Schach-WM Vier legendäre Schlusspartien zum Nachspielen

In New York ermitteln Magnus Carlsen und Herausforderer Sergei Karjakin im Tiebreak den neuen Weltmeister. Die Schach-Geschichte ist reich an dramatischen Entscheidungen. Hier können Sie vier legendäre Schlusspartien nachspielen.

Anatoly Karpow (r.) und Garry Kasparow im Duell (1985 bei der WM in Moskau)
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Anatoly Karpow (r.) und Garry Kasparow im Duell (1985 bei der WM in Moskau)

Von André Schulz


Am Abend sitzen sich Titelverteidiger Magnus Carlsen und Herausforderer Sergei Karjakin zum letzten Mal bei dieser WM gegenüber. Bisher steht es 6:6, der Tiebreak muss die Entscheidung über den neuen Weltmeister bringen.

Bis zum Duell um die "klassische Weltmeisterschaft" 2004 zwischen Wladimir Kramnik und Peter Leko in Brissago reichte dem Schach-Weltmeister schon ein Gleichstand zur Titelverteidigung. Dieses Privileg wurde 2006 abgeschafft. Der Weltschachbund Fide reduzierte die Anzahl der Matchpartien und führte ein festes Tiebreak-System bei Gleichstand nach den zwölf regulären Match-Partien ein.

Erst werden vier Schnellschachpartien mit 25 Minuten Grundbedenkzeit und zehn Sekunden Zugabe pro Zug gespielt. Dann folgen maximal fünf Runden mit je zwei Blitzpartien mit fünf Minuten Grundbedenkzeit und drei Sekunden Zugabe pro Zug. Am Ende steht eine sogenannte Armageddon-Partie: Weiß erhält sechs Minuten Bedenkzeit, Schwarz fünf Minuten. Weiß muss gewinnen, Schwarz reicht ein Remis zum Gewinn der Partie und damit auch des gesamten Duells. Die Farben werden gelost.

Nach diesen Regeln wird am heutigen Abend in New York auch der Tiebreak zwischen Carlsen und Karjakin (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gespielt. Für die Spieler eine Nervenschlacht, für die Zuschauer ein spannendes Spektakel.

Bisher kam es bereits zweimal zu einer solchen Verlängerung. 2006 beim ersten Wettkampf nach den neuen Regeln entschied Wladimir Kramnik den Wiedervereinigungswettkampf gegen Weselin Topalow in der Schnellschachrunde 2,5:1,5 für sich. 2012 verteidigte Viswanathan Anand seinen Titel mit dem gleichen Resultat gegen Boris Gelfand.

Aber auch in der Zeit, als dem Weltmeister schon ein Unentschieden zur Titelverteidigung genügte, gab es knappe Entscheidungen in der finalen Partie. Dank unseres Kooperationspartners ChessBase können Sie diese hier nachspielen.

1. Emanuel Lasker vs. Carl Schlechter, Wien/Berlin 1910

Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1894 gegen Wilhelm Steinitz gelangen Emanuel Lasker, dem einzigen deutschen Weltmeister der Schachgeschichte, in den Jahren bis zu seiner Ablösung 1921 einige sehr überzeugende Titelverteidigungen. 1907 besiegte er den US-Amerikaner Frank Marshall 11,5:3,5. Seinen deutschen Rivalen Siegbert Tarrasch fegte Lasker 1908 10,5:5,5 vom Brett.

Doch dann traf der promovierte Mathematiker auf einen schweren Gegner. In dem von ihm selbst organisierten und 1910 in Wien und Berlin ausgetragenen Wettkampf gegen den Österreicher Carl Schlechter verlor Lasker überraschend die fünfte Partie und lag vor der zehnten und letzten Partie immer noch zurück. Ein 5:5-Unentschieden hätte Lasker zur Titelverteidigung gereicht, doch dazu musste er unbedingt die letzte Partie gewinnen, die im Berliner "Hotel de Rome" gespielt wurde.

