Schach-WM Carlsen gegen Anand Die große Revanche

Das Duell zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand endete vor einem Jahr mit einer Demontage des Inders und einem Triumph des neuen Weltmeisters aus Norwegen. Wird die Revanche nun zum Kampf auf Augenhöhe? Alle Fakten zur Schach-WM.

Von und André Schulz

Viswanathan Anand (l.), Magnus Carlsen: Erneutes Duell nach der WM 2013
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Viswanathan Anand (l.), Magnus Carlsen: Erneutes Duell nach der WM 2013


Als Magnus Carlsen vor zehn Jahren in Reykjavik bei einem Schnellschachturnier knapp gegen Garri Kasparow ausschied, kommentierte er das mit den Worten: "Ich habe gespielt wie ein Kind!". Damit war Carlsen von der Wahrheit nicht weit entfernt, mit gerade 13 Jahren war er der jüngste Teilnehmer im Feld. Kasparow erkannte das Talent des Jungen aus dem damaligen Schach-Niemandsland Norwegen sofort, und auch die Schachwelt sollte bald staunen.

Das Wunderkind Carlsen wurde zum Shooting Star der Szene, überholte alle anderen Großmeister und setzte sich mit großem Vorsprung an die Spitze der Weltrangliste. Als logische Folge besiegte er im November 2013 auch den Inder Viswanathan Anand im Duell um die WM und wurde der 16. Weltmeister der Schachgeschichte. Anand blieb ohne Sieg, es war eine Demonstration des Herausforderers. Ein Triumph.

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Und jetzt? Wer ist Favorit in dem Duell, in dem sich ab diesem Samstag im russischen Sotschi erneut Carlsen und Anand gegenübersitzen, diesmal in vertauschten Rollen? Wer hat die besseren Chancen, wer welche Stärken und Schwächen? Wie gut ist der Titelverteidiger drauf - und was könnte das Geheimrezept des Herausforderers sein?

Der Titelverteidiger

Im Duell der Generationen fällt dem 23-jährigen Weltmeister Magnus Carlsen die Rolle des vor Energie strotzenden Draufgängers zu. Er fährt gerne Ski und spielt mit Begeisterung Basketball und Fußball. Carlsen, die aktuelle Nummer eins der Welt, ist körperlich topfit, das merkt man auch am Brett. Wenn andere Großmeister bei ihren Partien nach vier oder fünf Stunden intensiver Geistesarbeit langsam müde werden, fängt beim Norweger der Spaß erst an. Wer müde ist, macht Fehler. Carlsen macht nur sehr selten Fehler.

Der Herausforderer

Viswanathan Anand ist 44 Jahre alt und derzeit die Nummer sieben der Welt. Er qualifizierte sich als Sieger des Kandidatenturniers, das er im März im russischen Chanti-Mansijsk gewann. Wo Carlsen mit Jugendlichkeit und Stärke glänzt, bringt der Inder ungeheure Erfahrung ein. Seinen ersten Wettkampf um die Weltmeisterschaft spielte Anand 1995 und zahlte gegen Kasparow Lehrgeld. 2007 wurde er zum ersten Mal Weltmeister und verteidigte seinen Titel danach drei Mal. Anand hat alle Höhen und Tiefen schon mitgemacht und wohl jede Situation, die ihm jetzt gegen Carlsen begegnen könnte, schon einmal erlebt.

Stärken und Schwächen

Beide Spieler besitzen ausgezeichnete Fähigkeiten in der Verteidigung . Anand witterte immer viel früher als andere, wann eine Partie aus dem Ruder laufen könnte, strebte dann den Tausch der Figuren und Remis an, um in der nächsten Partie neu anzusetzen. Es scheint aber, als sei ihm dieser Instinkt im Laufe der vergangenen Jahre etwas abhanden gekommen. Auch an Sicherheit hat der frühere Weltmeister verloren und musste einige Niederlagen nach überraschend groben Fehlern hinnehmen.

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Carlsen verteidigt schlechtere Stellungen sehr hartnäckig und erfolgreich. Früher spielte der Norweger gern riskante Eröffnungen und musste manchmal lange kämpfen, bevor er die Partie ausgleichen und auf Gewinn spielen konnte. In seinem tiefen strategischen Verständnis erinnert Carlsen an Bobby Fischer. Besser als alle anderen weiß der Weltmeister, wohin er seine Figuren ziehen muss, um Druck auszuüben.

Im Endspiel ist Carlsen eine Klasse für sich. Natürlich kennt sich auch Anand im Endspiel bestens aus, aber Carlsen findet auch dann noch versteckte Gewinnideen, wenn der Gegner die Partie längst für remis hält. Vor ein paar Jahren gewann Carlsen gegen Ruslan Ponomarjow ein Turmendspiel mit je drei Bauern an einem Flügel. "Das geht nur durch Zauberei", kommentierte Großmeister-Kollege Rustam Kasimjanow, "selbst mit vier gegen drei Bauern ist es remis!" Eigentlich.

