Russland nach IOC-Beschluss "Eine Erniedrigung für das ganze Land"

In der Sportgroßmacht Russland ist man empört über den Ausschluss seines Olympischen Komitees in Südkorea. Sportler dürfen nur auf Einladung und unter neutraler Flagge antreten. Aber werden sie fahren?

Zentrale des russischen NOK in Moskau
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Zentrale des russischen NOK in Moskau

Von , Moskau


Er schweigt. Witalij Mutko, der ehemalige russische Sportminister und Vizepremier, ist auf Lebenszeit für Olympia gesperrt worden - und sagt: nichts.

Mutko gilt als eine Schlüsselperson im Skandal um das russische Doping, das nach Erkenntnissen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) "systemisch" war und eine "nie da gewesene Attacke auf die Olympischen Spiele" darstellt, wie es IOC-Chef Thomas Bach ausdrückte. Das Wort "Staatsdoping" nahm der allerdings nicht in den Mund. Bach gilt als einer, der Putin und Russland immer nahestand, nun aber durch den öffentlichen Druck zumindest etwas Distanz wahren muss. Auch wenn er dafür lange brauchte.

Witalij Mutko
DPA

Witalij Mutko

Der zweite McLaren-Report Ende 2016 im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur belegte, welches Ausmaß das Dopingsystem in Russland besaß, dass es staatlich organisiert war und auch der Geheimdienst und eben Regierungsmitglieder wie Mutko mitmischten.

Mutko ist nicht irgendwer in Russland, er ist zwar nicht mehr Sportminister, aber dafür stellvertretender Ministerpräsident und Cheforganisator der Fußball-WM in Russland, dem Prestigeprojekt des Kreml im kommenden Jahr. Auch im Fußball soll gedopt worden sein, was Mutko ebenfalls heftig bestreitet, zuletzt polterte er immer wütender: "Das brauchen wir hier nicht. Diese ständigen Vorwürfe und Spekulationen zielen nur darauf ab, unser Land zu diskreditieren."

Genützt hat das alles nichts, das IOC hat das russische Olympische Komitee für die Winterspiele im Februar in Pyeongschang ausgeschlossen. Nur einzelne russische Sportler, die nachweisen müssen, dass sie sauber sind, dürfen auf Einladung teilnehmen und unter neutraler Flagge antreten.

Für Russland bedeutet dies einen erheblichen Einschnitt: Es ist das erste Land, dessen Nationalkomitee wegen Dopings ausgeschlossen wurde. Der Imageschaden könnte nicht größer sein.

Die große Frage, die in den russischen Medien rauf und runter diskutiert wird, lautet: Sollen einzelne Sportler aus Russland nach Südkorea fahren?

Empörung und Tränen

Im Staatsfernsehen zeigte man sich nach der IOC-Entscheidung entsetzt - durchgestrichene Olympische Ringe und der Hashtag "NoRussiaNoGames" wurden bei Rossija24 eingeblendet. Die ambitionierte Eiskunstläuferin Ewgenia Medwedewa wurde in Lausanne gezeigt. Sie könne nicht verstehen, dass ihr und ihren Teamkollegen die Möglichkeit genommen wurde, bei Olympia anzutreten, erklärte die 18-Jährige. "Für mich kommt es nicht in Frage, bei den Olympischen Spielen ohne russische Flagge anzutreten, als neutraler Sportler. Ich bin stolz auf mein Land, es ist für mich eine große Ehre, es bei den Spielen zu vertreten."

Die Biathletin Jana Romanowa, wegen Dopings lebenslang gesperrt, begann im Sender Match TV zu weinen: "Es zerreißt die Sportler, es ist schrecklich. Einerseits sollen sie das Land unterstützen und andererseits sind die Spiele für die meisten Sportler die einzigen ihres Lebens." Es sei "'barbarisch', sie zu so einer Entscheidung zu zwingen."

Die russische Eishockeynationalmannschaft, eine der besten der Welt, wandte sich in einem Brief an Präsident Wladimir Putin, er möge ihr doch bitte den Segen geben, in Südkorea anzutreten. Putin ist selbst begeisterter Eishockeyspieler und lässt sich beim Spielen gern von den Staatsmedien filmen. Ob Putin nun seine Einwilligung gibt?

Staatsfernsehen zeigt Olympia nicht

Der Kreml hatte zuletzt erklärt, man plane keinen Boykott der Spiele. Sprecher Dimitrij Peskow erklärte am Mittwoch, man wolle den IOC-Beschluss nun erst einmal analysieren, bevor man reagiere und "die Gefühle beiseite lassen".

Damit gibt man sich moderater als in der Duma, dem Parlaments Russlands, hier ist man für einen Boykott. Piotr Tolstoj, stellvertretender Duma-Vorsitzender und Mitglied der Kremlpartei Einiges Russland, polterte im Ersten Kanal, einem der reichweitenstärksten des Landes: "Ich möchte nicht, dass Kinder Sportler aus Russland mit fremder Flagge und ohne Hymne sehen. Das ist eine Erniedrigung für das ganze Land."

Bereits wenige Minuten nach der Entscheidung in Lausanne verkündeten die Staatssender, die Olympischen Spiele nun nicht übertragen zu wollen. Eine Diskussion über möglichen Konsequenzen für den Sport in Russland und in welchem Umfang Doping betrieben wurde, bleibt indes weitgehend aus. Mutko und andere Regierungsmitglieder haben immer wieder beteuert: Staatsdoping hat es nicht geben, Russland brauche so etwas nicht. Die russischen Anti-Doping-Agentur Rusada ist - auch nach einigen Nachbesserungen - nach wie vor suspendiert.

12. Dezember treffen sich die Athleten

Viele Athleten halten sich bisher lieber mit Kommentaren zurück. Am 12. Dezember soll es eine "Olympische Versammlung" geben, auf der die russischen Sportler entscheiden sollen, ob sie nun fahren oder nicht. Das kündigte der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Alexander Schukow, an.

Das wird aber vor allem von einem abhängen: Präsident Putin, doch der schwieg am Mittwoch auch erst einmal. Dabei hatte er bereits vor einem Monat in Tscheljabinsk vor Fabrikarbeitern die Tonlage vorgegeben. Die Diskussion über Olympia sei doch alles Politik, ein Versuch, in Russland vor der Präsidentschaftswahl am 18. März Unfrieden zu säen. Viele der Geldgeber des IOC, die Sponsoren und Werbetreibenden würden doch in den USA sitzen. "Deshalb besteht der große Verdacht, dass man als Antwort auf unsere angebliche Einmischung in den USA nun bei unseren Wahlen Probleme bereiten will", so die Lesart des Präsidenten.

Den Olympia-Ausschluss des russischen Teams wird er für seinen Wahlkampf zu nutzen wissen.

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