Schwergewichtsboxen Die Zukunft ist ungeschlagen

Kokain-Gerüchte, drohende Dopingsperre, Rücktritt - gut möglich, dass Weltmeister Tyson Fury nie wieder in den Ring steigt. Doch wie geht es dann weiter in der Königsdisziplin des Boxens? Und was wird aus Klitschko?

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Die Schwergewichte waren immer die großen Stars des Boxens. Max Schmeling, Joe Louis, Sonny Liston, Muhammad Ali, Joe Frazier, George Foreman, Mike Tyson, Lennox Lewis, Wladimir Klitschko. Namen, die jeder kennt, auch ohne sich in dem Sport gut auszukennen oder die Kämpfe gesehen zu haben. Sie alle waren Weltmeister, waren. Vergangenheit.

Die Gegenwart heißt Tyson Fury - noch. Ob der 28-Jährige nach seinem Sieg gegen Klitschko im vergangenen November überhaupt noch einmal boxen wird, ist ungewiss. Gerade platzte zum zweiten Mal der WM-Rückkampf gegen Klitschko. Fury ist nach Verletzungen, Kokain-Gerüchten und drohender Dopingsperre wohl bald schon Box-Vergangenheit, auch wenn er seine Rücktrittsverkündung umgehend wieder kassierte.

Wie geht es weiter im Schwergewicht?

Klitschko wird alles dafür tun, sich noch mal den Titel zu sichern. Ihm läuft die Zeit davon. Sein Manager Bernd Bönte hatte vergangene Woche betont, dass es für den 40-jährigen Ukrainer höchste Priorität habe, "dass er noch in diesem Jahr um eine WM boxt". An Optionen dafür mangelt es nicht, schließlich gibt es im Profiboxen vier große Weltverbände (WBA, WBC, WBO und IBF), die um die Gunst der Sportler und Promoter buhlen.

Das bedeutet für einen Champion wie Klitschko, der ein professionelles Management und einen finanzstarken TV-Partner hinter sich weiß, dass er sich im Grunde selber aussuchen kann, wann und gegen wen er wieder Weltmeister werden will. Die Entscheidung fällt wahrscheinlich zwischen vier ungeschlagenen Gegnern und einem Boxer mit Klitschko-Vergangenheit.

Anthony Joshua, Großbritannien - 17 Kämpfe, 17 Siege, 17 durch K.o.

Nach der Absage des Fury-Kampfs brachte der britische Promoter Eddy Hearn sofort seinen IBF-Weltmeister Anthony Joshua als möglichen Klitschko-Gegner ins Spiel. Joshuas nächste Titelverteidigung ist für den 26. November geplant, ein Herausforderer steht bislang zwar noch nicht fest, aber die Manchester Arena ist bereits gebucht. Der Vorteil dieser Variante: Ein Duell zwischen den beiden Olympiasiegern (Klitschko 1996 in Atlanta, Joshua 2012 in London) würde weltweit für Interesse sorgen und beiden Boxern zweistellige Millioneneinnahmen garantieren.

Folgerichtig verkündete Bönte vergangene Woche schon, er sei sich mit Hearn eigentlich einig, auch finanziell. Allerdings gibt es auch Gründe, die gegen das Duell zwischen dem Ukrainer und dem britischen IBF-Champion sprechen. Zum einen ist der Kampf für Klitschko ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Joshua ist groß, schnell, technisch hervorragend ausgebildet und schlagstark - mit einer K.-o.-Quote von 100 Prozent. Er ist tatsächlich so etwas wie eine 14 Jahre jüngere Version von Klitschko und hat das Zeug, dem Ex-Weltmeister die zweite Niederlage in Folge beizubringen, was mit großer Wahrscheinlichkeit das Karriereende bedeuten würde.

