Schach-WM Die Stunde der Sekundanten

Die Partien der Schach-WM werden bislang von spektakulären Eröffnungen bestimmt. Ausgeheckt haben sie die Sekundanten der Stars - zwei Freunde mit gemeinsamer Vergangenheit.

imago/ Bildbyran

Aus London berichtet


Man fängt keinen Text mit "Shit" an. Aber weil es nun mal das Wort war, das dem Weltmeister als erstes einfiel, machen wir eine Ausnahme.

"Shit!"

Das also sagte Magnus Carlsen in dem abgedunkelten Saal des Londoner "College", wo in diesen Tagen die Schachweltmeisterschaft stattfindet. Dort vorn sollte der Titelverteidiger bei der Pressekonferenz über seine Gefühlslage reden. Was dachte er in jenem Moment der zweiten Partie, als Fabiano Caruana seinen Turm auf d8 zog?

Carlsens Reaktion sagt einiges über das aus, was seinem Herausforderer hier gelungen war. Auf dem Brett stand eine Variante des Damengambits, die nach dem WM-Kampf zwischen Anatolij Karpow und Wiktor Kortschnoi 1978 einige Berühmtheit erlangt hatte. Aber Caruanas Zug 10…Td8 , statt des normalen 10…Le7 oder 10…Te8, wie schon Karpow spielte, genoss bislang keinen guten Ruf. Gab es da etwa eine versteckte Idee? Hatte ein tief rechnender Computer etwas entdeckt? Carlsen witterte Gefahr und wich ihr aus, indem er statt des Hauptzuges 11.Sd2 den etwas merkwürdigen Zug 11.Le2 wählte. Danach übernahm Schwarz jedoch die Initiative, und Carlsen hatte keine Freude mehr an der Partie.

Die Schach-WM ist erst zwei Partien alt, aber sie hat schon ein bestimmendes Thema. Auch Carlsen war es in der ersten Partie in der Sizilianischen Rossolimo-Variante gelungen, seinen Gegner mit einer neuen Strategie und der langen Rochade zu überraschen und dadurch zum Angriff zu kommen.

Ihr Talent in den Dienst der Stars gestellt

Die beiden Scoops mit Schwarz in zwei Tagen rücken auch die Männer in den Fokus, die diese Überraschungen ausgeheckt haben: die Sekundanten. Es sind unsichtbare Männer, die im Hintergrund arbeiten, aber für den Erfolg der Stars mindestens genauso wichtig sind wie Intuition oder Computer-Engines. Die selbst herausragende Schachspieler sind, aber ihr Talent in den Dienst noch besserer Spieler stellen. Selten allerdings sind die Helfer der beiden konkurrierenden Lager so eng verbunden wie bei dieser WM.

Magnus Carlsen im Alter von 14 mit Peter Heine Nielsen
imago

Magnus Carlsen im Alter von 14 mit Peter Heine Nielsen

"Kasim ist ein guter Freund", sagt Peter Heine Nielsen über Rustam Kasimdschanow. Nielsen, zwei Meter groß, sieht viel jünger aus als 45. Er ist ein freundlicher Mann, dessen menschliche Qualitäten sogar in seinem Wikipedia-Eintrag Erwähnung gefunden haben. Der Däne arbeitet seit 2013 für Carlsen und gilt als Mastermind hinter dem norwegischen Weltmeister. Sein Kumpel Kasimdschanow, 38, ist seit 2016 der Tophelfer von Fabiano Caruana. Ausgerechnet das Freundeduell, das nach zwei Partien 1:1 steht, könnte nun die WM entscheiden.

Aber was bedeutet es für die eigene Arbeit, wenn man das Gegenüber so gut kennt? Wie sieht der Job eines Sekundanten überhaupt aus? Und arbeitet man als Helfer eher mit dem Star - oder doch wie ein Angestellter für ihn? Nielsen hat sich bereit erklärt, einen Einblick in seinen Job zu geben, allerdings unter der Voraussetzung, dass er über allzu konkrete Bezüge zu dieser WM schweigen darf. Die Arbeit der Sekundanten ist eine Hochsicherheitszone, bis heute weiß man nicht mal mit Sicherheit, wer außer dem Dänen noch im Helferteam Carlsens arbeitet. Und das soll auch so bleiben.