Die Chance des Herausforderers

Anand konnte in seinen WM-Kämpfen gegen Kramnik (2008), Topalow (2010) und Gelfand (2012) auf ein gut eingespieltes Team vertrauen. Da ist er gegenüber Carlsen im Vorteil, der - so vermutet man - nur mit einigen wenigen Spielern zusammenarbeitet. Außerdem ist davon auszugehen, dass Anand mit seiner Mannschaft einige überraschende Eröffnungsvarianten vorbereitet hat, die Carlsen wehtun könnten. Carlsen wird versuchen, der indischen Eröffnungsvorbereitung aus dem Weg zu gehen, um Stellungen zu erreichen, die er so lange spielen kann, bis Anand müde wird.

Am ehesten könnte Anand Carlsen im taktischen Bereich erwischen, indem er geistreiche Scharmützel auf dem Brett inszeniert. Mit solchen Überfällen war Anand 2008 beim WM-Kampf gegen Kramnik sehr erfolgreich. Kommt der Inder auf diese Weise in Vorteil, kann er seine ausgezeichneten technischen Fähigkeiten ausspielen. Gelegentlich neigt Carlsen zur Ungeduld und überzieht seine Stellungen. Die schlechte Nachricht ist allerdings: Das passiert zumeist nur gegen schwächere Gegner. Gegen Anand wird sich Carlsen dazu wohl nicht hinreißen lassen.

Der Modus

Es werden zwölf Partien gespielt. Der Sieger einer Partie bekommt einen Punkt, beim Remis erhalten beide Spieler jeweils einen halben Punkt. Weltmeister ist, wer als erster 6,5 Punkte oder mehr erzielt hat. Bei Gleichstand nach zwölf Partien folgt ein Stichkampf mit Partien mit verkürzter Bedenkzeit.

Das Preisgeld

Zwei Millionen Euro werden als Preisfonds genannt. Das entspricht ziemlich genau den Dimensionen der vergangenen WM, bei der 2,5 Millionen Dollar ausgeschüttet wurden.

Prognose

Viel wird auch davon abhängen, wer in Sotschi, Wladimir Putins Lieblings-Sportort, als Erster in Führung geht. Carlsen ist klarer Favorit bei den Buchmachern, auch wenn Anand in bestechender Form ist. Und falls Anand vorlegt, könnten die Nerven dem jungen Weltmeister womöglich einen Streich spielen. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Carlsen sollte seinen Titel am Ende verteidigen können, wenn auch knapper als im Vorjahr.

SCHACH-WM @ SPIEGEL ONLINE
  • DPA
    Ab dem 7. November steigt in Sotschi (Russland) die Schachweltmeisterschaft. SPIEGEL ONLINE berichtet von allen Partien im Liveticker. Es kommentiert Bernd Schroller, Experten von Chessbase liefern live weitere spannende Hintergründe. Außerdem:

    Unser Kooperationspartner ChessBase erklärt bereits kurze Zeit nach Ende jeder Partie die Schlüsselstellung, die zur Entscheidung führte.

    Wie im vergangenen Jahr wird es auch diesmal wieder exklusive Videoanalysen des englischen Großmeisters Daniel King geben - von allen Partien!
  • Alles zur Schach-WM bei Chessbase

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
rreshron 08.11.2014
1. informativer Artikel und nur ein belangloser Putin-Seitenhieb
da darf man gespannt sein, ob zur WM eine offene, faire Sport-Berichterstattung ohne Russland-Bashing zugelassen wird.
maba7878 08.11.2014
2. Fotostrecke
Schade, dass in der Fotostrecke Dr. Emanuel Lasker unerwähnt blieb. Immerhin ist er mit einer "Amtszeit" von 27 Jahren bis heute der am längsten amtierende Weltmeister gewesen, und hat zudem eine interessante Lebensgeschichte aufzuweisen.
StefanXX 08.11.2014
3. Verschonen Sie mich wenigstens bei der WM mit Putin-Gequatsche
Bitte verschonen Sie mich beim Schach mit Ihrem Putin-Gequatsche. Ich glaube her Sie und nicht die Medien sind das Problem, wenn Sie während der WM jetzt beginnen zu rechnen wer wann dazu etwas geschrieben hätte das mal evtl. als Seitenhieb auf Putin auffassen könnte. Ich freue mich auf die WM und zwei großartige Spieler!
eimsbusher 08.11.2014
4. Putin-Alarm
Schon erstaunlich, was so alles als "Putin-Bashing" herhalten muss. Ist gerade so wenig zu tun in der Hauptabteilung Desinformation?
Inuk 08.11.2014
5. Schachweltmeisterschaft
Vor einem Jahr kritisierte der Ehrenpräsident des deutschen Schachverbandes, Herr von Weizsäcker, dass der junge Magnus Carlsen nicht schön und elegant spiele, sondern zweckmäßig und auf Sieg orientiert. Diese Beurteilung hat mich geärgert und fand ich völlig unangebracht, denn Schach ist ein geistiger Sport und im Sportwettbewerb spielt man nun mal auf Sieg. So verhalten sich alle Sportler, vom Boxer bis zum Fußballspieler. Deshalb drücke ich Herrn Carlsen die Daumen und wünsche ihm eine erfolgreiche Verteidigung seines Weltmeistertitels. Elegant Schachspielen kann man im Café.
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