Prozess gegen Schumacher: Ex-Gerolsteiner-Chef leugnet Doping-Kenntnis

Ex-Gerolsteiner-Funktionär Henn: "Davon weiß ich nichts"Zur Großansicht
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Ex-Gerolsteiner-Funktionär Henn: "Davon weiß ich nichts"

"Davon weiß ich nichts": Christian Henn will nichts von den Doping-Praktiken im ehemaligen Team Gerolsteiner bemerkt haben. Der wegen Betrugs angeklagte Stefan Schumacher nannte erstmals den Namen eines angeblich involvierten Arztes.

Hamburg - Laut des früheren sportlichen Leiters von Gerolsteiner, Christian Henn, war Doping bei dem Radrennstall "kein Thema". Das gab der 49-Jährige im Rahmen seiner Aussage im Betrugsprozess gegen den Radprofi Stefan Schumacher vor dem Landgericht Stuttgart zu Protokoll. "Über Doping wird in jedem Sport wahrscheinlich gesprochen, aber Doping war kein Thema", so Henn. Er habe weder den Verdacht gehabt, dass Fahrer im Team gegen Dopingregeln verstoßen, noch habe er sich mit jemandem über leistungssteigernde Methoden unterhalten.

Henn vermittelte vor Gericht den Eindruck, über viele Abläufe im Radteam nicht informiert gewesen zu sein. Auf Fragen antwortete er häufig mit "Davon weiß ich nichts". Dass zahlreiche Fahrer dopen würden, unter anderen Schumacher, habe er nicht bemerkt. "Wie hätte mir das auffallen sollen?" Auf die Frage, ob er geglaubt habe, dass kein Fahrer mehr das Blutdopingmittel Epo benutzen hätte, weil es nachweisbar war, antwortete Henn: "Kann man so sagen, ja."

In der Befragung durch Schumachers Anwälte musste Henn allerdings eingestehen, dass er zumindest von dem Mittel "Nitro" (Nitrolingual) durch Gespräche im ehemaligen Team Gerolsteiner erfahren habe. Nach Angaben von Schumacher, der Doping vor dem Prozess in Interviews gestanden hatte, nutzen Radfahrer die Substanz, um im Endspurt mehr Leistung bringen zu können. Henn war bis zur von Gerolsteiner Ende 2008 sportlicher Leiter des Teams, 1999 war er selbst positiv getestet worden und hatte deswegen seine aktive Radsportkarriere beendet.

Schumacher konfrontiert Henn

Nach Henns Befragung durch das Gericht ergriff Schumacher noch vor seinen Verteidigern das Wort. Er warf Henn vor, "Unsinn" zu reden. Der 31-Jährige versuchte, Henn in Saal 1 des Landgerichts an Gespräche über die optimale Doping-Dosierung zu erinnern. Auch habe es bereits vor der Tour de France 2008 einen Hinweis von der Teamleitung an die Fahrer gegeben, dass das Blutdopingmittel Cera nachweisbar sei.

Henn bestritt diese Gespräche. Er habe von Cera erstmals an jenem Tag gehört, als der Italiener Riccardo Riccò bei der Frankreich-Rundfahrt erwischt worden sei. Da Schumacher auf die Nachweisbarkeit des Mittels nervös reagiert habe, sei er in der Folge von Hans-Michael Holczer, Teamarzt Mark Schmidt und ihm zur Rede gestellt worden. In diesem Punkt decken sich die Aussagen von Holczer, Schumacher und Henn.

Am Dienstag nannte Schumacher zudem erstmals den Namen eines angeblich beteiligten Arztes. Der Radrennfahrer sagte aus, bei der Deutschland-Tour 2006 in ein Hotelzimmer gekommen zu sein, als der Mediziner einem Fahrer Synacthen verabreicht habe. Schumacher machte die Aussage in Reaktion auf eine von ihm unterzeichnete Erklärung, die sein ehemaliger Teamchef Hans-Michael Holczer dem Gericht vorlegte.