2. Michail Botwinnik vs. David Bronstein, Moskau 1951

1946 übernahm der Weltschachbund Fide die Organisation der Weltmeisterschaften und formulierte transparente Regeln. Michail Botwinnik gewann das WM-Turnier 1948 in Den Haag und Moskau und wurde der erste sowjetische Schachweltmeister. 1951 musste er seinen Titel im Duell gegen einen Herausforderer aus dem eigenen Land verteidigen - David Bronstein. Dieser hatte in Boris Weinstein einen einflussreichen Mentor. Weinstein war nicht nur Präsident des sowjetischen Schachverbands, sondern auch Chef der Wirtschaftsabteilung des sowjetischen NKWD ("Narodny kommissariat wnutrennich del", auf Deutsch "Volkskommissariat für innere Angelegenheiten"), aus dem später der KGB hervorging.

Weinstein und Botwinnik pflegten eine langjährige Feindschaft, und während der Wettkampfpartien jubelten Weinstein und seine Freunde vom NKWD im Zuschauerraum lautstark bei jedem guten Zug ihres Schützlings Bronstein, was Botwinnik ausgesprochen nervös machte. Der Wettkampf war auf 24 Partien angelegt. Nach 21 Partien stand es 10,5:10,5. Dann gewann Bronstein die 22. Partie und ging in Führung. Botwinnik musste nun eine der beiden ausstehenden Partien gewinnen, um auszugleichen und den Titel zu verteidigen. Auch hier galt noch: Punktgleichheit reichte zur Titelverteidigung. In einer denkwürdigen 23. Partie gelang dem Weltmeister der Ausgleich. Danach hatte Bronstein keine Kraft mehr.

3. Garri Kasparow vs. Anatoli Karpow, Sevilla 1987

1984 spielten Anatoli Karpow und Garri Kasparow einen denkwürdigen Wettkampf um die Weltmeisterschaft, der nach 48 Partien als längster WM-Kampf der Schachgeschichte schließlich ohne Sieger abgebrochen wurde. Keiner der beiden Spieler schien in der Lage, die gemäß den damaligen Regeln erforderliche Anzahl von sechs Siegen erzielen zu können. Nach dieser Erfahrung änderte die Fide die Regeln und begrenzte den WM-Kampf auf maximal 24 Partien. Den Wiederholungswettkampf gewann Kasparow.

1986 entschied der neue junge Weltmeister auch das Revanchematch für sich, musste aber 1987 seinen Titel erneut gegen Karpow verteidigen, der aus dem Kandidatenturnier als Herausforderer hervorgegangen war. Das in Sevilla ausgetragene Spiel wurde für Kasparow jedoch zur Zitterpartie, denn Karpow gewann die 23. von 24 Partien zur 12:11-Führung. Kasparov musste unbedingt die letzte Partie gewinnen, um das zur Titelverteidigung ausreichende 12:12 zu erreichen.

4. Wladimir Kramnik vs. Peter Leko, Brissago 2004

2004 verteidigte Wladimir Kramnik seinen Titel als "Klassischer Weltmeister" gegen den Ungarn Peter Leko. Das Match fand im Süden der Schweiz in malerischer Umgebung am Lago Maggiore in Brissago statt. Der Wettkampf war auf 14 Partien angelegt. Auch hier genügte dem Titelverteidiger Kramnik schon ein Gleichstand am Ende des Wettkampfs zur Titelverteidigung, doch nach 13 Partien stand es 7:6 für Leko. Kramnik musste die letzte Partie gewinnen. Erst nachher wurde bekannt, dass Kramnik während der Weltmeisterschaft unter einer rheumatischen Krankheit litt und ärztlich behandelt werden musste. Leko wusste nichts davon.



