Schach-Superstar Hou Yifan "Ich würde es bevorzugen, nicht zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden"

Hou Yifan ist die beste Schachspielerin der Welt. Die 24-Jährige erklärt, wie sie ihre Zukunft plant - und sich mit Männern auf dem Brett misst.

AFP

Ein Interview von


Das Grenke Chess Classic hat ein nicht zu leugnendes Selbstverständnis. Hier spielte Fabiano Caruana direkt im Anschluss an das für ihn so erfolgreiche Kandidatenturnier - und traf gleich in der ersten Partie auf den Mann, den er im Herbst in London herausfordern wird: Weltmeister Magnus Carlsen. Bis zum November wird es diese Konstellation wahrscheinlich nicht mehr geben. Das Grenke hatte sie beide.

Die ersten drei Runden des Grenke Chess Classic fanden in Karlsruhe statt, parallel zum riesigen Jedermann-Turnier Grenke Chess Open, das überraschend das 13-jährige deutsche Supertalent Vincent Keymer für sich entschied. Danach ging es nach Baden-Baden, wo unweit des Casinos die restlichen sieben Runden absolviert wurden. Hier, im Kulturhaus LA8, saßen die Profis auf einer kleinen Bühne, darunter der ehemalige Weltmeister Viswanathan Anand oder Lewon Aronian, der beim Kandidatenturnier so geschwächelt hatte.

Und Hou Yifan.

Hou, die in der vierten Runde gegen Aronian mit Schwarz spielte, befreite sich aus einer leicht bedrohlichen Stellung und schaffte ein Remis. Ihr Gegner schüttelte danach frustriert den Kopf. Hou war an diesem Mittwoch vor einer Woche zufrieden. Sie habe "okay gespielt", erzählt sie. Die 24-jährige Chinesin ist mit Abstand die beste Spielerin der Welt, und es ist immer eine Geschichte, wenn sich eine Frau in der von Männern dominierten Welt des Schachs behauptet. Für Hou ist es ganz normal.

Zur Person
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    Hou Yifan, 24, wurde nicht nur jüngste Weltmeisterin bei den Frauen (mit 16). Mit 14 Jahren war sie für einige Monate auch die jüngste Großmeisterin der Schachgeschichte - Männer eingeschlossen. Ihre aktuelle Elo-Zahl beträgt 2657. Vor einigen Monaten bekam sie ein Rhodes Stipendium für Oxford, wo die Chinesin ab Herbst studieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hou, unter den Schachspielerinnen der Welt sind Sie absolut konkurrenzlos. Was ist anders, wenn Sie gegen die besten Männer spielen?

Hou: Ich würde es bevorzugen, nicht zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden. Nennen wir es generell Spielstärke. Die Züge in der Weltelite wie hier beim Grenke Chess Classic sind genauer, es passieren weniger Fehler. Ich lerne viel in den Spielen gegen die Allerbesten, ich kämpfe und es bestärkt mich darin, weiterkommen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit wollen Sie denn kommen? Weltmeisterin wäre das größtmögliche Ziel.

Hou: Also erst mal: Ich habe sicher mal gehofft, besser zu spielen, als ich es derzeit tue. Das Ziel Weltmeisterschaft steht irgendwie im Raum, aber ich bin gerade nicht mal in der Nähe. Ich will als nächstes ein Elo-Rating von 2700 erreichen (der Wert, der die Spielstärke im Schach angibt, derzeit hat Hou 2657; die Red.) und viel stabiler werden. Meine Schwäche war die fehlende Konstanz. Aber in den vergangenen Jahren gab es auch viel - sagen wir - Ablenkung. Mein Studium, dazu Ideen und Pläne, die zwar mit Schach zu tun haben, aber nicht mit dem Schachspielen.

Hou Yifan
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Hou Yifan

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Pläne?

Hou: Ich habe irgendwann gemerkt, dass es mir nicht reicht, vor Publikum nur gutes Schach zu zeigen. Schach hat mir viel gegeben und jetzt will ich sehen, wie davon mehr Menschen profitieren können als nur Schachspieler selbst. Daraus hat sich der Plan ergeben, Schach weltweit zu promoten. Die Energie eines Menschen ist zwar leider begrenzt, trotzdem will ich versuchen, Studium, Schachspielen und die Schachprojekte miteinander zu verbinden. Die Konsequenz ist aber wahrscheinlich, dass man mehrere Dinge gleichzeitig nicht bestmöglich umsetzen kann. Oder nicht so schnell.

