Von Christian Wriedt
Der ehemalige Box-Weltmeister Lennox Lewis trieb seinen Trainer in den Wahnsinn, wenn er kurz vor wichtigen Kämpfen in der Kabine noch Schach spielen wollte. Doch das ist nichts im Vergleich zu Frank Stoldt. Der Berliner Halbschwergewichtler setzt sich zwischen zwei Boxrunden ans Schachbrett – mitten im Ring und ganz offiziell, als Teil seines Sports.
Stoldt gehört zu den wenigen Schachboxern dieser Welt. "Ja, Schachboxen gibt es wirklich. Und ja, wir meinen das ernst", sagt der 38-Jährige mit dem Kampfnamen "Anti Terror". Er ist von Beruf Polizist und arbeitet zurzeit im Auftrag der Vereinten Nationen als Ausbilder im Kosovo. Doch für seinen Weltmeisterschaftskampf gegen David "Double D" Depto aus San Francisco heute im Berliner "Tape Club" hat er sich frei genommen.
Schachboxen? Zunächst ist die Vorstellung absurd, Mike Tyson mit Denkerfalten auf der Stirn am Schachbrett sitzen zu sehen. Oder Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow dabei zu beobachten, wie er mit freiem Oberkörper einen Sandsack weich kloppt. "Schachboxen ist ein bisschen wie Biathlon, nur nicht mit so langweiligen Disziplinen wie Schießen und Skilanglauf", sagt David Pfeifer, Trainer beim Verein Chess Boxing Club Berlin (CBCB).
Die neue Sportart ist genau das, was der Name andeutet: eine Kombination aus einem Schachspiel und einem Boxkampf, immer im Wechsel vier Minuten Schach, drei Minuten Boxen. Frank Stoldt: "Das Besondere ist, dass man seinem Gegenüber auf zwei Ebenen begegnet. Schachboxer gehen körperlich und geistig aufeinander los. Auch müssen sie in der Lage sein, sich schnell umstellen zu können." Natürlich sei es für den ehemaligen Deutschen Meister im Kickboxen reizvoll, in einer Sportart Weltmeister zu werden. Aber er sieht sich vor allem auch als Pionier: „Vor dreißig Jahren amüsierten sich die Leute noch über Biathlon. Also, warum sollte Schachboxen nicht irgendwann auch olympisch werden?“
Erfunden hat das Spektakel Iepe Rubingh, 33, ein in Berlin lebender Niederländer. Seine Inspiration holte sich der Künstler aus dem Comic "Äquatorkälte" des französischen Zeichners Enki Bilal. "Als ich 16 war, las ich den Comic-Band. Darin spielte ein Schachboxkampf eine wichtige Rolle. Seitdem lässt mich dieses Thema nicht mehr los", sagt Rubingh. Es dauerte dann aber bis 2003, ehe er die Comic-Fiktion in die reale Welt übertrug.
Schachspieler war er ohnehin schon immer. Als er dann auch mit dem Boxen anfing, gründete er sogleich den Weltverband World Chess Boxing Organisation und den ersten Schachboxverein - den CBCB. Eine neue Sportart war geboren, und Rubingh holte sich schnell die WM-Krone im Mittelgewicht. Die Zahl der Kontrahenten war begrenzt
Frank Stoldt ging den umgekehrten Weg: Er kam vom Faustkampf zum Schachboxen, was an seinen literarischen Vorlieben liegen könnte. Die Comic-Vorlage von Bilal hat er zwar auch mal gelesen, aber: "Das war mir zu düster und zu brutal. Ich stehe mehr auf Micky Maus und Asterix."
Einen Wundertrank braucht Stoldt aber nicht. "Ich liege sowohl im Schach als auch beim Boxen auf dem Niveau eines Drittligisten", sagt er. Das ist außergewöhnlich - denn meistens herrscht bei den Athleten ein starkes Gefälle zwischen ihren Fähigkeiten im Schach und im Boxen. So würde ein Schachgroßmeister sicher im Ring gegen Stoldt verlieren. Der wiederum hätte auch eine reelle Chance, wenn er im Schachboxen gegen einen Halbschwergewichtler wie Henry Maske antreten müsste: "Wenn ich drei Runden im Boxen durchhielte, würde ich Maske beim Schach schlagen." Überhaupt: Bisher sind die Entscheidungen bei allen Titelkämpfen ausschließlich beim Schachspielen gefallen. Deshalb gibt es eine entscheidende Neuerung für den WM-Fight am Wochenende: Die Boxrunden sind jetzt drei statt bisher zwei Minuten lang. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kampf durch K.o. endet.
Begonnen wird mit Schach. Nach jeder Boxrunde haben die Kontrahenten eine Minute Zeit. In diesen sechzig Sekunden ziehen sie sich die Handschuhe (mit Klettverschluss) aus, einen Bademantel an und setzen sich Kopfhörer mit Meeresrauschen auf, damit kein Zuschauer ihnen die Züge zurufen kann. Dann geht es ans Brett. Schweiß tropft auf die Figuren, mit bandagierten Händen ziehen die Gegner Bauern, Springer, Läufer. Das ist der interessanteste Teil des Sports, urteilt Trainer Pfeifer: "Der hohe Puls und die Überdosis Adrenalin im Körper sorgen dafür, dass du aggressiv spielen und Figuren des Gegners nehmen willst. Um gut Schach spielen zu können, auch noch unter Zeitdruck, brauchst du dann extreme Kontrolle über die Chemie in deinem Körper."
"Davor habe ich Respekt", sagt der ukrainische Schwergewichtsboxer Alexander Dimitrenko aus dem Hamburger Universum-Boxstall. Er ist leidenschaftlicher Schachspieler. "Das entspannt mich nach dem Boxen", so der einstige Juniorenweltmeister, "aber dafür nehme ich mir viel Zeit. Ich könnte mir nicht vorstellen, mich zwischen zwei Boxrunden mal eben ans Brett zu setzen. Das klingt für mich unvereinbar. "
Pfeifer, der heute den US-Amerikaner David Depto in seiner Ringecke betreuen wird, sagt dagegen: "Die Sportarten sind sich gar nicht so fremd. Beide sind extrem taktisch und aggressiv. Und Schachspieler mögen es, den Gegner zu dominieren und ihm seinen Willen aufzuzwingen – wie Boxer."
Deptos Gegner Stoldt liebt den Sport auch aus einem anderen Grund: "Das Schöne am Schachboxen ist, dass der Verlierer nicht nach einer Ausrede suchen kann, weil die Auseinandersetzung auf mentaler und auf körperlicher Ebene stattfand. Das ist anders als beim Fußball – da sind an der Niederlage immer der Schiri, der Trainer oder die mangelnde Einstellung schuld."
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