SPIEGEL ONLINE: Herr Lurz, bei einem Weltcuprennen im vergangenen Oktober starb der US-amerikanische Schwimmer Francis Crippen, vermutlich an Herz-Kreislauf-Versagen. Jüngst gab es den ersten Wettkampf nach Crippens Tod. Hat sich etwas verändert?
Lurz: Nein. Der Wettkampf in Brasilien war wie immer. Aber man denkt natürlich schon sehr viel an Francis.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben damals das Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, bei dem Crippen starb und mehrere Athleten wegen Überhitzung behandelt werden mussten, gewonnen. Waren die Wasserbedingungen tatsächlich so schlecht?
Lurz: Das war schon sehr schlimm. Das Wasser war weit über 30 Grad warm. Das war so heiß, dass meine Finger stark angeschwollen sind und man nur sehr schwer Luft bekam.
SPIEGEL ONLINE: Der Weltschwimmverband Fina hat nach den Vorfällen eine Task Force eingesetzt, die den Unfall Crippens untersuchen sollte. Der Abschlussbericht wurde kurz vor dem ersten Rennen auf Druck der Schwimmer veröffentlicht. Eine der Hauptforderungen der Task Force ist, dass bei einer Wassertemperatur von unter 18 Grad Celsius und über 28 Grad nicht geschwommen werden darf.
Lurz: Das ist absolut elementar und muss eine Vorgabe sein, an die sich alle halten. Aber selbst wenn die Fina die Begrenzung in ihre Bestimmungen aufnimmt, würde dies keine absolute Sicherheit bringen.
SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?
Lurz: Weil es schon festgelegte Orte im Wettkampfkalender gibt, die nah an diese Temperaturgrenze gehen. Ich denke, dass es schwer sein wird, diese Wettkämpfe zu verschieben oder zu verlegen. Es existieren ja Verträge zwischen der Fina und diesen Wettkampforten. Es gibt finanzielle Verpflichtungen.
SPIEGEL ONLINE: Machen denn kleinere Schwankungen bei der Wassertemperatur wirklich so große Probleme?
Lurz: Natürlich. Wenn es zu kalt ist, spüren wir jeden Knochen. Das tut dann richtig weh. Wenn es zu warm ist, schwellen die Glieder an, die inneren Organe dehnen sich aus, das Atmen fällt schwer.
SPIEGEL ONLINE: Wie war das Wasser am Sonntag beim Rennen in Santos?
Lurz: Katastrophal.
SPIEGEL ONLINE: War es wieder zu heiß?
Lurz: Nein, die Temperatur war zwar okay, aber im Wasser schwammen Ratten, tote Schildkröten, Algen und sogar ganze Holzpaletten mit Nägeln. Das ist unfassbar gefährlich. Man sieht ja nichts und kann sich dabei schwer verletzen. Ganz zu schweigen von den möglichen Krankheiten durch die Verunreinigungen in solch einem Gewässer.
SPIEGEL ONLINE: Kann man gegen solche Zustände überhaupt vorgehen?
Lurz: Man muss. Die Aktiven müssen geschützt werden. Es kann doch niemand wollen, dass wir verletzt aus dem Wasser steigen oder später erkranken. Aber dafür werden wohl sehr viele Gespräche notwendig sein.
SPIEGEL ONLINE: Gespräche führt die Fina gegenwärtig auch mit vielen Veranstaltern bezüglich der Frage, wie viel medizinisches Personal bei den Wettkämpfen anwesend sein muss.
Lurz: Eigentlich müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, dass ausreichend Sanitäter und Ärzte vor Ort sind. Bei Crippens Tod war beispielsweise nicht ein Arzt da.
SPIEGEL ONLINE: Wie gehen die Aktiven gegen diese Missstände vor?
Lurz: Wir melden uns zu Wort. Und hoffen, dass die Fina die Forderungen der Task Force umsetzt. Aber ich persönlich bin da mehr als skeptisch.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Crippens Tod ein Einzelfall bleiben wird?
Lurz: Unser Sport ist genauso gefährlich wie viele andere Sportarten auch. Es geht darum, vernünftige Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Die sind momentan einfach nicht da. Wenn Sie einen Marathon in Afrika zur Mittagszeit und ohne Wasser veranstalten würden, hätten die Teilnehmer sicherlich auch Probleme.
Das Interview führte Rafael Buschmann
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