Die Vorbereitung

Am 27. März dieses Jahres wusste Nielsen, was auf ihn zukommen würde. Oder besser: wer. Da gewann Fabiano Caruana das Kandidatenturnier in Berlin. "Im Prinzip begann schon in dieser Minute die Vorbereitung", sagt Nielsen. Damals, in einem Camp in Oman, habe er mit Carlsen bereits erste Strategien und Eröffnungen diskutiert. Bis heute sind mehr als sieben Monate vergangen, mit weiteren Trainingscamps und der finalen Zusammenstellung des Teams. In London ist Nielsen der einzige Sekundant - der Rest des Teams ist über die Welt verteilt.

Die Arbeit bei der WM

Die Aufteilung der Helfer hat praktische Gründe. Nach jeder Partie kommen Spieler und Sekundanten zu gemeinsamen Analysen zusammen. "Wir arbeiten meist bis in die Nacht", sagt Heine Nielsen, hier würde es zum Vorteil, wenn einige Helfer in anderen Zeitzonen ihre Arbeit verrichten: "Wir verhindern so, dass das komplette Team nachts arbeiten muss." Das Team kann so rund um die Uhr analysieren - Effizienz auf allerhöchstem Niveau.

Rustam Kasimdschanow

Rustam Kasimdschanow

Die Überraschungen

Eigentlich dürfte es im Schach keine Überraschungen mehr geben. Über Datenbanken stehen allen Spitzenspielern alle Partien der Gegner zur Verfügung, Engines berechnen Entwicklungen. Es ist die ultimative Transparenz. Dass doch immer mal wieder Scoops gelingen, führt Nielsen auf eine "formidable kreative Kombination" zurück: Mensch plus künstliche Intelligenz. Der Turmzug Caruanas ist ein gutes Beispiel dafür. Die menschliche Leistung war es, diesen Zug in den Tiefen der Vergangenheit zu finden. Die Aufgabe der KI war die Berechnung der Entwicklungen danach.

Seine Rolle

Freund? Berater? Angestellter? Ein bisschen was von allem, so beschreibt Nielsen seine Rolle für Carlsen. Natürlich müsse man sich erst mal verstehen, um zusammenarbeiten zu können. "Aber am Ende zählt das, was gut für den Spieler ist." Nielsen sieht sich als Dienstleister und Optimierer, er ist immer im Dienst und nimmt sich selbst nicht wichtig. Natürlich müsse man als Sekundant der Weltelite selbst ein sehr guter Schachspieler sein. "Aber wir bewegen uns schon auf deutlich unterschiedlichen Leveln. Deshalb läuft es idealerweise so ab, dass der Spieler seine Ideen präsentiert und ich sie dann mithilfe des Computers überprüfe."

Ambitionen

"Vielleicht war es wie in einem Schachspiel", sagt Peter Heine Nielsen über seine Karriere vom talentiertesten dänischen Spieler zum Sekundanten des Weltmeisters. Wie im Schach habe man nicht notwendigerweise immer einen Plan, noch mache man einen Zug und schaue mal, wohin er einen führen wird. "Ich war noch Spieler, als ich mich 2001 mit Vishy Anand anfreundete und er mich irgendwann fragte, ob ich sein Trainer werden wolle." Der Schritt war ungeplant, das will Nielsen sagen, aber auch bedacht. Er habe zwar seine Ambitionen als Spieler aufgegeben, aber sei trotzdem in den ersten Anand-Jahren als Spieler noch mal besser geworden. "Ich werde mich sicher nicht beschweren."

Kasimdschanow

Ebenfalls im Anand-Team: Rustam Kasimdschanow, sein heutiger Sekundantengegner. Und Freund. "Wir haben ein ganzes Jahr zusammengearbeitet, in Trainingscamps, bei Spielen. Klar haben wir da eine enge Beziehung entwickelt", sagt Nielsen über den Usbeken, mit dem er zusätzlich jahrelang im selben Bundesligaklub, dem OSC Baden-Baden, spielte. "Und auch wenn wir jetzt während der WM unterschiedliche sportliche Ziele haben, wird sich an unserem persönlichen Verhältnis nichts ändern."

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cs01 12.11.2018
1.
Gerüchteweise ist auch Jan Gustafsson im Team um Carlsen. Auffällig ist jedenfalls, dass er bei der WM auf Chess24.com nicht kommentiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.