Holczer bekräftigt erste Aussage

Mit der Unterschrift hatte Schumacher zugesichert, dass er oder sein Manager Heinz Betz die Behauptung, in den Medizinboxen des Teams Gerolsteiner habe es bei den Titelkämpfen das Dopingmittel Synacthen gegeben, nicht wiederholten. Vor Gericht sagte Schumacher nun, er habe nur unterzeichnet, um weiter Rennen fahren zu dürfen. Holczer habe ihm mit einem Verbot gedroht. Die Aussagen über Synacthen bei Gerolsteiner stimmten. Als Beleg nannte Schumacher den Namen des Arztes. Die Nennung sei nicht geplant gewesen, sie "kam aus der Emotion", so Schumacher, der bislang dies bislang aus "persönlichen Gründen" verweigert hatte. Der Mediziner wollte sich zu den Anschuldigungen auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa nicht äußern.

Auch Holczer wurde am Dienstag erneut vernommen. Dabei musste der Ex-Teamchef auf Nachfrage von Schumachers Verteidigung zugegeben, sich vor seiner zweiten Vernehmung Informationen über die vorausgegangene Befragung Henns besorgt zu haben. "Das war ein klassisches Eigentor", sagte Schumacher-Anwalt Michael Lehner: "Er hat dadurch noch mal verloren. Ein Zeuge, der das braucht, kann ja kein so nahes Verhältnis zur Wahrheit haben."

Aufgrund Holczers Bekräftigungen, nichts von den Dopingpraktiken seines einstigen Schützlings gewusst zu haben und deshalb von Schumacher betrogen worden zu sein, steht das Gericht weiter vor dem Dilemma "Aussage gegen Aussage". Henns Aussage brachte dahingehend kaum stichhaltigen Hinweise, obwohl sie im Widerspruch zu denen Holczers steht, der sagte: "Das Thema Doping ist in dieser Mannschaft relativ offen angesprochen worden." Er habe die Mannschaft deutlich und mehrfach darauf hingewiesen, Doping zerstöre den Radsport. Holczer muss als Zeuge am dritten Verhandlungstag am kommenden Dienstag ein drittes Mal in Stuttgart aussagen.

Schumacher wird vorgeworfen, Holzcer um drei Monatsgehälter in Höhe von insgesamt 151.463,50 Euro betrogen zu haben. Schumacher habe Doping bei der Tour de France 2008 trotz Nachfrage geleugnet und das Geld daher unrechtmäßig erhalten. Der Beschuldigte bestreitet dies, Holczer und Henn hätten von den Dopingpraktiken gewusst.

max/dpa/sid

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Eserwe 23.04.2013
Werteste SPON Redaktion, nicht dass es meine Absicht wäre den Herrn Fenn für unschuldig zu erklären, aber wäre die journalistisch korrekte Wortwahl nicht 'abstreiten' gewesen, statt 'leugnen'? Möglicherweise wird der Prozess [...]
Werteste SPON Redaktion, nicht dass es meine Absicht wäre den Herrn Fenn für unschuldig zu erklären, aber wäre die journalistisch korrekte Wortwahl nicht 'abstreiten' gewesen, statt 'leugnen'? Möglicherweise wird der Prozess ja tatsächlich zu dem Urteil führen, dass Herr Fenn mit seiner Aussage höchstwahrscheinlich gelogen hat, aber bis dahin dürfte doch auch für ihn die Unschuldsvermutung gelten, oder nicht?
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  • Dienstag, 23.04.2013 – 17:10 Uhr
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Kampf gegen Doping
Am 10. November 1999 wurde auf Initiative des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die unabhängige Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Lausanne gegründet. Zusammen mit den nationalen NOKs und staatlichen Organisationen will die Wada die internationale Dopingbekämpfung fördern und einheitliche Standards für Kontrollen in allen Ländern schaffen. Das Anti-Doping-Programm der Wada wurde im März 2003 von allen Delegierten der internationalen Sportverbände, der Regierungen und dem IOC auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kopenhagen angenommen. Der Welt-Anti-Doping-Codex löste im darauffolgenden Jahr den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen 2004 auch für die Olympischen Spiele.





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