Zum anderen - und dieser Grund wiegt vermutlich noch schwerer - müsste Klitschko auswärts antreten und hätte damit nicht die Kontrolle über Ablauf und Vermarktung der Veranstaltung. Wer Bönte kennt und zudem weiß, dass der Manager die Hamburger Arena für den 10. Dezember geblockt hat, der weiß genau, was das "eigentlich" in "eigentlich einig" bedeutet. Klitschko gegen Joshua wird es wohl nur dann geben, wenn Hearn seinen Weltmeister nach Hamburg schickt. Und das ist äußerst unwahrscheinlich, denn der britische Boxmarkt ist im Moment so stark, dass Joshua den Heimvorteil nicht aufgeben muss - schließlich verdient er auch bei einer freiwilligen Titelverteidigung gegen einen schwächeren Gegner sehr viel Geld.

Joseph Parker, Neuseeland - 21 Kämpfe, 21 Siege, 18 durch K.o.

Möglich wäre für Klitschko wohl auch ein Kampf um die WBO-WM gegen den Neuseeländer Joseph Parker. Aktuell führt die World Boxing Organisation noch Fury als Weltmeister. Doch spätestens nach dem Kokain-Skandal sollte es nur eine Frage der Zeit sein, bis dem Briten der Titel aberkannt wird. Klitschko wird in der WBO-Weltrangliste aktuell auf Position zwei hinter Parker geführt, die beiden könnten also um den dann vakanten Gürtel boxen.

Der 24-Jährige gilt als großes Talent und ist genau wie Joshua noch ungeschlagen. Dass er weiß, wie man große Ukrainer ausknockt, hat Parker am vergangenen Samstag bewiesen, als er den ehemaligen Europameister Alexander Dimitrenko in drei Runden insgesamt viermal zu Boden schickte. Nun ist Klitschko natürlich stärker einzuschätzen als Dimitrenko. Trotzdem scheint es fraglich, ob sich der Ukrainer ausgerechnet den jungen Neuseeländer als Gegner aussucht, der international noch relativ unbekannt, aber trotzdem nicht ungefährlich ist.

Luis Ortiz, Kuba - 25 Kämpfe, 25 Siege, 22 durch K.o.

Die wahrscheinlichste Variante scheint aktuell ein Kampf um die WBA-Weltmeisterschaft zu sein. Die World Boxing Association ist sowohl der älteste als auch der "flexibelste" Verband, wenn es um die Auslegung der eigenen Regeln geht. Die in Panama ansässige WBA führt in nahezu jeder Gewichtsklasse neben dem "regulären Weltmeister" noch einen "Super Champion" und einen "Interimsweltmeister", im Schwergewicht ist dies der schlagstarke Kubaner Luis Ortiz.

Der 37-jährige "King Kong" wäre ein möglicher Klitschko-Gegner, wird von Manager Bönte aber vermutlich abgelehnt, da der Interimstitel eben doch keine "echte WM" ist. Zudem hat Ortiz eine Doping-Vergangenheit. Im September 2014 wurde er positiv auf Nandrolon getestet. Auch die WBA würde diese Option vermutlich nur zähneknirschend unterstützen. Der Kubaner hat Probleme mit dem Verband, weil er eine Pflichtverteidigung gegen den Russen Alexander Ustinov platzen ließ.

Lucas Browne, Australien - 24 Kämpfe, 24 Siege, 21 durch K.o.

Der "reguläre" WM-Titel der WBA ist vakant, seit Ruslan Chagaev in diesem Jahr seine Karriere beendete. Eigentlich sollen der Puerto Ricaner Fres Oquendo und Lucas Browne um die Weltmeisterschaft boxen. Der Kampf wird aber wohl nicht zustande kommen, da sich Oquendo nach langer Verletzungspause noch in der Reha befindet. Klitschko gegen Browne wäre eine Option. Der 37-jährige Australier ist noch ungeschlagen und physisch stark, technisch ist er Klitschko aber deutlich unterlegen.

