+++ Schach-Kandidatenturnier live +++ Caruana gegen Anand

Der Fokus beim Kandidatenturnier in Moskau gilt heute der Partie Fabiano Caruana gegen Viswanathan Anand. Jung gegen alt, Dritter gegen Erster.

Live-Analyse von Bernd Schroller


Das war es für heute. Morgen folgt ab 13 Uhr die elfte Runde. Dort werden wir uns dem Spitzenspiel zwischen Viswanathan Anand und Sergej Karjakin widmen. Bis dahin!
Da am Ende ja nur ein Spieler der Herausforderer von Magnus Carlsen werden kann, lohnt sich nach zehn Runden der schnelle Blick ins Regelwerk, was passiert, wenn nach 14 Runden zwei oder mehr Spieler punktgleich sind: Zunächst zählt der direkte Vergleich, ist auch der gleich, dann gibt die Anzahl der Gewinnpartien den Ausschlag. Bleibt dann immer noch die Entscheidung offen, wird die sogenannte Sonneborn-Berger (Punkte der Gegner, gegen die man gepunktet hat) herangezogen. Sollte dann immer noch kein Turniersieger ermittelt sein, muss ein Stichkampf mit Schnellpartien gespielt werden.
Das ist die Schlussstellung der Partie zwischen Aronjan und Topalow. (Grafik: Chessbase)
Die Damen verschwinden vom Brett. Danach sind die Reihen so festgelegt, dass überhaupt nichts mehr geht. Mit einem Lächeln reichen sich beide Kontrahenten die Hand.
55. De2 Dc8 56. b5 De6 57. Dxe6 Kxe6 58. b6 Ld8 Remis
Da ist wieder die Stellungswiederholung in der Luft. Die weiße Dame darf nicht auf die achte Reihe eindringen. Doch Topalow verhindert das Eindringen dann nicht mit seinem König, sondern mit der Dame auf a8.
49. ... De2 50. Db1 f5 51. Da1 Da6 52. De1+ Kf7 53. Db1 Kf6 54. De1 Da8
Nun sind auch die Bauern am Königsflügel mehr oder weniger festgelegt. Das ist die Stellung nach dem 49. Zug von Weiß. (Grafik: Chessbase)
41. Dd1
Die Computerprogramme sehen die Stellung im völligen Ausgleich. Topalow kann hier aber immerhin noch auf eine kleine weiße Schwäche spielen. Die Bauern auf d4, c5 und b4 sind auf schwarzen Feldern festgelegt, so dass der schwarze Läufer sie angreifen könnte. Die schwarzen Bauern stehen hingegen auf weißen Feldern und sind so außerhalb der Reichweite des weißen Läufers.
Doch dieses Läuferopfer von Caruana war mehr als eine Verschärfung der Stellung. Es war noch einmal ein sicherer Fingerzeig, dass der Amerikaner hier nun in jeder Partie bereit ist, ins Risiko zu gehen. Nach seinen sieben Punkteteilungen in der Hinrunde sieht die Rückrunde nun ganz anders aus. Er gewinnt zwei Mal in Folge mit Weiß. Und das die Schwarzpartie dazwischen am Montag im Remis endete, lag bestimmt nicht an der Partieanlage, die über weite Strecken nicht nach Punkteteilung aussah.
Die Schlüsselstellung war heute ganz sicher im 18. Zug. Caruana ging mit seinem Opfer auf h6 ins Risiko. Die Computer-Programme finden da in der Folge eine Verteidigung, in der Schwarz die Mehrfigur halten kann. Doch die Stellung ist sehr kompliziert und bietet Weiß mit seinen aktiven Figuren sehr viele Möglichkeiten.
Anand macht es in der anschließenden Pressekonferenz genau wie nach seiner Pleite gegen Sergej Karjakin. Er sagt einfach nichts. Verlieren kann der erfahrene Ex-Weltmeister auch im hohen Alter noch nicht gut. Gestern plauderte er noch mit großem Genuss über seinen Gewinnweg - heute schweigt er einfach.
