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Schachbox-WM: Veilchen, Rap und Damengambit

Was für ein Spektakel: Bei der ersten Schachbox-WM in Berlin flogen Fäuste und Könige gingen k.o. Aber ist das wirklich Sport? SPIEGEL-ONLINE-Autor Peter Ahrens erlebte, dass Akteure mit Hirn weiter kommen als mit harten Fäusten - wie Frank Stoldt, der neue Weltmeister aus Deutschland.

Hering ist gut. Schlagsahne ist gut. Wie gut muss dann erst Hering mit Schlagsahne sein. Das hat Kurt Tucholsky mal so aufgeschrieben, und irgendwie passt es zum Schachboxen. Eine Kombination, die es an sich so nicht geben könnte. Schach und Boxen – das passt ungefähr so gut zusammen wie Bahnchef Mehdorn und GDL-Boss Schell. Aber als gestern in Berlin der erste Weltmeisterschaftskampf in Deutschland ausgetragen wurde, hat der skurrile Wettbewerb doch seinen Reiz entwickelt.

Tape-Club in Berlin-Tiergarten: die übliche zugige Lagerhalle, das übliche Berlin-Mitte-Publikum mit seiner Mischung aus Glatzen-, Koteletten- und Pferdeschwanzträgern, kurzberockte Jägermeister-Hostessen, die vor ihren ausufernden Dekolletés Tabletts mit Kräuterlikör und Red Bull herschieben. Rapmusik dröhnt aus den Boxen, in der ersten Reihe am Boxring (das Ticket für 120 Euro) fließt der Schampus – der Abend muss sich noch ein bisschen anstrengen, eine seriöse Sportveranstaltung zu werden.

Schachboxen sei eine echte Sportart, "bei der das strategische Element eine entscheidende Rolle spielt", bemüht sich der Pressesprecher der "World Chess Boxing Organisation", Andreas Dilschneider, die Veranstaltung als ernstzunehmende Disziplin zu rühmen. Fürs Auditorium ist es allerdings eher ein Eventspaß, Auftakt ins Party-Wochenende, Appetizer für die After-Show-Feier mit Rap-Ikone Kurtis Blow. Sportpublikum ist das nicht. Höchstens besseres Fanmeilenpublikum.

Alle Accessoires einer echten Boxveranstaltung sind da, vom Moderator mit Sakko und Fliege über den Ringrichter ganz in Weiß und die Gewichtsklassen bis hin zur Ringecke, wo die Betreuer mit dem Handtuch warten. Trotzdem spürt man, gewollt oder nicht, die Lust auf Jux an jeder Ecke. Nicht umsonst findet die - nennen wir sie jetzt einmal so - Sportart im Prenzlauer Berg in Berlin die meisten Anhänger, da, wo immer über neuen Projekten und vermeintlichen Trends gebrütet wird, so abseitig sie auch sein mögen.

Schachboxen könnte auch als Parodie auf einen Sportabend durchgehen. Zu skurril wirkt es, wenn sich im Vorkampf der Kölner Kämpfer Marc Breuer mit einem frisch erworbenen Veilchen aus der Boxrunde wieder ans Schachbrett setzt, um über eine kleine Rochade oder das Damengambit nachzudenken. Oder der Berliner Sebastian Bauersfeind, ein feiner Schachspieler, in einem anderen Vorkampf seine Hühnerbrust entblößt und die Boxhandschuhe überstreift, die irgendwie viel zu groß für ihn wirken.

Strategen im Vorteil

Vier Minuten Schach, dann drei Minuten Boxen, dann wieder ans Schachbrett und wieder zurück in den Infight, das Ganze insgesamt elf Runden lang – amüsant ist es auf jeden Fall zuzuschauen, wie zum Beispiel der Schachspieler Bauersfeld gegen den besseren Boxer Jan Mielke aus Köln seine Qualitäten am Brett einsetzt, um den Gegner möglichst schnell mattzusetzen und damit seltener in den Boxkampf gehen zu müssen. Da entfaltet Schachboxen seinen Reiz – das Wissen, jetzt schnell am Brett reagieren zu müssen, weil man sonst eventuell im Ring k.o. geschlagen wird.

Einmal, im zweiten Vorkampf des Abends, setzt sich der bessere Boxer durch – ansonsten sind die geübteren Schachspieler in diesem Zweikampf meist im Vorteil. So auch beim WM-Kampf, wo sich kurz nach Mitternacht der Berliner Frank Stoldt im Halbschwergewicht gegen den US-Amerikaner David Depto durchsetzt. Am Ende der siebten Runde, also in der vierten Schachrunde, hat der Polizeiausbilder seinen Konkurrenten mattgesetzt. Stoldt, der früher Kickboxer war und sich in beiden Disziplinen gut bewegen kann, darf sich dank seiner Spielintelligenz jetzt Weltmeister im Halbschwergewicht der WCBO nennen. Wer kann das schon von sich behaupten?

Schachboxen – als nette Samstagabend-Unterhaltung für den Großstadt-Single reicht es allemal. Bis jetzt ist es aber weniger Sport, mehr Spielerei. Wenn das so weitergeht mit der Sport-Durchmixerei, kommt irgendwer am Ende noch auf die Idee und kombiniert Radfahren, Laufen und Schwimmen.

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