Tennis-Sensation: Was Lisicki zur Wimbledon-Favoritin macht

Aus London berichtet Philipp Joubert

Wimbledon 2013: Happy End im Halbfinal-Krimi Fotos
AFP

Sabine Lisicki hat Agnieszka Radwanska sensationell im Halbfinale von Wimbledon besiegt. Dabei zeigte sie nicht nur, warum sie zum Publikumsliebling des Centre Courts geworden ist. Sie hat auch das Repertoire, das wichtigste Tennisturnier der Welt zu gewinnen.

Die Freudentränen sind mittlerweile zum Markenzeichen von Sabine Lisicki geworden. Auch nach diesem Match rollten sie, und wieder einmal sah die 23-Jährige aus, als könne sie ihr Glück nicht fassen. Dabei war ihr Sieg gegen die Weltranglistenvierte Agnieszka Radwanska alles andere als reines Glück. Er war die logische Konsequenz einer Entwicklung, die in den vergangenen zwei Wochen aus einer Sabine Lisicki, die ab und zu eine Spielerin mit großem Namen ärgern kann, eine Grand-Slam-Finalistin gemacht hat.

Nach einem nervösen Start zeigte Lisicki, dass sie das Repertoire eines Wimbledon-Champions besitzt: einen herausragenden ersten Aufschlag, der auch in schwierigen Situationen kommt, und die Vorhand, mit der sie jeden Ballwechsel übernehmen und erfolgreich zu Ende bringen kann. Über Jahrzehnte haben Stars wie Steffi Graf und Roger Federer den Rasen in London mit diesem Erfolgsrezept dominiert.

Was Lisicki im Vergleich dazu bisher fehlte, war die überdurchschnittliche Beinarbeit. Doch hier hat die Berlinerin in den vergangenen Monaten unübersehbare Fortschritte gemacht. Nicht nur hat sie so ihre Defensive verbessert, vor allem stimmt jetzt die Balance vor dem eigenen Schlag in den wichtigsten Situationen.

Radwanska antizipiert wie kaum eine andere Spielerin

Eine solche ergab sich gegen Radwanska im zehnten Spiel des ersten Satzes. Radwanska erarbeitete sich den Breakball, aber Lisicki setzte ihren Aufschlag zentimetergenau, zwang die Polin schon beim Return aus dem Platz und verwandelte den kurzen Return per Vorhand zum Punktgewinn. Zwei überragende Aufschläge später holt sich Lisicki den ersten Satz.

Schon vor dem Match hatte sich die Frage gestellt, wie Lisicki mit dem Spiel Radwanskas umgehen würde. Die letzten Gegnerinnen der Deutschen setzten wie sie selbst vor allem auf die Offensive, begingen auch mal leichte Fehler. Die kommen von der Polin nur selten. Wie keine andere Weltklassespielerin antizipiert sie das Spiel der Gegnerin, ändert die Richtung des Balls, macht das Spiel langsam, nur um sofort das Tempo wieder zu erhöhen. Einen Rhythmus gegen eine solche Gegnerin über lange Zeit zu finden, ist oft schwer.

Im zweiten Satz, als der Ballwurf von Lisicki Probleme machte und der Aufschlag daraufhin weniger effektiv wurde, übernahm Radwanska das Kommando. Sie verwickelte Lisicki in lange Ballwechsel, leitete die Bälle der Deutschen mit einer kleinen Handgelenksbewegung um und holte sich so nicht nur den zweiten Satz, sondern ging auch im dritten Satz mit Break in Führung.

Das Publikum hat Lisicki schon adoptiert

Doch Lisicki, die in den vergangenen beiden Jahren wichtige Spiele auf demselben Court aus guter Position verloren hat, besann sich auf ihre Stärken. Statt sich auf Radwanskas Katz-und-Maus-Spiele einzulassen, ging sie vor allem mit der Vorhand auf Risiko, öffnete ein ums andere Mal den Platz für einen Gewinnschlag oder einen leichten Volley am Netz.

