Schwimm-Ass Lurz: "Im Wasser schwammen Ratten, tote Schildkröten und Holzpaletten mit Nägeln"

Das Wasser ist zu heiß, die Becken sind dreckig: Schwimmweltmeister Thomas Lurz beklagt sich im Interview über die teilweise katastrophalen Verhältnisse bei den Wettkämpfen - und äußert sich skeptisch über die Arbeit des Weltschwimmverbands Fina.

Schwimm-Weltmeister Lurz: Langstrecken-Spezialist im Freiwasser Fotos
Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Herr Lurz, bei einem Weltcuprennen im vergangenen Oktober starb der US-amerikanische Schwimmer Francis Crippen, vermutlich an Herz-Kreislauf-Versagen. Jüngst gab es den ersten Wettkampf nach Crippens Tod. Hat sich etwas verändert?

Lurz: Nein. Der Wettkampf in Brasilien war wie immer. Aber man denkt natürlich schon sehr viel an Francis.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben damals das Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, bei dem Crippen starb und mehrere Athleten wegen Überhitzung behandelt werden mussten, gewonnen. Waren die Wasserbedingungen tatsächlich so schlecht?

Lurz: Das war schon sehr schlimm. Das Wasser war weit über 30 Grad warm. Das war so heiß, dass meine Finger stark angeschwollen sind und man nur sehr schwer Luft bekam.

SPIEGEL ONLINE: Der Weltschwimmverband Fina hat nach den Vorfällen eine Task Force eingesetzt, die den Unfall Crippens untersuchen sollte. Der Abschlussbericht wurde kurz vor dem ersten Rennen auf Druck der Schwimmer veröffentlicht. Eine der Hauptforderungen der Task Force ist, dass bei einer Wassertemperatur von unter 18 Grad Celsius und über 28 Grad nicht geschwommen werden darf.

Lurz: Das ist absolut elementar und muss eine Vorgabe sein, an die sich alle halten. Aber selbst wenn die Fina die Begrenzung in ihre Bestimmungen aufnimmt, würde dies keine absolute Sicherheit bringen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Lurz: Weil es schon festgelegte Orte im Wettkampfkalender gibt, die nah an diese Temperaturgrenze gehen. Ich denke, dass es schwer sein wird, diese Wettkämpfe zu verschieben oder zu verlegen. Es existieren ja Verträge zwischen der Fina und diesen Wettkampforten. Es gibt finanzielle Verpflichtungen.

SPIEGEL ONLINE: Machen denn kleinere Schwankungen bei der Wassertemperatur wirklich so große Probleme?

Lurz: Natürlich. Wenn es zu kalt ist, spüren wir jeden Knochen. Das tut dann richtig weh. Wenn es zu warm ist, schwellen die Glieder an, die inneren Organe dehnen sich aus, das Atmen fällt schwer.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das Wasser am Sonntag beim Rennen in Santos?

Lurz: Katastrophal.

SPIEGEL ONLINE: War es wieder zu heiß?

Lurz: Nein, die Temperatur war zwar okay, aber im Wasser schwammen Ratten, tote Schildkröten, Algen und sogar ganze Holzpaletten mit Nägeln. Das ist unfassbar gefährlich. Man sieht ja nichts und kann sich dabei schwer verletzen. Ganz zu schweigen von den möglichen Krankheiten durch die Verunreinigungen in solch einem Gewässer.

SPIEGEL ONLINE: Kann man gegen solche Zustände überhaupt vorgehen?

Lurz: Man muss. Die Aktiven müssen geschützt werden. Es kann doch niemand wollen, dass wir verletzt aus dem Wasser steigen oder später erkranken. Aber dafür werden wohl sehr viele Gespräche notwendig sein.

SPIEGEL ONLINE: Gespräche führt die Fina gegenwärtig auch mit vielen Veranstaltern bezüglich der Frage, wie viel medizinisches Personal bei den Wettkämpfen anwesend sein muss.

Lurz: Eigentlich müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, dass ausreichend Sanitäter und Ärzte vor Ort sind. Bei Crippens Tod war beispielsweise nicht ein Arzt da.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen die Aktiven gegen diese Missstände vor?

Lurz: Wir melden uns zu Wort. Und hoffen, dass die Fina die Forderungen der Task Force umsetzt. Aber ich persönlich bin da mehr als skeptisch.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Crippens Tod ein Einzelfall bleiben wird?

Lurz: Unser Sport ist genauso gefährlich wie viele andere Sportarten auch. Es geht darum, vernünftige Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Die sind momentan einfach nicht da. Wenn Sie einen Marathon in Afrika zur Mittagszeit und ohne Wasser veranstalten würden, hätten die Teilnehmer sicherlich auch Probleme.