"Big Daddy" Browne hatte keine lange und erfolgreiche Amateurkarriere wie Olympiasieger Klitschko, sondern verdiente sein Geld als Türsteher, bevor er Profi wurde. Dementsprechend fehlt ihm die boxerische Grundausbildung. Gut möglich, dass Browne der nächste Klitschko-Gegner wird, weil der Ukrainer auf diesem Weg ohne großes Risiko wieder Weltmeister werden könnte. Gegen den Australier spricht allerdings, dass er bei seinem letzten Kampf am 5. März in Grosny gegen Chagaev positiv auf das anabole Steroid Clenbuterol getestet wurde. Browne beteuert zwar seine Unschuld, konnte seine Sperre vor Gericht auf sechs Monate verkürzen und sich das Anrecht auf einen weiteren WM-Kampf erstreiten. Trotzdem lastet der Schatten der Dopingvorwürfe auf ihm und könnte die Vermarktung erschweren.

Oder doch David Haye?

Falls Browne wegen seiner Doping-Historie keine Option ist, könnte sich Klitschko vermutlich einen Gegner aussuchen und um den Titel des WBA "Super Champions" boxen. Den hält im Moment zwar noch Fury, aber nach den Enthüllungen der vergangenen Woche wäre es für den in Panama ansässigen Verband ein Leichtes, dem Briten den Gürtel zu entziehen. Der Ukrainer hätte dann freie Wahl innerhalb der Top 15 der WBA-Weltrangliste. Die besten Chancen hätte dann David Haye.

Der Brite forderte Klitschko im Juli 2011 schon einmal heraus. Nach großen Ankündigungen folgte ein relativ langweiliger Kampf, den Klitschko klar dominierte und nach Punkten gewann. Der inzwischen 35-jährige Brite beendete daraufhin 2012 seine Karriere, feierte in diesem Jahr aber sein Comeback mit zwei kurzründigen K.-o.-Siegen und könnte aufgrund seiner Vermarktungsqualitäten eine echte Alternative sein.

In der Szene wird aber ein Name noch höher gehandelt - Shannon Briggs. Der Amerikaner provoziert Klitschko seit Jahren, bepöbelte den Ukrainer unter anderem in einem italienischen Restaurant und stieß ihn beim Stand-Up-Paddling in Florida vom Surfbrett. Sportlich wäre das Duell aber eine Farce. Briggs war 2006 zwar mal kurz WBO-Weltmeister im Schwergewicht, hätte seine Karriere aber eigentlich beenden sollen, nachdem er im Oktober 2010 von Vitali Klitschko in einem WBC-WM-Kampf in Hamburg ins Krankenhaus geprügelt worden war.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
dissidenten 04.10.2016
1.
Die Zukunft des Schwergewichts läuft nur über Joshua. Die Nummer 2 könnte Wilder werden, aber diesem mangelt es noch am boxerischen Rüstzeug, obwohl er athletisch hervorragend ist.
fenasi_kerim 04.10.2016
2. Echt jetzt?
Schmeling wird da in eine Liga mit Ali, Frazier und Foreman gehievt??? Ein bisschen arg durch die eigene Brille gesehen, oder?
Dyl Ulenspegel 04.10.2016
3.
solange es ein Dutzend verschiedener Boxverbände gibt, von denen jeder seinen eigenen "Weltmeister" kürt, ist das alles doch nur lächerlich...
jesuitler 04.10.2016
4. joshua...
...ist ein monster. noch ein ruhiger bursche dazu. könnte die nächsten jahre dominieren. wilder fehlt hier leider. 37-0-0 mit einer 97% knock-out-rate. vielleicht noch dynamischer als joshua. so groß wie klitschko doch trotzdem schneller als alle hier aufgelisteten. nur fehlt es ihm an beständigem charakter. auch vermeiden die aktuellen champions ihn zu boxen, wohl auch vladi.
mr-mucki 04.10.2016
5. wo sind die us boys?
der grösste box markt sind die usa. nur boxer kommen kaum noch gute von dort. zumindest im schwergewicht. ich weiss das viele American football dem boxen in jungen Jahren vorziehen, aber solange gar kein champion talent mehr hervorgebracht zu haben ist schon ungewoehnlich
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