In dieser Stellung gab Anand die Partie auf. (Grafik: Chessbase)
Nur zwei Züge später gibt Anand die Partie auf. Daniel King skizziert den möglichen Gewinnweg, den sich der Inder nun nicht mehr zeigen lässt: "Nach dem erzwungenen Turmtausch kann der verbleibende Turm kann einfach die Bauern am Damenflügel abräumen."
32. Kg1 Txf6 33. Tf1 1:0
Anand zieht die Partie nun ohne großes Nachdenken durch, er hat die Partie ein Stück weit abgeschrieben. Er spielt vielleicht noch ein wenig mit der Zeit seines Gegners, aber Caruana hat für die neun Züge bis zur Zeitkontrolle inklusive der Bonussekunden noch knapp zehn Minuten. Da die Stellung nicht mehr wirklich komplex ist, sollte der Gewinn nicht schwer sein.
23. Tfe1 Sxc3 24. Tc1
Mit dem Springerzug liegt der erste Bauer schon auf der Straße. Nach 23. Lxe4 Lxe4 kann Caruana einfach auf c4 mit seinem Springer schlagen oder mit 24. h4 gxh4 25. Tf4 eine starke Stellung am Königsflügel bekommen.
22. ... Se4
Das Spiel hat nun einen anderen Charakter bekommen, die unmittelbaren taktischen Momente sind mit dem Damentausch vom Brett. Aber Caruana hat immer noch einen positionellen Vorteil. Seine Figuren stehen aktiv, er darf darauf hoffen, den einen oder anderen schwachen schwarzen Bauern zu erobern. (Grafik: Chessbase)
21. Dxg5 hxg5 22. f6
Piotr Swidler vs Hikaru Nakamura: Auch die zweite Partie des Nachmittags endet in einer Punkteteilung. Hikaru Nakamura hat mit Schwarz in die Variante abgewickelt, die ihm ein Dauerschach gegen den weißen König ermöglichte.
20. exf5 Dg5
Daniel King sieht in Anands Gegenopfer aber wiederum auch eine Stärke des Ex-Weltmeisters: "Das ist typisch für Anands pragmatischen Stil: er grübelt nicht lang und versucht nicht, das Opfer zu wiederlegen, sondern er gibt die Figur sofort zurück. Anand nimmt etwas die Schärfe aus der Stellung und akzeptiert dafür ein Endspiel, in dem er etwas schlechter steht."
Anand entscheidet sich für ein Gegenopfer. Er schließt nach 20. exf5 zwar die für ihn gefährliche f- Linie und kann dann mit 20. ... Dg5 vermutlich sogar die Damen tauschen, aber die Initiative bleibt bei Caruana. Schwarz wird in der Folge dieser Vereinfachung mit vielen eigenen Bauernschwächen (b7, c4) zu kämpfen haben.
19. ... Sf5
Sergej Karjakin vs. Anish Giri: Das erste Spiel des Tages ist entschieden und endete in einem Remis. Nachdem sich auf der c-LInie Dame und Turm vom Brett getauscht hatten, ist ein Turmendspiel mit gleicher Bauernanzahl übrig geblieben, dass nicht mehr zu gewinnen war. Mal sehen, ob sich Karjakin am Ende des Tages die Tabellenführung nicht mehr mit Anand teilt, sondern mit Caruana. Der Amerikaner könnte mit einem Sieg nach Punkten aufschließen.
19. Dh5
Auch Daniel King ist gespannt, was folgt: „Das Opfer war eigentlich nicht nötig, Caruana hatte ein paar gute Alternativen - er muss also überzeugt sein, dass es stark ist. Weiß hat alle Figuren im Spiel und der schwarze Turm in der Ecke ist völlig abgeschnitten. Diese Logik spricht für das Opfer.“
18. ... gxh6
Wow! Das ist eine Ansage. Caruana opfert seinen Läufer. Natürlich gibt es Möglichkeiten auf ein Remis nach Dauerschach. Aber das kann hier nicht das weiße Anliegen sein. Er bekommt nach 18. .... gxh6 19. Dh5 mächtiges Angriffsspiel am Königsflügel. Der König steht offen und das Feld f7 ist schwach. Mal sehen, was da nun geht.
