Russische Olympia-Sanktion Die Alibi-Strafe

Das IOC schließt das Nationale Olympische Komitee Russlands von den Winterspielen in Pyeongchang aus. Dennoch dürfen russische Sportler teilnehmen. Eine Gleichung, die nicht aufgeht

Russische Flagge vor dem IOC-Hauptquartier in Lausanne
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Russische Flagge vor dem IOC-Hauptquartier in Lausanne

Aus Lausanne berichtet Thilo Neumann


Das Büffet ist leergegessen, die Luft stickig, und überhaupt kann es für den Geschmack vieler jetzt endlich losgehen. Knapp 17 Monate ließ sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) Zeit mit der Entscheidung über einen möglichen Ausschluss Russlands von den Winterspielen nächsten Frühjahr in Südkorea. Nun, wenige Minuten vor der Verkündung, zieht sich die Zeit wie Kaugummi. Unruhe kommt auf im Raum "St. Moritz", einem schmucklosen Messesaal mit weißen Trennwänden im Norden von Lausanne, als stünde keine Pressekonferenz bevor, sondern die Rückgabe der Matheklausur in der 6a des örtlichen Gymnasiums.

Doch statt um Dreisatz geht es an diesem Abend um Staatsdoping. Um die Frage, wie das IOC auf nachgewiesenen, massenhaften Betrug und institutionalisierte Manipulation von russischer Seite reagieren wird. Kurz nach halb Acht gibt es die Antwort, auf schlichten DIN-A4-Bögen, beidseitig bedruckt: nicht ausreichend. Auch wenn der Chef persönlich wenige Minuten später mit markigen Worten versucht, das Gegenteil zu beweisen.

Was in Russland passiert ist, sei ein "beispielloser Angriff auf die Integrität der olympischen Bewegung und des Sports" gewesen, sagt IOC-Präsident Thomas Bach, eingefangen von zwei Dutzend Fernsehkameras. Bach guckt streng, kneift die Augen zusammen, als werde er geblendet von den knapp 200 Journalisten, die hinter eng gereihten Tischen seine Worte protokollieren. Die nun vom IOC-Exekutivkomitee verhängten Sanktionen, sagt er, sollen "einen Strich unter diese schädigende Episode ziehen".

Doch tun sie das?

Zwar suspendiert das IOC das Nationale Olympische Komitee Russlands (ROC), lädt russische Offizielle von den Winterspielen in Pyeongchang aus; in Südkorea wird es keine russische Mannschaft, keine russische Flagge und keine russische Hymne geben. Ein Komplettausschluss, wie von Anti-Doping-Kämpfern und einigen Sportlern vehement gefordert, bedeutet dies aber nicht.

Oxymoron des Funktionärvokabulars

Denn: Auch in Pyeongchang dürfen russische Sportler an den Start, unter neutraler Flagge. Beziehungsweise: Als "Olympische Athleten aus Russland" (OAR), also neutrale Russen - ein Oxymoron des Funktionärvokabulars. Einzige Teilnahmebedingung: Die Sportler müssen nachweisen, dass sie nicht Teil des Dopingsystems waren. Darüber entscheiden sollen nicht, wie vor den Sommerspielen 2016 in Rio, die Sportfachverbände, sondern ein noch zu bestimmendes Expertengremium unter Leitung der ehemaligen französischen Sportministerin Valerie Fourneyron. Sie steht auch der ITA vor, einer neu geschaffenen, unabhängigen Behörde für Doping-Testverfahren.

Das Strafpaket komplettiert eine 15-Millionen-Dollar-Geldbuße und die Suspendierung mehrerer Amtsträger, allen voran die des ehemaligen Sportministers und heutigen Vizepremier Witali Mutko. Schmid, dessen dreißigseitiger Bericht der IOC-Exekutive die Entscheidungsgrundlage lieferte, hatte Mutko als zentralen Koordinator des Staatsdoping-Komplotts identifiziert. Ausgerechnet der Mann also, der die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer organisiert.

Wird Putin Mutko opfern?

Russland reagierte empört auf das Urteil. Igor Lebedew, Sprecher des Parlaments, sagte: "Russland sollte die Spiele boykottieren." Das Staatsfernsehen kündigte an, die Winterspiele nicht zu übertragen, sollte keine russische Mannschaft teilnehmen.

