Geschichte der Kandidatenturniere Kalter Krieg am Schachbrett

Ab Samstag ermittelt die Schach-Elite einen Herausforderer für Weltmeister Magnus Carlsen. Die Geschichte dieser Kandidatenturniere führt bis ins Jahr 1950 - und ist voller Absprachen und Manipulationen.

Schachspieler Mikhail Tal (Sowjetunion), l., und der Amerikaner Bobby Fischer (1959)
picture alliance/ KEYSTONE

Schachspieler Mikhail Tal (Sowjetunion), l., und der Amerikaner Bobby Fischer (1959)

Von André Schulz


Jeder gegen jeden oder Turnierform? Dieser Streit gehört zwingend zur Geschichte der Schachweltmeisterschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfasste der Weltschachbund Fide ein Regelwerk für die Weltmeisterschaften. Dies sah zur Ermittlung eines Herausforderers für den Weltmeister ursprünglich ein Kandidatenturnier vor, bei dem mehrere Spieler im Modus jeder gegen jeden antreten.

Das erste dieser Turniere wurde 1950 mit zehn Spielern in Budapest ausgetragen. Nach dem Turnier 1962 auf Curaçao beschwerte sich der US-Amerikaner Robert Fischer über Partieabsprachen der sowjetischen Großmeister, und die Fide führte Wettkämpfe im K.-o.-Modus ein, um Absprachen zu verhindern. Seit 2013 werden die Kandidatenkämpfe wieder in Rundenturnierform durchgeführt, so auch das diesjährige Turnier, das am Samstag in Berlin beginnt und von dem SPIEGEL ONLINE im Liveticker berichtet.

1950, beim ersten Kandidatenturnier nach dem Zweiten Weltkrieg in Budapest, kamen die beiden sowjetischen Großmeister David Bronstein und Isaak Boleslawski am Ende jeweils mit 12 Punkten ins Ziel. Den folgenden Stichkampf gewann Bronstein. Später wurde eine Manipulation aufgedeckt, hinter der Boris Weinstein steckte, KGB-Offizier, Schach-Funktionär und Mentor von David Bronstein.

Nach sechzehn von achtzehn Runden führte noch Boleslawski das Feld mit einem Punkt Vorsprung an. Weinstein wies nun Boleslawski an, sich etwas zurückzunehmen, damit sein Schützling Bronstein herankommen konnte. Also spielte Boleslawski zwei Kurzremisen in den beiden Schlussrunden, Bronstein zog gleich und gewann auch den notwendig gewordenen Stichkampf.

Das Ergebnis und sogar der Verlauf der Partien dieses Stichkampfs waren allerdings zwischen den beiden Spielern abgesprochen. Den folgenden WM-Kampf gegen Botwinnik gestaltete Bronstein zwar ausgeglichen, doch das reichte nicht zum Gewinn des Titels. Botwinnik blieb Weltmeister.

Illegale Absprachen 1953 in Zürich

Das Kandidatenturnier von Zürich 1953 erlangte durch das Turnierbuch von David Bronstein, das in Wirklichkeit größtenteils von Boris Weinstein geschrieben wurde, einige Berühmtheit. Aus diesem Turnier, mit 15 Spielern ausgetragen, ging Wassily Smyslow mit zwei Punkten Vorsprung als Sieger hervor.

Erst nach dem Ende der Sowjetunion, knapp 40 Jahre später, wagte es der damalige Zweite Bronstein, in einem Interview darüber zu sprechen, dass die Sowjetspieler so agieren sollten, damit Smyslow das Turnier gewinnt. Neben Smyslow und Bronstein waren Paul Keres, Tigran Petrosjan, Efim Geller, Alexander Kotow, Mark Taimanow, Juri Awerbach und Isaak Boleslawski involviert.

Neun der 15 Teilnehmer stammten also aus einem Land. Die Maßnahme war vor allem gegen den US-Großmeister Samuel Reshevsky gerichtet. Die Partien der Sowjets gegen Smyslow endeten remis, mit zwei Ausnahmen. Alexander Kotow, dem man nachsagte, ein KGB-Agent zu sein, leistete sich frech einen Sieg. Keres und Geller lieferten hingegen als Wasserträger in dem doppelrundigen Turnier weisungsgerecht beide Punkte bei Smyslow ab.

Smyslow gewann auch das folgende Kandidatenturnier 1956 in Amsterdam und Leeuwarden. Es wurde mit zehn Spielern, davon sechs aus der Sowjetunion, ebenfalls doppelrundig gespielt. Auch diesmal erwiesen sich die zwei Punkte, die Smyslow gegen Jefim Geller gewann, als sehr nützlich für den Turniersieg.

Ein 17-Jähriger betritt die Bühne

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war Smyslow in Partien gegen Geller alles andere als überlegen. Aber bei den beiden Kandidatenturnieren 1953 und 1956 gab es immer das gleiche Ergebnis: Smyslow gewann alle Partien gegen Geller. 1957 schlug Smyslow als Sieger und Herausforderer auch Weltmeister Botwinnik, verlor den Titel im folgenden Jahr aber wieder im Revanchekampf.

Beim nächsten Kandidatenturnier 1959 in Jugoslawien, in den Städten Bled, Zagreb und Belgrad gespielt, war erstmals auch Robert "Bobby" Fischer am Start. Das Turnier wurde über vier Runden ausgetragen. Diesmal waren vier der acht Teilnehmer Sowjetspieler: Michail Tal, Keres, Petrosjan und Smyslow. Für den 17-jährigen Fischer kam das Turnier noch zu früh. Gegen den überlegenen Tal verlor er sogar alle vier Partien. Tal gewann das Turnier, besiegte auch Weltmeister Botvinnik im WM-Kampf 1960 und erlebte dann das gleiche wie Smyslow - er verlor den Revanche-Wettkampf im Folgejahr.

