Schach-Superturnier Norway Chess Carlsen gegen den Rest der Welt

Norway Chess ist das bestbesetzte Schachturnier der Welt, in Stavanger misst sich die Top Ten der Weltrangliste. Ins Leben gerufen wurde das Event eigens für Magnus Carlsen - nur gewannen bisher meist die anderen.

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Von André Schulz


Die Idee, die besten Spieler zu einem Schachturnier einzuladen, ist so alt wie das Turnierschach selbst. Schon 1851 organisierte der herausragende englische Schachspieler (und renommierte Shakespeare-Experte) Howard Staunton ein Turnier in London, zu dem er die 15 Top-Spieler Europas bat. Eigentlich hatte Staunton den Sieg für sich selbst vorgesehen, doch leider schied er im Halbfinale gegen Adolf Anderssen aus, der fortan als bester Spieler der Welt galt. Staunton erklärte später im Turnierbuch sein Versagen mit organisatorischen Verpflichtungen. Und einer Herzschwäche.

"Superturniere" wie das in London blieben zunächst eine Seltenheit, im Laufe der Jahrhunderte änderte sich das jedoch dramatisch. Derzeit gibt es mindestens zehn Weltklasseturniere pro Jahr - fraglich ist aber, ob jemals in der Geschichte des Turnierschachs wirklich die zehn besten Spieler der Welt in einem Turnier versammelt waren.

Bis jetzt.

In Stavanger findet bis zum 16. Juni das Norway-Chess-Turnier statt (Ruhetage am 9. und 13. Juni, alle Partien ab 16 Uhr im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE), und die zehn Teilnehmer sind die derzeit zehn Top-Profis der Schachwelt. Es ist eine Art Mini-WM und ein Heimspiel für den Allerbesten: Magnus Carlsen, Norweger, amtierender Weltmeister und schon jetzt ein Säulenheiliger des Sports. Dabei war "sein" Turnier zunächst gar nicht seins.

Der Beste sollte das beste Turnier bekommen

Als Carlsen schon der beste Spieler der Welt war und sich anschickte, Weltmeister Viswanathan Anand den Titel abzujagen, wurde in Norwegen eine Initiative gestartet - der norwegische Superstar sollte ein adäquates norwegisches Superturnier bekommen. Und er bekam es. Nur eines war zunächst nicht adäquat: Carlsens Erfolg.

Das erste Norway-Chess-Turnier fand 2013 statt und es gewann Sergej Karjakin. Carlsen wurde Zweiter. 2014 gab es eine Neuauflage und es gewann Karjakin. Carlsen, inzwischen Weltmeister, wurde wieder nur Zweiter. Richtig schlecht lief es für den Champion dann im dritten Jahr. Diesmal siegte mit Weselin Topalow wieder der Falsche, obwohl es die Organisatoren (natürlich nur aus Versehen) versäumt hatten, Karjakin einzuladen. Als man dem Russen nachträglich anbot, sich an der Qualifikation für die Wildcard zu beteiligen, lehnte er dankend ab.

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Norway Chess: Das sind die Teilnehmer der Mini-WM

Carlsen kassierte gleich vier Niederlagen, darunter in der letzten Runde peinlicherweise auch gegen seinen Landsmann und WM-Sekundanten Jon Ludvig Hammer, Nummer 61 der Welt. Der beste Schachspieler des Planeten war danach so angefressen, dass er beim Verlassen des Turniersaals das Mikrofon eines Reporters des Norwegischen Fernsehsenders NRK wegschlug, der ihn gefragt hatte, wie er sich fühle: "Na wie wohl?", antwortete Carlsen. Die Nachfrage: "Können Sie es näher beschreiben?" war dann einfach zu viel. Carlsen ist ein netter Typ, nur eben nicht, wenn er eine Partie verloren hat. Das Turnier von 2015 schloss Carlsen nur als Siebter ab.

Neuer Sponsor, neues Konzept

Für das Turnier 2016 erhielt auch Karjakin wieder eine Einladung, doch nun hatte der Besseres zu tun. Inzwischen hatte der russische Top-Großmeister das Kandidatenturnier gewonnen und wollte sich intensiv auf den WM-Kampf gegen Carlsen vorbereiten, keine Zeit für Norway Chess. Im vierten Anlauf war es dann endlich soweit. Endlich gewann Carlsen "sein" Turnier. Schon beim Auftakt-Blitzturnier hatte Carlsen angezeigt, dass er es diesmal ernst meinte. Von den neun Partien gewann er sieben, verlor eine und spielte einmal Remis.

