Schach Wunderkind fordert Weltmeister

Schon als Zwölfjähriger wurde Sergej Karjakin zum Großmeister. Jetzt ist er 26 und hat das Schach-Kandidatenturnier gewonnen. Doch seine Karriere verlief nicht ohne Brüche - anders als die des WM-Titelverteidigers Magnus Carlsen.

Von André Schulz

Getty Images

Der Mann, der Weltmeister Magnus Carlsen herausfordert, entdeckte das Schachspiel, als er fünf Jahre alt war. In seinem Geburtsort Simferopol auf der Krim-Halbinsel sah Sergej Karjakin eine TV-Werbung, in der es hieß: "Auch der Bauer kann zur Dame werden." Er fragte seinen Vater, was damit gemeint sei, und nur wenig später begann sein Aufstieg zu einem der besten Schachspieler der Welt. Am Montag gewann er das Kandidatenturnier in Moskau und qualifizierte sich damit für die Weltmeisterschaft im November.

Nach der zweiten Klasse meldeten seine Eltern Karjakin von der Schule ab, das Talent erhielt Privatunterricht und entwickelte seine Fähigkeiten in dem Brettspiel rasant. Als der Ukrainer Ruslan Ponomarjow ihn 2001/2002 für die Fide-WM in Moskau als Sekundanten engagierte, wurde das Wunderkind in der Schachszene schlagartig bekannt.

Ein halbes Jahr später sicherte Karjakin sich im Alter von zwölf Jahren und sieben Monaten den Titel als jüngster Großmeister der Schachgeschichte - dieser Rekord ist bis heute gültig. Voller Selbstbewusstsein erklärte Karjakin, im Alter von 16 Jahren Weltmeister sein zu wollen.

Zunächst sah es so aus, als könne er dieses Ziel erreichen: Ende 2005 war Karjakin weltweit der beste Jugendliche seines Jahrgangs. Im Juli 2008 belegte er Platz zwei in der Juniorenweltrangliste, hinter dem gleichaltrigen Magnus Carlsen, der bei den sogenannten Elopunkten jedoch deutlich vorne lag.

Ein Haus als Begrüßungsgeschenk

Ein Jahr später folgte eine Zäsur in Karjakins Karriere. Weil er das Gefühl hatte, dass der ukrainische Verband ihn nicht ausreichend unterstützte und er deshalb in seiner Entwicklung stagnierte, wechselte er im Alter von 19 Jahren in den russischen Schachverband. Als Begrüßungsgeschenk erhielt der neue russische Staatsbürger ein Haus am Stadtrand von Moskau.

Zwei Jahre nach dem Wechsel, im Juli 2011, erreichte Karjakin seine bisher höchste Elozahl von 2788 und Platz vier in der Weltrangliste. Er fiel aber wieder bis auf Platz 13 zurück, vor dem Kandidatenturnier in Moskau lag er 90 Elopunkte hinter Carlsen, ein deutlicher Rückstand im Schach.

Karjakin gilt als offener und umgänglicher Mensch. Beim Kandidatenturnier war er der Liebling der Journalisten, trotz der Anspannung blieb er locker und war immer für einen Scherz zu haben.

Mit Carlsen versteht sich der Herausforderer sehr gut, sagt er und erzählt, dass er gelegentlich mit dem Norweger über Skype kommuniziere und bei einem Turnier in Moskau auch mal nachts mit ihm zum Bowlen gegangen sei. "Ich bewundere seine Fähigkeit, die Konzentration auch über sieben Stunden hoch zu halten", sagt Karjakin über seinen Konkurrenten.

Der Herausforderer ist klarer Außenseiter

Im direkten Vergleich liegt er in den Partien mit langer Bedenkzeit mit 1:2, bei 15 Remis, nur knapp zurück. Bei der Schnellschach-Weltmeisterschaft 2012 in Astana verwies er Carlsen auf den zweiten Platz und bei dessen Heimturnier in Stavanger gelang es Karjakin sogar zweimal, dem Weltmeister die Show zu stehlen. 2013 und 2014 gewann der Russe das Norway-Chess-Turnier.

Trotzdem ist Karjakin bei der WM im November in New York nur Außenseiter. Zu groß scheint Carlsens Überlegenheit. Karjakins Stärke liegt in seinem objektiven, sachlichen Stil. Allerdings kann Karjakin auch sehr scharf spielen, wie man in der letzten Partie gegen Caruana beim Kandidatenturnier gesehen hat. Wie schon beim vergangenen Fide-Worldcup bewies er hier große Nervenstärke.

Seine Schwäche ist sein limitiertes Eröffnungsrepertoire. Carlsen hat den größeren Siegeswillen, eine unbändige Energie und die größere Risikobereitschaft. Allerdings geht das auch nicht immer gut aus für den Weltmeister.

Karjakins entscheidender Sieg gegen Fabiano Caruana: Hier können Sie alle Partien des letzten Spieltags nachspielen. Und hier geht es zur Blitzanalyse der abschließenden Runde.



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
petruz 29.03.2016
1. Begriff Wunderkind
lese immer wieder Wunderkind wenn es um Schach geht. Carlsen ist doch auch so eines gewesen. Scheint daher nichts besonderes zu sein ein Wunderkind zu sein.
markzwanzig 29.03.2016
2. @1
Vor allem, wenn besagtes Wunderkind auch noch fast ein Jahr älter ist als Carlsen, beide Baujahr 90, aber Karjakin im Januar und Carlsen im November.
RudiRastlos2 29.03.2016
3.
"Weil er das Gefühl hatte, in seiner Entwicklung zu stagnieren, weil der ukrainische Verband ihn nicht ausreichend unterstützte, wechselte Karjakin im Alter von 19 Jahren in den russischen Schachverband." Unzreichende Unterstützung? Was soll das genau heissen? Für mich hört das sich eher so an, als wenn sich Russland hier seine sportlichen Erfolge kauft. Ein Ukrainer der für Russland spielt ist ja auch ein politisches Statement.
boris666 29.03.2016
4.
Zitat von RudiRastlos2"Weil er das Gefühl hatte, in seiner Entwicklung zu stagnieren, weil der ukrainische Verband ihn nicht ausreichend unterstützte, wechselte Karjakin im Alter von 19 Jahren in den russischen Schachverband." Unzreichende Unterstützung? Was soll das genau heissen? Für mich hört das sich eher so an, als wenn sich Russland hier seine sportlichen Erfolge kauft. Ein Ukrainer der für Russland spielt ist ja auch ein politisches Statement.
Na zum Glück machen wir das bei uns im Westen überhaupt nicht....
petz64 29.03.2016
5. gekaufte Erfolge
@3: Ja wo gibts denn sowas ? Sportler, die das Land wechseln, wenn dort mehr Geld (oder Anerkennung o.ä.) winkt ? Der Putin schreckt doch vor nix zurück. Zur Frage Wunderkind: Es scheint, ob nur solche noch die Chance haben, im Schach als Spitzensport - eine Sportart im Endstadium, bald sind Programme besser - bis ganz nach oben durchzustoßen. Insofern kein Wunder, daß auch Carlsen als ein solches bezeichnet wurde.
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