Das Interview führte Rafael Buschmann

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Die Zustände könnte man schnell ändern,
vogelskipper 22.04.2011
wenn sich die Athleten einfach weigern würden bei unzumutbaren Zuständen überhaupt ins Wasser zu gehen, um zu schwimmen. Und Thomas Lurz wäre hier sicherlich einer der Schwimmer mit dem größten Einfluß, denn auf solche Stars würden die Veranstalter sicher ungern verzichten. Es geht hier letztendlich doch auch nur wieder um Geld. Mehr Personal, Sanitäter, Ärzte, mehr Streckenposten, das alles kostet Geld und schmälert den Gewinn. Ich schwimme persönlich auch Langstrecke, natürlich in einer ganz anderen Liga, aber an Warmbadetagen, wo das Wasser 30 Grad hat, trainiere ich nie, da ich da körperlich nach kurzer Zeit so müde und ausgelaugt bin, dass es keinen Spaß mehr macht. Bei so Temperaturen auch noch im Sprinttempo 5 oder 10 km zu schwimmen, das ist in meinen Augen schon fahrlässig und dumm. Aber für Geld scheinen einige leider alles zu machen.
2. Im Wasser schwammen Laborratten
plastikjute 22.04.2011
Tja, da müssen die US-Doper halt ein bisschen exakter dopen, damit ihre Schwimmdrohnen auch bei 30 Grad noch funktionieren und nicht ausfallen wie Crippen.
3. Eigenverantwortung
Si_iso 22.04.2011
Klar sollte der Dachverband fuer den groesst möglichen Schutz sorgen. Aber, die Athleten sind doch keine kleinen Kinder und können ein Rennen boykottieren, wenn die Verhältnisse nicht stimmen und fuer sich selbst als zu gefährlich eingestuft werden. Wenn das Wasser zu warm ist und ich schon vor dem Start weiss, dass es das Atmen erschwert und mich schneller auslaugt, dann trete ich doch nicht an - das kann ich als Athlet doch selbst entscheiden.
4. Es wird keiner gezwungen
Peter Eckes 22.04.2011
Es wird keiner gezwungen dort teilzunehmen. Man kann ja wohl nicht erwarten das vorher der ganze Fluß gereinigt wird. Ist halt nicht überall so ordentlich wie bei uns. Wenn das dem Herrn Lurz zu gefährlich ist, dann soll er bei den normalen Schwimmern im Becken antreten. Ist doch lächerlich das Gejammer. Das ist wie bei Auto- und Motorradrennen auf öffentlichen Straßen. Da muß man sein Tempo eben den Streckenverhältnissen anpassen. Wer immer eine perfekte Fahrbahn verlangt und in jeder Kurve ans Limit gehen will, muß auf der Rundstrecke bleiben.
5.
Hador 22.04.2011
Zitat von vogelskipperwenn sich die Athleten einfach weigern würden bei unzumutbaren Zuständen überhaupt ins Wasser zu gehen, um zu schwimmen. Und Thomas Lurz wäre hier sicherlich einer der Schwimmer mit dem größten Einfluß, denn auf solche Stars würden die Veranstalter sicher ungern verzichten. Es geht hier letztendlich doch auch nur wieder um Geld. Mehr Personal, Sanitäter, Ärzte, mehr Streckenposten, das alles kostet Geld und schmälert den Gewinn. Ich schwimme persönlich auch Langstrecke, natürlich in einer ganz anderen Liga, aber an Warmbadetagen, wo das Wasser 30 Grad hat, trainiere ich nie, da ich da körperlich nach kurzer Zeit so müde und ausgelaugt bin, dass es keinen Spaß mehr macht. Bei so Temperaturen auch noch im Sprinttempo 5 oder 10 km zu schwimmen, das ist in meinen Augen schon fahrlässig und dumm. Aber für Geld scheinen einige leider alles zu machen.
Volle Zustimmung. Wenn die Verhältnisse wirklich so katastrophal sind wie Lurz behauptet, dann frage ich mich warum die Athleten das mitmachen. Ist es wirklich so schwer in einer Randsportart, was Langstreckenschwimmen ja ist, die Athleten dazu zu bekommen gegen solche Zustände zu streiken?
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Zur Person
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Thomas Lurz, 33, ist ein deutscher Schwimmer. Der Diplom-Sozialpädagoge ist mehrfacher Welt- und Europameister über die Fünf- und Zehn-Kilometer-Distanz. 2008 sicherte sich Lurz die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen über zehn Kilometer, 2012 in London gewann er mit Silber als einziger deutscher Schwimmer eine Medaille. Lurz war zudem der erste deutsche Langstreckenschwimmer, der jemals eine Weltmeisterschaft gewinnen konnte. Bei den Wettkämpfen in Barcelona geht er über fünf und zehn Kilometer an den Start.