Hou Yifan redet leise, es ist fast ein bedächtiges Flüstern. Sie wählt ihre Worte sorgfältig, und selbst nach einem längeren Abschweifen kommt sie am Ende immer wieder auf das ursprüngliche Thema zurück. Menschen, die sie lange kennen, erzählen gern, dass man mit der 24-Jährigen wunderbar über Schach reden könne. Aber noch besser über alles andere.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Schach dem Menschen geben?

Hou: Es gibt sicher Gründe, warum sich gerade Mädchen nicht sonderlich für Schach begeistern können. Dabei glaube ich, dass Schach die Persönlichkeit stärken und lehren kann, mit Fehlern umzugehen. Dazu vermittelt es Bildung. Konzentration. Und ich bin überzeugt, dass das Spiel selbst zur Verringerung der Kriminalitätsrate beitragen kann.

SPIEGEL ONLINE: Und was wollen Sie dem Schach als Botschafterin geben?

Hou: Ich würde es nicht Botschafterin nennen, weil ich tiefer gehen will. Botschafter repräsentieren meist nur. Ich könnte noch zehn oder zwanzig Jahre spielen, aber ich glaube, dass ich in der Zwischenzeit auf andere Weise nützlich sein kann. Schach könnte zum Beispiel in unterentwickelten Regionen der Welt in China oder Afrika viel bewegen. Einige Schachspieler tun schon etwas, aber das ist noch regional begrenzt. Es mangelt an dem einen großen Programm. Dem Schach selbst würde Veränderung sicher auch guttun.

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Schachspielerin Hou Yifan: Die Herausragende

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hou: Es gibt viele gute Trainer, die Spieler besser machen und vielleicht irgendwann zu Großmeistern. Aber es fehlt an externen Einflüssen im Schach. Ich denke, wir können da viel mehr tun. Ein anderer Ansatz ist, Schach interessanter für Sponsoren zu machen. Schach ist nun mal nicht so spektakulär wie andere Sportarten, wir sitzen vor Brettern und bewegen Figuren. Das wirkt langweilig.

Hou Yifan wird an diesem Tag in Baden-Baden noch eine gute Nachricht bekommen: die Zusage der Elite-Universität Oxford. Dort wird Hou ab September den Master of Public Policy belegen. Schon an diesem Wochenende geht es in die USA. Die Chinesin beginnt ein Praktikum bei der Wissenschaftsinitiative Breakthrough - beteiligt sind unter anderem die Milliardäre Yuri Milner, Mark Zuckerberg und Sergej Brin.

SPIEGEL ONLINE: Bei all den Wegen, die Sie nun gehen, ist es schwer vorstellbar, dass Schach immer noch die Nummer eins in Ihrem Leben ist.

Hou: Die Nummer eins sind Familie und Freunde. Schach war in meinem Leben und für meinen Weg sehr wichtig. Und wird es auch weiter sein, genau wie das Studium oder jetzt die Chance mit Breakthrough. Ich kann das eine nicht höher gewichten als das andere, aber versuchen, alles miteinander zu verbinden.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen? Sie sagen selbst, die Energie eines Menschen ist begrenzt.

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Hou Yifan

Hou: Ich versuche, die Dinge immer positiv zu sehen, das habe ich von meinen Eltern gelernt. Ich mache mir keine Sorgen, dass etwas schiefgehen könnte. Jeder Schritt und jede Erfahrung ist wichtig und wird sich irgendwann auch auszahlen, auch wenn man es nicht gleich sieht.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass Sie immer noch vor allem mit Ihrem Talent Schach spielen?

Hou: Nein, ich trainiere schon. Aber ich kann nicht sagen, dass ich diesbezüglich bisher einen tollen Job gemacht habe (lacht). Vor großen Turnieren investiere ich mehr Zeit, aber in anderen Phasen komme ich gar nicht dazu, mich mit Schach zu beschäftigen, gerade während des Studiums oder Examen. Und ich will ja auch Menschen kennenlernen. Ich weiß, dass ich mehr trainieren müsste, und hoffentlich werde ich die Zeit finden.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt das ab?

Hou: Von meiner Zukunft. Ich muss schon jetzt viel genauer auswählen, welche Turniere ich spiele. Ich bevorzuge da die wirklichen Top-Level-Turniere, wegen der Herausforderung. Aber für diese Turniere muss ich dann auch richtig vorbereitet sein, sonst passiert ein Desaster.

SPIEGEL ONLINE: Eines wie in Wijk aan Zee, als Sie von 13 Partien nicht eine gewannen und mit 2,5 Punkten Letzte wurden?

Hou: Genau, in das bin ich zugegebenermaßen völlig unvorbereitet gegangen. Das war wirklich eine harte Erfahrung. Und eine Lektion.



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