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Seite 1
labbimen 30.11.2016
1. Dämlicher Modus
Carlsen oder Karjakin werden also am Ende des Tages Weltmeister im Schnellschach sein. Oder im Blitzschach. Oder im Armageddon??? Es ist erschreckend, wie sehr sich die FIDE und die ihr angeschlossenen Verbände dem Mainstream anbiedern in ihrem verzweifelten Versuch, Schach für all jene Leute attraktiv zu machen, die es langweilig finden und/oder nicht verstehen. Tun die auch weiterhin, während die einst seriöse Randsportart Schach sich selber lächerlich macht. Was war so verkehrt an dem alten Modus, dass der Herausforderer gewinnen muss, um den Titel zu erringen? Ist in anderen Sportarten ganz normal.
oxybenzol 30.11.2016
2.
In welcher Sportart ist es normal, dass dem Titelträger zum Verteidigen ein Unentschieden reicht? Der, der den Wettkampf gewinnt, egal ob Herausforderer oder Titelträger, wird Weltmeister. Bei Sportarten, wo eine Verlängerung nicht machbar ist, können am Ende auch beide ganz oben auf dem Treppchen stehen. Warum sollte dem Titelträger ein so großer Vorteil eingeräumt werden? Wenn Blitzschach unfair ist, dann bleibt meiner Meinung nach nur so lange zu spielen, bis ein Sieger fest steht.
flesh 30.11.2016
3. Dämlicher Modus?
Zitat von labbimenCarlsen oder Karjakin werden also am Ende des Tages Weltmeister im Schnellschach sein. Oder im Blitzschach. Oder im Armageddon??? Es ist erschreckend, wie sehr sich die FIDE und die ihr angeschlossenen Verbände dem Mainstream anbiedern in ihrem verzweifelten Versuch, Schach für all jene Leute attraktiv zu machen, die es langweilig finden und/oder nicht verstehen. Tun die auch weiterhin, während die einst seriöse Randsportart Schach sich selber lächerlich macht. Was war so verkehrt an dem alten Modus, dass der Herausforderer gewinnen muss, um den Titel zu erringen? Ist in anderen Sportarten ganz normal.
Mir fällt gerade tatsächlich gar kein anderer Sport ein, in dem das so wäre - außer ggf. das Profi-Boxen (Sport?). Aber hier ist es durch die von allen Verbänden verwendete 10-Point-Must-Regel so gut wie ausgeschlossen, daß überhaupt ein Unentschieden (Draw) zustande kommen kann.
cs01 30.11.2016
4.
Zitat von labbimenCarlsen oder Karjakin werden also am Ende des Tages Weltmeister im Schnellschach sein. Oder im Blitzschach. Oder im Armageddon??? Es ist erschreckend, wie sehr sich die FIDE und die ihr angeschlossenen Verbände dem Mainstream anbiedern in ihrem verzweifelten Versuch, Schach für all jene Leute attraktiv zu machen, die es langweilig finden und/oder nicht verstehen. Tun die auch weiterhin, während die einst seriöse Randsportart Schach sich selber lächerlich macht. Was war so verkehrt an dem alten Modus, dass der Herausforderer gewinnen muss, um den Titel zu erringen? Ist in anderen Sportarten ganz normal.
Ehrlich gesagt finde ich diesen Modus besser, als den alten, nachdem jetzt Carlsen den Titel verteidigt hätte. So hätte sich Carlsen zur Titelverteidigung mauern können. Das wäre doch eher unfair. Eventuell hätte es mehr Spannung gegeben, weil Karjakin irgendwann mehr ins Risiko hätte gehen müssen. Aber eine solche einseitige Risikoverpflichtung ist auch unfair. Es sollte schon einen Sieger geben, zur Not dann eben in verkürzter Bedenkzeit. Mir persönlich wäre es lieber, man würde jetzt weiter klassische Partien spielen, bis ein Sieger feststeht, aber das ist wohl leider nicht mehr machbar.
widower+2 30.11.2016
5. Kleine Anregung
Für interessierte Laien wie mich mit eher durchschnittlicher Schachbegabung wäre es ganz schön gewesen, nicht nur die Gewinnstellung darzustellen, sondern auch kurz zu erläutern, warum die jeweilige Stellung gewonnen ist. Das zu erkennen fiel mir nicht immer ganz leicht. Besonders lange habe ich über die Botwinnik-Partie gegrübelt. Da ist es dann wohl der Zugzwang, der zu einem Bauernverlust und einem Freibauern für Botwinnik führt oder? Vielleicht hat hier ja jemand Spaß daran, das nachzuholen, was ich vom Artikel erwartet hätte.
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