Verbessern Sie Ihre Schachtaktik

2015 und 2016 gehörte das Norway-Chess-Turnier noch zur "Grand Chess Tour", einer von Garri Kasparow initiierten Turnierserie, mit der der Ex-Weltmeister dem Weltschachbund Fide mal wieder zeigen wollte, wie man Profischach in Szene setzt. Trotz seines miserablen Ergebnisses beim Turnier in Stavanger gewann Carlsen 2015 die GCT-Serie und kassierte dafür 215.000 US-Dollar. 2016 erhielt das Norway-Chess-Turnier mit dem Internet-Breitband-TV-Anbieter Altibox einen neuen Sponsor und stieg aus der Tour aus.

Während die anderen Turniere der Serie von Mäzenen leben, wollten die norwegischen Organisatoren ein professionelles Sponsorship etablieren. Preisgelder sind bei großen Einladungsturnieren nicht unbedingt üblich. Meist gibt es stattliche Antrittsprämien für die Topstars, über die Höhe herrscht Stillschweigen. Carlsens Antrittsgeld in Stavanger wird zwischen 50.000 und 100.000 Euro liegen.

Sein letztes Turnier spielte Carlsen in Baden-Baden, die Grenke Chess Classic. Er musste sich dort hinter einem glänzend aufgelegten Lewon Aronian mit dem geteilten zweiten Platz begnügen, nahm es aber gelassen und wirkte mit neuer Struwwelfrisur und ebenso neuer Brille überhaupt sehr gelöst und entspannt. Grund dafür soll eine neue Freundin sein. Über sein Privatleben schweigt sich Carlsen aus, aber die norwegische Boulevardpresse will die 22-jährige Journalistin Synne Christin Larsen als Freundin von Carlsen ausgemacht haben.

Der Grenke-Sieger Aronian ist in Stavanger auch wieder dabei, vielleicht kann der Armenier an frühere Jahre anknüpfen, als er 2014 mit 2830 die vierthöchste Elo-Zahl der Geschichte erzielte. Zu dieser Zeit befand sich Carlsen noch in einsamer Elo-Höhe (2882), inzwischen hat er 50 Punkte verloren. Zuletzt war es der Amerikaner Wesley So, der Carlsen in der Weltrangliste am nächsten kam. Der aus Manila stammende und in die USA ausgewanderte So ist jünger als Carlsen und vielleicht hungriger.

Auch die zweifache Spaßbremse Karjakin ist wieder dabei. Doch den Russen hat Carlsen seit der WM-Titelverteidigung ja deutlich besser in Erinnerung.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
rpr 06.06.2017
1. Jahrhunderte?
"Superturniere" wie das in London blieben zunächst eine Seltenheit, im Laufe der Jahrhunderte änderte sich das jedoch dramatisch. Hallo Hr. Schulz, 1851 - 2017 das sind wieviele Jahrhunderte?
Die Happy, 06.06.2017
2.
Zitat von rpr"Superturniere" wie das in London blieben zunächst eine Seltenheit, im Laufe der Jahrhunderte änderte sich das jedoch dramatisch. Hallo Hr. Schulz, 1851 - 2017 das sind wieviele Jahrhunderte?
Also ich zähle das 19., das 20. und das 21. Jahrhundert. Ich verstehe also nicht, was an ihrer "wieviele" Frage dran bzw. am Artikel falsch sein soll.
lancerfoto 06.06.2017
3. Ein super interessantes Turnier!
Blöd nur, dass der Livestream nicht funktioniert. --------- Der Live-Ticker funktioniert! MfG Redaktion Forum
lancerfoto 06.06.2017
4. Nun ist die Partie zu Ende
und die ganze Zeit funktionierte der Life-Ticker nicht! Da kann die Redaktion noch so heftig mit dem Kopf schütteln: Für mich funktioniert er erst, wenn ich ihn nutzen kann!!! Übrigens auch bei meinem Kumpel lief nix. Vielleicht lag es an dem Browser?! Bei Prüfung hat es bei uns einwandfrei funktioniert, MfG Redaktion Forum
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