18. Lxh6
Caruana sucht jetzt schon über 20 Minuten nach der passenden Fortsetzung.Er muss sich überlegen auf welche Linien die Türme gehören und wie er mit seinen Bauern im Zentrum vorrückt. Die Entscheidungen lassen sich aber zumeist leichter treffer, als in dieser Stellung Pläne für Schwarz zu finden.
Caruana könnte jetzt auch den geopferten Bauern auf c4 sich zurückholen. Er müsste dafür aber seinen starken Springer auf e5 aufgeben.
Auch Daniel King sieht Schwarz vor großen Problemen: "Der Springerrückzug gefällt mir nicht. Der Springer versperrt Turm und Dame den Weg, die schwarzen Figuren sehen eingeengt aus. Läuferpaar, starkes Bauernzentrum, gut koordinierte Figuren: Caruana hat mehr als ausreichend Kompensation für den Bauern."
Anands Zeit ist nach nicht einmal 20 Zügen schon auf weniger als 50 Minuten runter. Caruana hat noch rund eine halbe Stunde mehr auf der Uhr. Wenn die Stellung so komplex bleibt, wird der Inder ganz sicher Zeitprobleme bekommen. Er muss hier eine zähe Verteidigungsstrategie gegen die weißen Angriffsversuche finden.
17. ... Se7
Das Hinspiel beider Spieler endete in der dritten Runde remis. Dort besaß Anand als Weißer zunächst sehr gutes Spiel im Zentrum, doch seine Initiative versandete und die Partie endete nach dem Abtausch sämtlicher Figuren in der Punkteteilung.
Caruana verlässt die Diagonale des Läufers, behält aber den Bauern auf e4 unter Obacht. Anand muss sich nun entscheiden, ob er nach Sxc6 einen Dreifachbauern auf der c-Linie riskiert oder seinen Springer nach a5 und e7 zieht. Dann würde Weiß aber ein sehr aktives Zentrum besitzen, dass ihm einige Möglichkeiten bietet. Selbst schlagen darf er nicht, weil nach 17. Sxe5 dxe5 sein Springer auf d6 hängt.
17. De2
Mit seinem soliden Springerückzug nach d6 verschiebt Anand auch die Entscheidung, ob er heute eine sehr prinzipielle Partie haben möchte, die eine Entscheidung zugunsten eines Spielers bringt. Der Inder muss aufgrund der bislang sehr schnell gespielten weißen Züge davon ausgehen, dass Caruana dieses Abspiel in der Vorbereitung durchkalkuliert und für spielbar eingeschätzt hat. Dies lässt sich in einer solch komplexen Stellung direkt am Brett nur sehr schwer einschätzen, daher sieht Sd6 wie ein vernünftiger Kompromiss aus.
16. e4 Lh7
Anand weicht hier einer ganzen scharfen Möglichkeit aus. In dieser Stellung war 15. Sxg3 möglich. Nach 16. e4 Sxf1 17. exf5 Sxh2 hat schwarz für seine geopferten Figuren (Springer und Läufer) genügend Kompensation (Turm und drei Bauern). Doch die Stellung ist durch die aktiven weißen Figuren auch sehr gefährlich für Schwarz. (Grafik: Chessbase)
15. Se5 Sd6
Caruana kann auch im Zentrum mit seinen Bauern aktiv werden. Eine Idee, die im Raum steht, ist zum Beispiel der Vormarsch auf der d-Linie, wo dann die weißen Türme in die schwarze Stellung eindringen können oder der Springer ein gutes Feld auf d4 erhält.
13. ... Se4 14. Tad1 Lf5



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.