Fischer beschwert sich öffentlich über Absprachen

Beim letzten Kandidatenturnier dieser Reihe, 1962, trat Fischer als deutlicher gereifter Spieler in Top-Form an. Die anderen Teilnehmer waren Tal, Petrosjan, Efim Geller, Keres und Viktor Kortschnoi aus der Sowjetunion, außerdem Pal Benkö (USA) und Miroslaw Filip (Tschechoslowakei). Wieder wurde über vier Runden gespielt. Fischer konnte jedoch seine überragende Form nicht bestätigen und wurde nur Vierter. Es siegte Petrosjan mit einem halben Punkt Vorsprung vor Keres und Geller. Tal war während des Turniers krank geworden, musste sich in einem Krankenhaus behandeln lassen und konnte den letzten Umgang nicht mitspielen.

Nach dem Turnier beschwerte sich Fischer öffentlich über Partieabsprachen der Sowjetspieler und kündigte an, unter solchen Bedingungen nicht mehr an Weltmeisterschaften teilnehmen zu wollen. Tatsächlich hatten Petrosjan, Geller und Keres vereinbart, gegeneinander schnell remis zu spielen, um Kraft zu sparen, und gegen die anderen, besonders den gefürchteten Fischer, alles zu geben.

1963 entthronte der Sieger Petrosjan den langjährigen Weltmeister Botwinnik. Das Revancherecht des Weltmeisters war mittlerweile abgeschafft worden. Die Fide führte ein System mit Qualifikationswettkämpfen im K.-o.-System ein. Erst 50 Jahre später, 2013 in London, wurde der Herausforderer wieder in einem Kandidatenturnier ermittelt. Die Sowjetunion war inzwischen Geschichte - und die sowjetische Planwirtschaft im Schach ebenfalls.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
atmin 09.03.2018
1. Mag schon sein
Aber die Phalanx der Sowjets wurde ein wenig früher durchbrochen. Da erinnere ich mich an einen Kasparow, der den sogenannten Apparatschik Karpow in den 80ern aber mächtig ärgerte. So fiel ja dann auch die FIDE auseinander. Vielleicht hätte das noch einer Erwähnung bedurft.
cs01 09.03.2018
2.
Zitat von atminAber die Phalanx der Sowjets wurde ein wenig früher durchbrochen. Da erinnere ich mich an einen Kasparow, der den sogenannten Apparatschik Karpow in den 80ern aber mächtig ärgerte. So fiel ja dann auch die FIDE auseinander. Vielleicht hätte das noch einer Erwähnung bedurft.
Kasparov war doch auch ein sowjetischer Spieler. Nicht unbedingt der Lieblingsspieler des sowjetischen Schachverbandes, aber trotzdem einen von "denen". Im übrigen hat Kasparov nie ein klassisches Kandidatenturnier gespielt (um die es im Artikel ging), weil zu seiner Zeit man sich im KO-Modus qualifizieren musste.
AntiMonetarist 10.03.2018
3.
Lange nicht mehr so einen Blödsinn gelesen. Kasparov und Karpow hatten sich lange Zeit gehasst. Auch Kramnik und Kasparow hassten sich eine Zeit lang, allerdings war es nicht Ergebnis eines Komplotts oder Betrugs, sondern wegen sportlicher Rivalität. So etwas gibt es übrigens auch beim Fussball und sogar in der NHL, wo sich gesamte Mannschaften und manchmal die Fans- Ultras der jeweiligen Vereine gerne prügelten nur aufgrund von jahrzehntelanger Rivalität (Erzrivalen). Als Kramnik gegen Kasparow gewann und Weltmeister wurde, hatte Kasparow die wildesten Verschwörungstheorien und Gerüchte gestreut über Kramnik . Er erfand später sogar die absurdesten Märchen über den FIDE Schachweltverband! Achja übrigens wann berichtet Ihr über die illegalen Absprachen zwischen dem Amerikaner Kamsky mit seinen Mentoren/Sekundanten bei seiner Partie um die Weltmeisterschaft gegen Karpov in den 1990-ern. Dort mischte sich der Sekundant Mentor von Kamsky ein und auch sein Vater, gab Kamsky mehrmals Tipps, was übrigens verboten war und nach der Niederlage gegen Karpow hatte das Team von Kamsky den größten Blödsinn und absurdeste Verschwörungstehorien verbreitet auch über den Sponsoren, die man nicht einmal auf Verschwörungsseiten im Internet zu lesen vor die Augen kriegt. Dass Kamsky nicht auf Lebenszeit von der FIDE gesperrt wurde, ist eine Schande. Solche Spieler haben nichts im Schach im Profibereich zu suchen. Über den Vogel Topalov könnte ich hier auch unzählige Geschichten erzählen. Auch jemand, der gerne Verschwörungstheorien in die Welt streut, weil er mit Niederlagen überhaupt nicht umgehen kann!
AntiMonetarist 10.03.2018
4.
Zitat von atminAber die Phalanx der Sowjets wurde ein wenig früher durchbrochen. Da erinnere ich mich an einen Kasparow, der den sogenannten Apparatschik Karpow in den 80ern aber mächtig ärgerte. So fiel ja dann auch die FIDE auseinander. Vielleicht hätte das noch einer Erwähnung bedurft.
Die FIDE fiel erst später nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auseinander als Kasparow die PCA gründete. https://de.wikipedia.org/wiki/Professional_Chess_Association
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.