Schachweltmeister Carlsen Der Fluch der großen Titel

Magnus Carlsen war in den vergangenen Jahren kaum zu bezwingen. Doch beim Norway-Chess-Turnier wurde er überraschend Vorletzter. Droht ihm nun der Absturz?

Magnus Carlsen
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Magnus Carlsen

Von André Schulz


Was ist bloß mit Magnus Carlsen los? Die Vorstellung des Weltmeisters bei seinem Heimturnier war alles andere als überzeugend. Zwei Niederlagen, ein Sieg - so lautet die Bilanz des 26-Jährigen. Geteilter Vorletzter, zusammen mit Viswanathan Anand. Vor den letzten beiden Runden sah es sogar ganz düster für den Norweger aus. Lewon Aronjan hatte ihn in der vierten Runde glatt überspielt und in der sechsten hatte Carlsen den taktischen Schlag 23. Lxh6 von Kramnik offenbar völlig übersehen. Einem Weltmeister in Bestform wäre das nicht passiert. Nach der siebten Runde trennten Carlsen und Wladimir Kramnik gerade noch sechs Punkte in der Live-Weltrangliste.

Mit Kramnik, Aronjan und Wesley So hatten sogar gleich drei Spieler theoretische Chancen, den Weltmeister bei Turnierende in der Weltrangliste an der Spitze abzulösen. Dann kam dem Norweger ungewollt Sergej Karjakin zu Hilfe. In ausgeglichener Position unterlief dem Russen ein grober Fehler - erster Sieg für Carlsen im Heimturnier, endlich. In der letzten Runde folgte noch ein schnelles Remis gegen Anand: Schadensbegrenzung, Turnier abhaken - so könnte das Motto lauten. Turniersieger wurde der überragende Aronjan. Carlsen bleibt immerhin Weltranglistenerster. Nur eine Formschwäche?

Nein - es ist eine Krise und die Ursache dafür liegt tiefer. Im Juli 2011 hatte Carlsen mit Elo 2821 den ersten Platz in der Weltrangliste übernommen und diese Position dann zu neuen Höhen geführt. Im Januar 2013 knackte er mit 2861 Elo den alten Rekord von Kasparow aus dem Jahr 1999. Im Mai 2014 erreichte Carlsen mit 2882 seinen Zenit mit fast 70 Punkten Vorsprung vor dem damaligen Weltranglistenzweiten Aronjan.

Die Formkurve zeigt nach unten

Der Gewinn des Weltmeistertitels 2013 war nur die logische Folge von Carlsens unglaublicher Spielstärke. Doch dann ging es stetig abwärts. Fast jedes Turnier kostete den Weltmeister Elopunkte. Im Juli 2015 lag Carlsen noch bei 2853. Ein miserables Ergebnis beim dritten Norway Chess (Drittletzter mit vier Niederlagen) hatte ihn reichlich Punkte gekostet. Ende 2016 brachte ihm auch das WM-Match gegen Karjakin 14 Elopunkte Minus ein. Nun ist Carlsen mit seinem Rating wieder da angekommen, wo er schon 2011 war.

Beim fünften Norway-Chess-Turnier 2017 kamen wohl mehrere ungünstige Faktoren zusammen. In seiner Heimat ist Carlsen ein Popstar und deshalb ist Stavanger für den Weltmeister alles andere als ein gutes Pflaster, um in Ruhe ein anspruchsvolles Turnier zu spielen. Zu viel Ablenkung, zu viel Aufmerksamkeit, womöglich auch zu viel Druck. Aber es gibt auch schachliche Erklärungen: Als Carlsen in der Weltrangliste auftauchte, überraschte er die anderen Spitzenspieler damit, dass er auch ausgeglichene Partien immer weiter spielte. Oft überspielte er seine Gegner erst im Endspiel.

Darauf haben sich die anderen Profis nun aber eingestellt. Inzwischen sind auch ein paar jüngere Spieler nachgerückt und haben von Carlsen gelernt. Für Anish Giri, Fabiano Caruana oder So ist es ganz normal, auch im Endspiel noch lange und ausdauernd um den Sieg zu kämpfen. Carlsen hat zudem ein Problem mit seinen Eröffnungen. Weder mit Weiß noch mit Schwarz hat er wirklich gefährliche Waffen in seinem Arsenal.

Motivationsprobleme beim Weltmeister?

Früher brauchte Carlsen solche auch nicht, sein überlegenes Schachverständnis reichte. Aber gegen die anderen Spieler der Weltspitze wären jetzt ein paar gut vorbereitete und giftige Varianten aus dem Eröffnungslabor sehr nützlich. Der vielleicht wichtigste Faktor dürfte aber noch woanders zu suchen sein: Motivationsprobleme. Carlsen ist nicht der erste Weltmeister, dem nach Erreichen des höchsten Titels ein Teil seiner Kraft abhanden gekommen ist. Tigran Petrosian oder Boris Spasski waren nach dem Titelgewinn nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Michail Tal war nicht mehr der Alte, auch Kramnik fiel in ein tiefes Loch, nachdem er Garri Kasparow entthront hatte. Bobby Fischer hörte gleich ganz auf. Als Amateur kann man es sich kaum vorstellen, aber die Super-Großmeister des Schachs trainieren fast den ganzen Tag und oft auch noch in der Nacht. Schach steht im Mittelpunkt ihres Lebens, viel Zeit für andere Dinge bleibt nicht, wenn man um große Titel mitspielen will.

Carlsen ist ein junger Mann und hat in seinem Beruf schon alles erreicht. Er ist der beste Schachspieler der Welt, vielleicht sogar der Schachgeschichte. Dreimal hat er die Weltmeisterschaft gewonnen. Er hat eine eigene Firma, besitzt ein großes Haus, in der Garage steht ein Tesla. Carlsen ist Millionär. Nun gibt es neben dem Schach noch ein paar andere Dinge im Leben zu entdecken.

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