Kandidatenturnier in Berlin Schachmatt im Kühlhaus

Der Amerikaner Fabiano Caruana hat das Schach-Kandidatenturnier in Berlin gewonnen und darf im November gegen Weltmeister Magnus Carlsen antreten. Das Publikum verfolgte die Partien an einem ungewöhnlichen Ort.

Zuschauer verfolgen das Kandidatenturnier in Berlin
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Zuschauer verfolgen das Kandidatenturnier in Berlin

Von André Schulz


Das Kühlhaus in Berlin-Kreuzberg ist der Austragungsort des Schachturniers und hat dafür eine merkwürdige Architektur. Von der zweiten und dritten Etage des gerade sanierten Gebäudes kann das Publikum durch ein großes Loch in der Mitte nach unten schauen, wo die vier Spieltische stehen. So war ein Schachwettbewerb noch nie präsentiert worden. Und so spannend wie dieses war noch keines der 2013 wieder eingeführten Kandidatenturniere, in denen der Herausforderer des Weltmeisters gesucht wird.

Am Ende war es Fabiano Caruana, der als erster Amerikaner seit Bobby Fischer das Recht erkämpfte, um den Weltmeistertitel zu spielen. Mit einem Sieg, nach sechs Stunden und 16 Minuten, gegen den Russen Alexander Grischuk machte der 25-Jährige am Dienstagabend den Turniererfolg perfekt - es war die 14. und letzte Partie.

Caruana zeigte im Verlauf des Wettbewerbs die stabilste Leistung, es war jedoch ein Zittersieg. Caruana hatte verhaltener begonnen - ein Sieg, zwei Remis - dann kam er durch den Sieg gegen Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik an die Spitze.

Von nun an kontrollierte der US-Großmeister das Feld von oben und spielte sehr viel pragmatischer als Kramnik. Wenn sich die Chance bot, schlug er zu. Wenn nicht, gab er sich auch mit einem halben Punkt zufrieden. Am pragmatischsten spielte jedoch der Chinese Ding Liren, der alle Partien remisierte - bis auf eine. Kramnik hingegen legte es ab der fünften von 14 Runden auf kompromisslosen Kampf an und sorgte für große Unterhaltung, wenn auch nicht für konstant gute Ergebnisse.

Einen schlechten Start hatte Sergej Karjakin. Nach sechs Runden lag der Vizeweltmeister mit zwei Niederlagen noch auf dem letzten Platz. In Runde sieben gelang Karjakin gegen Wesley So der erste Sieg und in Runde neun landete er einen psychologischen Big Point, als er einen starken Angriff von Kramnik abwehrte und die Partie gewann. Karjakin, von vielen schon abgeschrieben, schlich sich nach oben.

Caruana verteidigte bis zur zwölften Runde einen kleinen Vorsprung von einem halben Punkt auf Schachrijar Mamedjarow. Dann traf der US-Großmeister auf Karjakin, der inzwischen auf einen Punkt herangekommen war. Karjakin brachte nun Caruana die erste Niederlage bei und zog an der Tabellenspitze gleich. In der Zweitwertung lag Karjakin sogar vorne, da er den direkten Vergleich für sich entschieden hatte. Mamedjarow nutzte seine Chance, an Caruana vorbeizuziehen, jedoch nicht. Er kassierte gegen Ding seine einzige Niederlage, der Chinese feierte seinen einzigen Sieg.

Caruana schaute auf die Nebentische

Caruana behielt die Nerven: In der 13. Runde besiegte er Lewon Aronjan und ging wieder in Führung, da Karjakin nur Remis spielte. Entschieden war da aber noch nichts. In der Schlussrunde musste Caruana vor allem auf die Nebentische schauen, um sein eigenes Ergebnis daran auszurichten. Bei einem Sieg von Mamedjarow gegen Kramnik oder von Karjakin gegen Ding wäre auch Caruana gezwungen gewesen, gegen Grischuk zu gewinnen. Doch beide Partien endeten remis. So hätte auch Caruana ein halber Punkt zum Turniersieg gereicht. Der US-Großmeister schloss das Turnier aber sogar mit einem Sieg ab.

Bemerkenswert war die Wahl der Eröffnungen bei diesem Kandidatenturnier: In 17 Partien wurde 1.e4 eröffnet. Nicht weniger als 16-mal antwortete Schwarz mit dem klassischen Zug 1.e5. Nur ein einzigen Mal wurde Sizilianisch gespielt. Auch nach 1.d4 stand mit dem Damengambit meist eine klassische Eröffnung auf den Brett.