Und Wladimir Putin? Der russische Präsident wird diesen Mittwoch vor die Presse treten, soll dann auch zur IOC-Entscheidung Stellung beziehen. Wird er Vizepremier Mutko kampflos opfern? Die Mitwirkung des Sportministeriums am Systemdoping hinnehmen? Immerhin: IOC-Boss Bach erteilte Putin selbst die Absolution. "Wir haben keine Anhaltspunkte für ein Wissen" Putins um das System, sagte Chefermittler Schmid zum Abschluss der Pressekonferenz. Bach selbst vermied peinlich genau, Worte wie "Regierung" oder "Staat" in Zusammenhang mit dem Dopingsystem in den Mund zu nehmen.

Und: Bach stellt Russland einen Deal in Aussicht. Schon zur Abschlussfeier der Winterspiele, so heißt es in der Entscheidung, könnten die Russen wieder mit eigener Flagge einlaufen, sollten man sich bis dahin an die Auflagen halten. Bedeutet auch: Nach Pyeongchang ist Russland rehabilitiert, wieder vollwertiges Mitglied der Olympischen Familie. Das Eingeständnis staatlich-gelenkten Dopings oder eine Entschuldigung verlangt das IOC nicht, anders als etwa die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Ein fatales Signal. Über Jahre hinweg akribisch geplante Manipulation, gesühnt im Schongang.

17 Monate hat sich das IOC Zeit gelassen mit der Lösung einer einfachen Kopfrechenaufgabe - und ist gescheitert. Russland ist außen vor bei den Winterspielen in Pyeongchang, die Russen sind es nicht. Eine Gleichung, die nicht aufgeht.

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In einer früheren Version hieß es, die ITA, eine neu geschaffene, unabhängige Behörde für Doping-Testverfahren, entscheide darüber, welche russischen Sportler unter neutraler Flagge antreten dürfen. Das ist falsch, wir haben den Fehler korrigiert .



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smokiebrandy 06.12.2017
1. ... der Spiegel schreibt im August 2013...
http://www.spiegel.de/sport/sonst/studie-der-humboldt-universitaet-systematisches-doping-in-der-brd-a-914597.html ... und was passierte danach?
eincon 06.12.2017
2. Weltpoloitik und Sport
Ein bisschen Strafe, ein bisschen nicht. Wollen die Mächtigen der Welt weiter mit zweierlei Maß messen? Und warum machen so viele mit ? Diese Fragen bewegen mich nicht nur bei der IOC-Entscheidung. da werden weiter Astmamittel als Sonderfall genehmigt. Es bleiben auch fragen nach der Gleichbehandlung offen. Ist Doping nicht so schlimm, wenn Pharmakonzerne vereint mit Sponsoren gleiches tun, oder ist Staatsdoping doch nur der Deckmantel des Kalten Kriegs?
Le Commissaire 06.12.2017
3. Opfer
Allerdings muss man anmerken, dass die "Strafe" völlig ausreicht, um auch die deutschen Anhänger des geliebten Führers Putin zu mobilisieren, wie zahlreiche Einträge in diversen Dikussionsforen gezeigt haben. Auch hier wird es wieder großartige Beispiele dafür geben. Wie sagte einst Richard Schröder, vormals SPD-Fraktionschef in der frei gewählten Volkskammer von 1990 in einem Interview mit dem Spiegel 2009: "Opfer sein ist nämlich heutzutage der begehrteste Status. Deshalb sollten wir nicht leicht-gläubig sein, wenn jemand sich als Opfer stilisiert."
marialeidenberg 06.12.2017
4. Ich halte die Bestrafung Russlands
Für das maximal Mögliche, insbesondre da nur solche Athleten von der Maßnahme ausgenommen werden sollen, die AKTIV NACHWEISEN können, dass sie nicht Teil des Dopingsystems waren / sind. Ein solcher Beweis ist praktisch unmöglich. Die Beweiswürdigung und die daraus gefolgerte Maßnahme würden mich sehr interessieren. In Ländern, die ihren Olympiasport nicht in Staatsregie organisieren, hat jeder Einzelathlet und/oder Einzelverband und/oder Individualtrainer und/oder Stützpunkt durchaus unterschiedliche Methoden der 'Leistungsförderung'. Dort lässt sich naturgemäß der Vorwurf 'Staatsdoping' nicht erheben. Aber widersteht deshalb jeder 'westliche' Athlet jedweder Versuchung? Damit will ich das russische Vorgehen keinesfalls relativieren, aber die Bewertungsmaßstäbe sind einfach sehr unterschiedlich.
TanjaFladra 06.12.2017
5. Find ich richtig.
Für die Sportler ist es eine Ehre bei Olympia dabei sein zu können. Und wenn sie nicht gedobt haben, dann wäre es ja unfair sie für etwas zu bestrafen was andere verbrochen haben.
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