Schmeling-Nachruf Boxer, Legende, Menschenfreund

100 wollte er werden. Es war ihm nicht vergönnt: Max Schmeling, Boxer, Selfmademan, Unternehmer und Idol für mehrere Generationen ist im Alter von 99 Jahren gestorben.

Von Martin Krauß


Idol Schmeling (1963): Der größte deutsche Boxer
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Idol Schmeling (1963): Der größte deutsche Boxer

Er war, nein, er ist der größte deutsche Boxer, den es je gab. 1927 wurde Schmeling der erste deutsche Boxeuropameister, damals noch im Halbschwergewicht. 1930 wurde er, weil sein Gegner Jack Sharkey nach einem Tiefschlag disqualifiziert wurde, erster deutscher Boxweltmeister, diesmal im Schwergewicht, der höchsten und wichtigsten Klasse, die das Berufsboxen zu bieten hat. Und 1936 war Schmeling der erste Mann, der das Boxgenie Joe Louis K.o. schlug. Wahrscheinlich war es gar nicht sein Weltmeistertitel, sondern dieser Sieg über den als unbesiegbar geltenden Amerikaner, der Schmeling zur Legende machte.

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"Ick hau' dir unter die Gürtellinie, dette Weltmeister wirst." Solche Witze hatte man in Deutschland noch über seinen WM-Titel gerissen. Aber nach seinem Erfolg über Louis erntete Schmeling die Bewunderung aller. Zu den Bewunderern gehörten selbstverständlich auch die Nazis. "Schmelings Sieg - ein deutscher Sieg" hieß der Film über den Louis-Kampf, der auf persönlichen Befehl von Adolf Hitler in die deutschen Kinos kam und mit über vier Millionen Zuschauern zum Kassenschlager wurde.

Box-Weltmeister Schmeling (jubelnd nach seinem Niederschlag gegen Louis): Mit einem Schlag Legende
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Box-Weltmeister Schmeling (jubelnd nach seinem Niederschlag gegen Louis): Mit einem Schlag Legende

"Der dramatischste Kampf in der Geschichte des Boxsports, den Sie jetzt sehen werden", hieß es darin, "ist zugleich ein wunderbares Dokument dafür, dass ein Wille so hart wie Kruppstahl alles zu erreichen vermag." Für Schmeling war der Film ein Erfolg, denn er besaß die Weltrechte daran.

Schmeling ging den Nazi-Machthabern nicht aus dem Weg, er ließ sich allerdings auch nicht von ihnen vereinnahmen. Im März 1933 lud ihn Hitler zu sich ein, um ihm für den Kampf gegen Max Baer zu instruieren. Baer galt als Jude, denn auf seine Hosen hatte er einen Davidstern gestickt. "Sie werden eine Menge Interviews geben, Herr Schmeling", gab Hitler dem Boxer mit auf den Weg. "Sagen sie den Schwarzsehern, wie friedlich hier alles ist und wie es vorangeht." Dass Schmeling von Baer k.o. geschlagen wurde, ließ Hitlers Interesse an Schmeling nicht geringer werden. Als im Juli 1933 Schmeling und die Schauspielerin Anny Ondra heirateten, schenkte Hitler dem Paar einen japanischen Ahorn.

Schmeling wollte nie Parteigenosse werden - die NSDAP akzeptierte die Weigerung. Ihnen war klar, dass "ein sportlich so auf der Höhe stehender Mann wie Schmeling dem deutschen Volke mehr nutzen kann, wenn er weder der SS noch der SA, der NSKK oder sonst einer Gliederung angehört", begründete Nazi-Bonze Heinrich Himmler sein Dekret. Schmelings Nähe zu den Machthabern nutzte nicht nur dem Regime. Der Boxer nutzte seinerseits eigene Kontakte und auch seine Popularität, um verfolgten Menschen zu helfen. In der Reichskristallnacht 1938 versteckte er zwei jüdische Jugendliche in einem Hotelzimmer, in das er sich eingemietet hatte.