Was aber kann Caruana sich im November in London gegen Magnus Carlsen ausrechnen? Beide kennen sich aus unzähligen Partien. Seit 2010 haben sie 30-mal mit Turnierbedenkzeit gegeneinander gespielt. Die Bilanz spricht für Carlsen, ist aber nicht einseitig. Der Norweger gewann neunmal, Caruana gewann fünf Partien. In Berlin hat der Amerikaner Nervenstärke bewiesen und seine Möglichkeiten genutzt. Zu viele Chancen sollte Carlsen dem Herausforderer nicht bieten.

Falls es zu einem Stichkampf kommt, liegen die Vorteile allerdings klar beim Weltmeister, der im Schnellschach überlegen ist. Spannend wird der Vorbereitungskampf der Männer im Hintergrund sein. Caruana trainiert mit dem in Deutschland lebenden Usbeken Rustam Kasimdschanow, Carlsen mit dem Dänen Peter Heine Nielsen. 2008 gehörten Kasimdschanow und Nielsen beide noch zum Team des damaligen Weltmeisters Viswanathan Anand, als dieser in Bonn erfolgreich seinen Titel gegen Kramnik verteidigte. Man kennt sich also.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
cs01 28.03.2018
1.
Also ich fand den Austragungsort unwürdig. Eine schäbige Baustelle und dann nicht einmal coolschäbig sondern schäbig schäbig. Zudem total zuschauerunfreundlich, dunkel, ein Haufen Treppen, unfähiges Sicherheitspersonal (wir mussten ihm erklären, wer mit welchem Bändchen wo rein darf) und null Catering (sorry ein Kaffee- und ein Snackautomat). Aber spannende Spiele und fachkundiger Kommentar vor Ort (als ich da war GM Zaragatski und IM Sielecki), der auch auf Zwischenfragen einging. Dazu ist man auch bei den PK dicht an die Spieler rangekommen, die standen auch für Autogramme und Selfies zur Verfügung.
grandma_moses 28.03.2018
2. Schach...eine erstaunlich gute Zeit!
Ich gehöre jetzt nicht direkt zu den schachkundigsten Personen - aber das Turnier sowie die Berichterstattung darüber haben mich mit Ausnahme der Ruhetage die letzten Wochen täglich begleitet. Geboten wurde interessanter und zum Denken anregender Sport, über den ich gerne öfters in Berichterstattungen informiert werden würde. So bleibt mir nur noch festzustellen, dass beim eSport Ähnliches bis Gleiches geboten wird, weshalb ich ebenfalls nichts dagegen hätte wenn die Berichterstattung die hauptsächlich mit dem Kopf und ohne Bewegung gespielten Sportarten im Allgemeinen stärker berücksichtigen würde. Nun denn, wir sehen uns im Herbst zu Carlsen - Caruana!
TS_Alien 28.03.2018
3.
Da waren einige interessante Partien dabei. Interessant finde ich, wie selbst Top-GMs bei falscher Partieanlage oder Bewertung ab einem bestimmten Zeitpunkt ohne jede Chance verlieren. Und zwar strategisch, nicht taktisch. Caruana gegen Grischuk als Beispiel. Kramnik hat es teilweise übertrieben. Aber er hat gekämpft. Ein Sieg gegen Caruana in der Hinrunde und ein Remis gegen Grischuk in der Rückrunde, und schon wäre Kramnik vorne gewesen (zumindest von den Punkten). Ich denke, dass Zweikämpfe gerechter sind als solche Turniere.
Timo Schöber 29.03.2018
4.
Magnus Carlsen wird es machen. Er ist einfach zu komplett und viel zu spielstark. Ganz gleich, welcher Gegner gekommen wäre.
spon-facebook-1261351808 29.03.2018
5.
Zitat von cs01Also ich fand den Austragungsort unwürdig. Eine schäbige Baustelle und dann nicht einmal coolschäbig sondern schäbig schäbig. Zudem total zuschauerunfreundlich, dunkel, ein Haufen Treppen, unfähiges Sicherheitspersonal (wir mussten ihm erklären, wer mit welchem Bändchen wo rein darf) und null Catering (sorry ein Kaffee- und ein Snackautomat). Aber spannende Spiele und fachkundiger Kommentar vor Ort (als ich da war GM Zaragatski und IM Sielecki), der auch auf Zwischenfragen einging. Dazu ist man auch bei den PK dicht an die Spieler rangekommen, die standen auch für Autogramme und Selfies zur Verfügung.
Sehe ich ganz anders: Schach hat in Deutschland das Image alter, verkopfter Männer. Leider. Da ist solch eine ungewöhnliche Location mal etwas Erfrischendes.
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