent gesteigert worden. Das ist eine deutliche Erhöhung", sagte Thevis. Es sei sehr wahrscheinlich, "dass es im Menschen die gleiche Wirkung ausübt".

Wada-Präsident Craig Reedie versprach schnellstmögliches Handeln. "Unsere Kommission, die die Verbotsliste überwacht, wird sich der Sache schnell annehmen. Bereits bei ihrer nächsten Sitzung nach Olympia wird das Thema Gas-Inhalation behandelt", sagte der Schotte.

Ähnlich äußerte sich der ehemalige Wada-Präsident Richard Pound: "Lassen Sie uns zweifelsfrei feststellen, dass es sich hierbei um Doping handelt und dass es in einem möglichen Verfahren unmöglich wird zu sagen, die Regeln seien nicht klar." Diese Methode wurde laut Pound "ausschließlich zur Leistungssteigerung entwickelt - für mich ist das Doping".

psk/dpa/sid

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1. optional
Zorpheus 24.02.2014
Ist denn das Training in Höhenkammern verboten? Oder im Hochgebirge? Das dürfte den selben Effekt haben. Und dass die Methode zur Leistungssteigerung entwickelt wurde ist ja wohl kein Argument. Das trifft auf jedes Training oder Ernährungsprogramm zu.
2.
marthaimschnee 24.02.2014
Wäre es nicht gut, selber mal zu recherchieren? Oder vielleicht mal nachzudenken? Wenn Xenon die Epo Produktion ankurbelt, dann ist vielleicht das Xenon danach nicht mehr nachweisbar, das Epo aber schon. Also kann man das eben nicht so ohne weiteres unentdeckt während der Wettbewerbe einsetzen und das (wahrscheinlich auch so schon recht große) Doping-Problem ist dadurch irgendwie nicht gerade größer geworden.
3. Blödsinn?
Gipsel 24.02.2014
Zitat von sysopDPAGastgeber Russland stellte in Sotschi mit 33 Medaillen das erfolgreichste Olympia-Team. Recherchen des "Economist" und des WDR legen nun nahe, dass russische Athleten seit Jahren systematisch das Edelgas Xenon zur Leistungssteigerung nutzen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/russische-sportler-sollen-jahrelang-xenon-eingesetzt-haben-a-955384.html
Was ist denn das schon wieder für eine dubiose Meldung aus dem Doping-Bereich. Ein Edelgas ist so ziemlich das Gegenteil einer pharmakologisch wirksamen Substanz (es ist chemisch inert). Der denkbare Wirkmechanismus liegt einfach in einer Verringerung der Sauerstoffaufnahme und zwar aus dem einfachen Grund, weil weniger Sauerstoff in die Lungen kommt. Das ist tatsächlich schlicht das gleiche Prinzip wie in Höhenkammern (die erlaubt sind). Ob man den Druck verringert oder einfach die Zusammensetzung ändert, interessiert den Körper da nicht so sehr. Das Ganze bei Normaldruck und verringertem Sauerstofanteil zu tun, könnte man im Prinzip als sicherere Alternative zur Unterdruckkammer einstufen. Die Nutzung eines Edelgases verringert wahrscheinlich die ansonsten unter bestimmten Bedingungen möglichen Nebenwirkungen.
4. Hochinteressant
Hajojunge 24.02.2014
Xenon ist ein Edelgas, also inert, es kann keine chemische Verbindung mit irgendeinem anderen Element eingehen. Womöglich hat es aber eine katalytische Wirkung auf körpereigene Stoffwechselprozesse. Vielleicht kann auch unsere Medizin davon profitieren.
5. Ahja, irgendeine Erklärung muss man ja haben,
clus 24.02.2014
wenn die anderen besser waren. Eine schöne Theorie, wird auch schon anderweitig genutzt z.B. mit Stickstoff: Einfach unter einem Zelt mit Stickstoff-angereicherter Luft schlafen und der Körper reagiert in dem mehr Epo gebildet wird. Der einzige Nachteil: Man kann es nachweisen! Mehr Epo bedeutet einen höheren Hämoglobingehalt im Blut. Und seit dem vermeindlichen Dopingfall Pechstein wissen wir, dass Sportler auf zu hohe Hämoglobinwerte hin getestet werden. Diese Methode wäre also nicht sehr praktikabel.
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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)


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