Eheleute Schmeling, Ondra (1933): Japanischer Ahorn vom Führer
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Eheleute Schmeling, Ondra (1933): Japanischer Ahorn vom Führer

Dem Wiener Schwergewichtsboxer Heinz Lazek, dessen jüdische Freundin ein Kind erwartete, half Schmeling, indem er bei den Nazioberen vorsprach. Statt wegen Rassenschande weggesperrt zu werden, kam die Frau frei und Lazek wurde zur Wehrmacht eingezogen.

Schmeling selbst hat derlei Hilfsaktionen nie öffentlich gemacht. Er wollte nicht, dass man darüber spricht. "Wo ich kann, stelle ich mich eben vor Schwache, Unterdrückte und Verfolgte. Aber die Nazis haben mich nicht für sich vereinnahmen können, und dann sollten das die Juden jetzt auch nicht tun", begründete er gegenüber einem Freund einmal, warum er nicht von der jüdischen Raul-Wallenberg-Stiftung geehrt werden wollte.

Auch dass er an seinem Manager Joe Jacobs, einem Juden aus New York, festhielt, obwohl die Nazis von ihm einen "arischen" Manager verlangten, hängte er nie an die große Glocke. Schmeling beharrte auf Jacobs, weil der sich, was für den Deutschen immens wichtig war, auf dem amerikanischen Markt auskannte.

Boxer Schmeling (1936): "Niederlagen für Unternehmer"
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Boxer Schmeling (1936): "Niederlagen für Unternehmer"

Auch bei anderen Feldern legte Schmeling stets größten Wert auf seine Unabhängigkeit. Ein Selfmademan zu sein, charakterisierte ihn schon früh. Allein und auf eigene Faust zog er 1922 als 17-Jähriger von Hamburg, wo er aufwuchs, ins Rheinland, wo er boxen lernte. Bald wurde er Profi, später ging er von Köln nach Berlin, wo ein kritischer Sportjournalist bemerkte, dass Schmelings Auftritte "Niederlagen für die Unternehmer" waren.

Der tröstete sich derweil mit engen Freundschaften in der Künstlerszene. Mit dem Regisseur Fritz Kortner, dem Maler George Grosz und dem Galeristen Alfred Flechtheim war er eng befreundet. Was seine Karriere anging, da wusste Schmeling, dass er nach Amerika gehen muss, wenn er Geld verdienen wollte. Er wurde 1930 Weltmeister und blieb auch nach dem Verlust des Titels 1932 eine große Nummer. Nach seinem Sieg über Louis im Jahr 1936 sollte Schmeling einen WM-Kampf gegen den damaligen Weltmeister Jimmy Braddock erhalten.

Aber in den USA wurden immer mehr Stimmen laut, die verhindern wollten, dass ein Boxer aus Nazideutschland um den begehrten Titel kämpft. 1938 war Joe Louis bereits Weltmeister, da bekam Schmeling endlich seine Chance, wieder Weltmeister zu werden.

Max Schmeling (1905-2005): Sein letztes Ziel nicht erreicht
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Max Schmeling (1905-2005): Sein letztes Ziel nicht erreicht

Im Vorfeld bauten die Nazis Schmeling zum arischen Überboxer auf, gegen den Louis, das "Lehmgesicht aus Alabama" keine Chance hätte. Doch Louis gewann durch K.o. in der ersten Runde. Während die Nazis noch nach Beweisen für Schiebung und eventuellen Fouls suchten, gratulierte Schmeling fair. 1940 wurde er in die Wehrmacht eingezogen.

Nach dem Krieg scheiterte er zunächst bei dem Versuch, gemeinsam mit John Jahr und Axel Springer einen Verlag zu gründen - die britischen Militärbehörden hielten Schmeling für politisch belastet. Schmeling machte noch ein paar Boxkämpfe fürs Geld, engagierte sich dann in der Landwirtschaft und später erhielt er die Coca-Cola-Abfülllizenz für Norddeutschland. Spätestens damit war Schmeling ein gemachter Mann, der auch, wie gehabt, im Stillen viel Gutes tat.

"Ich möchte 100 Jahre alt werden." Das hatte Max Schmeling schon vor neun Jahren gesagt. Doch dieses Ziel, sein letztes, hat er nicht mehr erreicht. Im Alter von 99 Jahren ist der frühere Boxweltmeister am Mittwoch in seinem Haus in Hollenstedt in der Nordheide gestorben.



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