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13. März 2018, 18:15 Uhr

Schach

Warum gibt es keine Top-Spieler aus Deutschland?

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Das Kandidatenturnier versammelt die weltweite Schach-Elite in Berlin-Kreuzberg. Doch unter den möglichen Herausforderern von Magnus Carlsen ist kein einziger Deutscher. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Das Kühlhaus in Berlin Kreuzberg hat es nicht leicht in diesen Tagen, denn es muss gleich zwei Botschaften transportieren. In dem roten Fabriketagenbau im Herzen der Hauptstadt findet derzeit das Kandidatenturnier für die Schach-WM statt, und nach dem Willen des Veranstalters World Chess soll das Kühlhaus sowohl für Berlins geschichtliche Größe stehen als auch für, nun ja: Kälte.

Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft des Technikmuseums, war Anfang des 20. Jahrhunderts nämlich die größte Eisfabrik Europas beheimatet, was sich knapp 120 Jahre später als glückliche Fügung erweist, wo doch Schachspieler laut World-Chess-Pressemitteilung "cold minded", kühl-berechnend sind. Plötzlich kann man sich keinen besseren Ort mehr vorstellen für ein Schachturnier als diesen. Und keine bessere Stadt.

Berlin ist die zweite Message der Veranstalter. Sie haben die Kapitale kurzerhand für die nächsten drei Wochen zur Schach-Hauptstadt der Welt erklärt. Und tatsächlich: Berlin hatte schon immer eine große Anziehungskraft auf Schachprofis. Der ehemalige Weltmeister Wladimir Kramnik fühlt sich in Berlin zu Hause. Lewon Aronjan, der geniale Armenier, war es sogar lange; Eltern und Schwester leben immer noch in der Stadt. "Ich komme immer wieder gern hierher", sagt er.

Die Glanzzeit des deutschen Schachs ist längst vorbei

Aronjan, mit einem Punkt aus drei Partien ins Kandidatenturnier gestartet, schätzt Berlin auch wegen der Schachgeschichte. "Einige der größten Schachspieler der Geschichte haben hier gelebt", erzählt der 35-Jährige, "natürlich auch Emanuel Lasker". Im Kühlhaus erinnert eine Ausstellung an den Mann, der vor 150 Jahren geboren wurde und 1894 gegen den Austro-Amerikaner Wilhelm Steinitz erster Deutscher Weltmeister im Schach wurde.

Nur: Laskers Ruhm ist so alt wie der des Kühlhauses und wie die Schach-Glorie Berlins. Die Glanzzeit Berlins ist längst vorbei und Lasker ist bis heute der einzige deutsche Weltmeister geblieben. Auch unter den WM-Kandidaten in diesem Jahr ist kein einziger Deutscher zu finden. Hier im Kühlhaus kann man einige Männer treffen, die die Gründe dafür zu kennen glauben. Und andere, die daran etwas ändern wollen.

Lewon Aronjan ist früh dran. Das Gespräch ist für 14.40 Uhr vereinbart, aber plötzlich steht er kurz vor zwei mit einem Lächeln da und sagt, er wäre dann schon bereit. Überraschungen kann er, der Armenier gilt auch am Schachbrett als kreativer Kopf, der seine Gegner gern vor Rätsel stellt. Ihm werden deshalb in einem WM-Kampf gegen Magnus Carlsen die besten Chancen aller acht WM-Kandidaten eingeräumt.

Man kann mit dem Profi gut über das deutsche Schach sprechen. Er spielt für Baden-Baden in der Bundesliga, lebte zehn Jahre in Berlin und war für ein halbes Jahr sogar mal für den deutschen Schachbund aktiv. Aronian nennt Schach in Deutschland "speziell", es interessierten sich hierzulande sehr viele Menschen für den Sport, es gebe die große Geschichte - aber eben auch die sinkende Bedeutung. "Schach ist nicht mehr so groß wie früher, und dafür gibt es Gründe", sagt Aronian. Welche?

"In Deutschland, wo man einen sicheren Job haben kann mit sicherem Einkommen, ist der Beruf des Schachspielers ein großes Abenteuer. Es gibt auch hier große Talente, aber sie kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen. Gehen sie auf ein Abenteuer oder den sicheren Weg? Klar, sie könnten auch beim Abenteuer Erfolg haben, aber das wäre nicht rational. Und die Deutschen gelten nun mal als rationale Menschen."

Der Deutsche Schachbund hat 90.000 Mitglieder in 2700 Vereinen. Talente gibt es zwar einige in der Nische, Perspektiven aber wenige. Nur die besten zwanzig Spieler der Welt könnten laut Aronjan überhaupt von Schach leben. Der armenische Großmeister fordert deshalb vom Weltverband Fide: Macht das Spiel bekannter und sorgt durch höhere Preisgelder dafür, dass deutlich mehr als zwei Dutzend Profis ihren Lebensunterhalt mit dem Sport bestreiten könnten. "Das würde die Perspektive Schachprofi deutlich attraktiver machen", sagt Aronian. Und mittelfristig die Chancen erhöhen, dass Deutsche wieder in der obersten Liga mitmischen.