Vor allem aber zeigte sie, dass sie außer Kraft noch ein Element in ihrem Spiel hat, das sie so gefährlich für alle Gegnerinnen macht: Ohne ihre Griffhaltung zu verändern, kann Lisicki wie aus dem nichts Stoppbälle spielen. Radwanska holte sie mehrfach ans Netz, um den Punkt mit einem Lob oder Passierschlag zu gewinnen. Doch am Ende war der spielentscheidende Schlag derjenige, der Lisicki den Spitznamen Boom Boom eingebracht hat: ihr Aufschlag. Wie schon Boris Becker vor 25 Jahren hat das britische Tennispublikum Lisicki adoptiert. Die positive Grundhaltung, die Entschlossenheit und natürlich auch die Tränen nach dem großen Sieg, all das lieben sie in Wimbledon, wo sie gerne mit ihren Stars leiden, aber auch unterhalten werden wollen. "Sabine Lisicki rocks!!!! Aber du musst es noch einmal machen baby", twitterte Becker unmittelbar nach ihrem Matchball, und Bundestrainerin Barbara Rittner schloss sich an: "Du bist unglaublich, unfassbares Match, einfach nur stolz dabei zu sein."

Doch schon nach dem Sensationssieg gegen Serena Williams hatte Lisicki gezeigt, dass sie nicht immer nur die lächelnde Sabine ist. Fragen, ob sie über ihren Sieg gegen Williams überrascht sei, wies sie zurück und betonte, wie gut sie selber gespielt habe. Ein Selbstvertrauen, das sie heute zum Sieg geführt hat, und das sie am Samstag zur ersten deutschen Grand-Slam-Siegerin seit Steffi Graf machen könnte.

"Es wäre ein Traum, der in Erfüllung gehen würde. Etwas, wofür man jeden Tag gearbeitet hat", sagte Lisicki. "Als kleines Mädchen habe ich davon geträumt, Wimbledon zu gewinnen."

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insgesamt 29 Beiträge
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1.
kurtisblow 04.07.2013
nicht nur sportlich auch menschlich. bis hierher: danke, biene
2.
plasmopompas 04.07.2013
Zitat von sysopSabine Lisicki hat Agnieszka Radwanska sensationell im Halbfinale von Wimbledon besiegt. Dabei zeigte sie nicht nur, warum sie zum Publikumsliebling des Centre Courts geworden ist. Sie hat auch das Repertoire, das wichtigste Tennisturnier der Welt zu gewinnen. Sabine Lisicki steht im Finale von Wimbledon - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/sabine-lisicki-steht-im-finale-von-wimbledon-a-909546.html)
Glückwunsch Sabine Lisicki! fürs Finale halte ich ganz fest die Daumen.
3. Die moderne Frau
blauervogel 04.07.2013
Zitat von sysopSabine Lisicki hat Agnieszka Radwanska sensationell im Halbfinale von Wimbledon besiegt. Dabei zeigte sie nicht nur, warum sie zum Publikumsliebling des Centre Courts geworden ist. Sie hat auch das Repertoire, das wichtigste Tennisturnier der Welt zu gewinnen. Sabine Lisicki steht im Finale von Wimbledon - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/sabine-lisicki-steht-im-finale-von-wimbledon-a-909546.html)
Tolle Powerfrau. Für seine Träume kämpfen und nicht aufgeben. Egal ob für Wimbeldon, den eigenen Frisörsalon oder ein Masterabschluss.
4. Sympathische
frieda74 04.07.2013
Diese Frau ist so symphatisch! Alle Achtung! Weiter So, ein Die fehlt noch. Das schaffst Du! Auf gehts,
5. Spon sollte...
aeauer 04.07.2013
...lieber darüber berichten, dass man das Endspiel nur bei Sky sehen kann, da die öffentlich Rechtlichen, trotz Unmengen an neuen Gebühren zu geizig waren, sich die TV Rechte zu sichern. Peinlich wie immer. Dafür gibt es bestimmt eine Talkshow an der Stelle.
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2005 Roger Federer Venus Williams
2004 Roger Federer Marija Scharapowa
2003 Roger Federer Serena Williams
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2000 Pete Sampras Venus Williams