Schach-WM Die Remisere - und wie man sie lösen könnte

Im Duell der Schach-WM zwischen Fabiano Caruana und Magnus Carlsen endeten bisher alle Partien mit einem Remis. Es dürften weitere folgen. Dabei gibt es längst Ideen, die Unentschieden-Flut einzudämmen.

Fabiano Caruana (links), Magnus Carlsen
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Fabiano Caruana (links), Magnus Carlsen

Aus London berichtet


Vielleicht ahnte Magnus Carlsen schon, was kommen wird. Nachdem die dritte Partie seines WM-Duells gegen Fabiano Caruana mit einem Remis geendet hatte, wurde der Weltmeister gefragt, ob ihm schon langweilig sei. Carlsen lächelte. "Fragen Sie mich noch mal nach dem neunten Match." Mittlerweile sind vier Partien absolviert. Und noch immer hat kein Kontrahent einen Sieg geschafft.

Der dürfte auch bis zu jener neunten Partie selten werden, dafür muss man kein Prophet sein. Es reicht aus, auf die vergangene Weltmeisterschaft zu schauen. Die begann mit sieben Unentschieden in Serie zwischen Carlsen und seinem damaligen Herausforderer Sergej Karjakin, bevor der Russe die erste Partie überraschend für sich entschied (und am Ende doch verlor).

Ein Ausflug in die Geschichte des Schachspiels zeigt: Der hohe Remis-Anteil ist so alt wie das Spiel selbst; auch die Versuche, dagegen etwas zu tun, reichen weit zurück. Dabei war die Intention nie, das Unentschieden aus dem Schach zu verbannen. Mal sollte die Inflation sogenannter "schneller Remis" gestoppt, mal für mehr Gerechtigkeit gesorgt werden. Und am Ende ging es auch immer darum, das Spiel attraktiver zu machen.

"Das wäre ganz schön anstrengend"

Es gibt einen Mann, der sich schon vor Jahren im Kampf gegen das Remis einen Namen gemacht hat - und der bei dieser WM eine entscheidende Rolle spielt: Rustam Kasimdschanow. Der Usbeke ist Sekundant von Fabiano Caruana, er war verantwortlich für die spannende Eröffnungslösung seines Schützlings in Partie zwei. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass selbst diese geniale Idee ein Remis nicht verhindern konnte.

Auch nach der dritten Partie wurde über Kasimdschanows Ideen gesprochen, aber diesmal ging es nicht um die Vorbereitung. Ein Reporter fragte Caruana sinngemäß, ob er denn ein Problem damit hätte, unmittelbar nach dem Remis gleich noch eine weitere Partie gegen Carlsen zu spielen. Und danach vielleicht noch eine. "Das wäre ganz schön anstrengend. Aber ja, ich bin offen für so etwas", sagte der US-Amerikaner.

Noch eine Partie nach einem fünfstündigen WM-Match? Was im ersten Moment völlig abwegig klingt, hat Rustam Kasimdschanow vor sieben Jahren tatsächlich vorgeschlagen. Wenn man seinenoffenen Brief an den Weltverband Fide aus dem Jahr 2011 liest, scheint das einzig Abwegige zu sein, dass seither immer noch nicht viel passiert ist.

Analogie zum Tennis

Kasimdschanow, ein genialer Eröffnungstheoretiker, analysiert schonungslos die Remis-Serie. Er beschreibt den Unmut vieler Schachprofis, aber auch Sponsoren und Amateurspieler über die grassierende Zahl an Unentschieden. Viel zu oft würden sich Spieler zu früh auf ein Remis einigen. Seine Diagnose: Das größte Problem im Schach sei, dass es überhaupt Unentschieden gebe. Dies lasse sich aber auch nicht vermeiden, herausragende Spieler würden sich sehr oft neutralisieren.

Was folgt, ist ein bemerkenswertes Plädoyer für eine radikale Veränderung des Sports. Der heutige Super-Sekundant spricht dem Schach Strahlkraft ab und lenkt den Blick auf eine andere Individualsportart: Tennis. Auch dort würden sich zwei Persönlichkeiten messen, "sie zeigen eine ganze Bandbreite technischer Waffen, Geschwindigkeit, Präzision, Geduld und Genialität". Alles Analogien zum Schach - nur sei sein Sport eben im Vergleich Lichtjahre zurück und wirke eher wie akademische Aktivität, so Kasimdschanow. Etwas für Insider, höchstens.