"Wir kochen unser eigenes Süppchen"

Auch Ullrich Krause würde es derzeit "guten Gewissens keinem deutschen Talent empfehlen, Schachprofi zu werden". Krause, ein immer freundlicher runder Mann mit Anzug und Krawatte, ist seit knapp einem Jahr Präsident des Deutschen Schachbundes. Er weiß natürlich, wie es um seinen Sport bestellt ist. Im Gegensatz zu Ländern wie Armenien sieht er in Deutschland für Schach keinen ausreichend hohen Stellenwert. "Schach verkauft sich einfach zu schlecht, und wir kochen unser eigenes Süppchen", sagt Krause. Als Beispiel nennt er die Webseite des Verbandes, die sei zwar gerade neu aufgesetzt worden, hätte aber immer noch das gleiche Problem: "Das, worüber wir berichten, interessiert nur die Schachspieler. Aber damit gewinnen wir niemand Neues für Schach." Helfen soll unter anderem eine Social-Media-Kampagne.

Krause hofft auch auf einen Schub durch das Kandidatenturnier, er will Mitgliederwachstum, aber wie genau das erfolgen soll? Es gebe in Berlin gerade Familienturniere, Seniorenturniere, auch Schachboxen könne man sehen, erzählt Krause, und man merkt ihm an, wie sehr er will, dass es funktioniert. Es gibt aber schon jetzt gute Nachrichten. 15 Jahre lang seien die Mitgliederzahlen geschrumpft, 2018 gab es laut Krause erstmals wieder einen Zuwachs: 750 Neue. Woher die Zahlen kommen? Er führt sie auf die starke Jugendarbeit des Vereins Kinderschach in Deutschland zurück, der vor allem in Sachsen und Sachen-Anhalt aktiv ist und neuerdings auch in Schleswig-Holstein. Aber genau weiß man das nicht.

Der Talentspäher aus Russland

Was Ullrich Krause ganz sicher weiß, ist, was in Norwegen passiert ist. Dort löste das Genie Magnus Carlsen einen Schach-Boom aus, der bis heute anhält. Einen "einmaligen Glücksfall" nennt Krause Carlsen. Aber einen, der auch in Deutschland passieren könne, wenn der eine Spieler auftauche, "der das Gen hat". Einstweilen hilft also erstmal nur Warten. Oder auf Artur Jussupow hoffen.

Jussupow sitzt am ersten Turniertag in einem Raum des Kühlhauses voller Tische mit Schachbrettern, an der Wand Monitore mit den vier Partien der Kandidaten. Vor Jussupow mit seinem Karl-Marx-Bart diskutieren vier Kinder aufgeregt die nächsten Züge der Profis. Jussupow hört geduldig zu, bestärkt oder korrigiert. Ansonsten lächelt er milde. Jussupow, gebürtig in der Sowjetunion, war in den Achtzigern einer der fünf besten Spieler der Welt. Nachdem er in Moskau überfallen und lebensgefährlich verletzt worden war, emigrierte er 1990 nach Deutschland. Heute arbeitet der 58-Jährige an der Zukunft des deutschen Schachs. Und vielleicht sitzt sie in diesem Moment sogar vor ihm.

Artur Jussupow glaubt, dass man nicht früh genug beginnen kann mit dem Schachspielen. Und deshalb hat er vor einem Jahr mit seiner Frau eine Schachschule gegründet und mit zehn Kindern angefangen. Sein Ziel: Eines dieser Talente soll in Zukunft mit dem zehnten Lebensjahr eine Deutsche Wertungszahl (DWZ) von 2000 schaffen. Das Ziel ist eigentlich wahnsinnig, Jussupow nennt es "frech" und "schwierig" zugleich, aber er ist sicher: Nur so besteht die Chance, irgendwann einen konkurrenzfähigen Herausforderer aus Deutschland aufzubauen. Zur Einordnung: Selbst der 13-jährige Vincent Keymer, dem Garri Kasparow einmal den Sprung in die Weltspitze zutraut, hatte die 2000 DWZ mit zehn Jahren noch nicht erreicht.

Jussupows Talente, allesamt zwischen sieben und neun Jahren alt, haben auch am Rande ihres Turnierbesuchs täglich zwei Stunden trainiert. Ihre Ambitionen seien oft noch die Ambitionen der Eltern, sagt der Lehrer, "sie können noch keine großen Ziele formulieren, aber alle wollen spielen, gewinnen und besser werden. Das ist wichtig". Und ganz offensichtlich haben sie Spaß. Nikolai Nitsche, eines der Talente, durfte zuletzt sogar gegen Carlsen spielen. Danach nahm sich der Weltmeister noch zehn Minuten zum gemeinsamen Analysieren. Sowas bleibt hängen.

"Die ganze Welt fängt immer früher mit dem Schachspielen an, nur wir in Deutschland nicht. Diesen Nachteil kann man vielleicht nie wieder aufholen", sagt der Talentesucher. Er sieht sich als Begleiter; als Erfolg geht für ihn auch schon durch, wenn aus den schachspielenden Kindern schachspielende Jugendliche mit guten Ausbildungen werden. Im nächsten Jahr will Artur Jussupow noch mehr Kinder aufnehmen, noch jüngere, Fünfjährige, Sechsjährige. Einige aus der aktuellen Trainingsgruppe werden dann schon zu alt sein.

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