Geschichtsträchtiger Ort London

Kasimdschanow aber will raus aus der Nische, "aus unserer kleinen Welt", er will Schach auf den Zeitungscovern und im Fernsehen, er will Sponsoren anlocken. Dazu bräuchte es aber Helden, die die Masse ansprechen. Und das gehe nicht über Unentschieden, sondern nur über Siege. Siegesserien.

Sein Vorschlag zur Lösung, gerichtet an den Weltverband, hat es in sich: Geht eine Partie an einem Turniertag Remis aus, wird sie wiederholt, diesmal nur mit 20 Minuten Bedenkzeit und vertauschten Farben. Endet sie erneut mit einem Unentschieden, wird eine weitere Partie gespielt, diesmal nur mit zehn Minuten, wieder vertauschte Farben. Irgendwann gibt es einen Sieger. Weil es einen geben muss. Im Tennis heißt das Tiebreak.

Die Entscheidung würde so zwar nicht immer im klassischen Schach fallen, sondern im Schnellschach oder gar Blitz. Aber langweilig würde es weder den Zuschauern noch den Spielern. Und sollte der neue Weltmeister in London Fabiano Caruana heißen, bekäme die Idee des Schach-Tiebreaks vielleicht sogar Aufwind. Es wäre ohnehin ein geschichtsträchtiger Ort. 1883 wurden in London Remispartien bis zu zwei Mal wiederholt. Mittwochs und Samstags.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
ts1 14.11.2018
1. Man könnte auch die Remis-Bewertungen aufspalten
Remi durch -Patt: 0.25 : 0.75 gegen den Patt gesetzten. -unzureichendes Material: 0.33 : 0.67 gegen die schwächere Seite ... (Einfach irgendwelche Beispielwerte genommen. Jedenfalls wäre mit so einer Regel garantiert schon ein Endspiel ausgekämpft worden.)
StefanXX 14.11.2018
2. Mein Vorschlag: Schach 960
Ich bin dafür es mit Schach 960 zu versuchen. D.h. die Grundaufstellung der Figuren variiert von Spiel zu Spiel und wird z.B. durch Zufall vor jedem Spiel ermittelt. Oder noch besser jeder Spieler darf abwechselnd eine Figur platzieren. Dann zeigt sich wer wirklich intuitiv bzw. in kurzer Zeit verschiedenste Schachstellungen am besten erfassen kann und für den Zuschauer wäre es auch viel spannender als ständig immer mehr ausgetrampelte Schachpfade mit den immer gleichen Eröffnungen zu sehen. Diese Variante hat übrigens kein Geringerer als Bobby Fischer entwickelt.
koh 14.11.2018
3. Nicht so toll
Im Fußball heisst das "Elfmeterschießen", und da wird oft genug überlegt, ob man nicht besser gleich auslosen sollte. Diese Regel würde vielleicht für mehr "Attraktivität" sorgen, hätte aber wenig mit normalem Schach zu tun. Die Leute würden viel mehr ihre Schnell- und Blitzschach Fähigkeiten trainieren, weil dadurch dann die meisten Spiele entschieden würden. Andere Alternativen, die nur wenig schlechter wären, sind Auslosen, Ausboxen, oder Entscheidung per Armdrücken.
koh 14.11.2018
4. Nicht so toll
Im Fußball heisst das "Elfmeterschießen", und da wird oft genug überlegt, ob man nicht besser gleich auslosen sollte. Diese Regel würde vielleicht für mehr "Attraktivität" sorgen, hätte aber wenig mit normalem Schach zu tun. Die Leute würden viel mehr ihre Schnell- und Blitzschach Fähigkeiten trainieren, weil dadurch dann die meisten Spiele entschieden würden. Andere Alternativen, die nur wenig schlechter wären, sind Auslosen, Ausboxen, oder Entscheidung per Armdrücken.
Orgalo 14.11.2018
5. diverse Möglichkeiten, es spannender zu gestalten
Man könnte auch entgangene Gewinnchancen (wie z.B. in der 1. Partie zwischen dem 34. und 38. Zug) per Schachcomputer ermitteln lassen und irgendwie bewerten (z.B. durch Einführung von 3/4 Punktbewertung für den Gegner, bzw. 1/4 Punkt für den Angsthasen bzw. Risikoscheuen) usw. Oder die berichtenden Medien könnten sich dazu zwingen - "ausnahmsweise" "reißerisch" zu berichten. Die Tatsache (mittlerweile ist es eine), dass sich Carlsen diese 99,9 % ige Gewinnchance in der ersten Partie sich hat entgehen lassen, hätte viel heftiger in der Schachpresse oder Schachspalte der Allgemeinpresse diskutiert werden müssen!
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