Dopingsünder bei der Schwimm-WM Die Geisterfahrer

Bei der Schwimm-WM in Kasan starten 16 überführte Dopingsünder. Und sammeln reichlich Titel. Goldmedaillengewinnerin Julia Jefimowa verglich ihren Fall mit zu schnellem Autofahren: "Man bekommt ein Ticket und zahlt das."

Jefimowa: Russin wurde der Einnahme eines verbotenen Steroids überführt
DPA

Jefimowa: Russin wurde der Einnahme eines verbotenen Steroids überführt

Aus Kasan berichtet


Adam Peaty wartete geduldig. Der Star des britischen Schwimm-Teams bereitete sich auf seine nächste Siegerehrung vor, wollte vorher aber noch eine Sache erledigen. Er ging auf den Chinesen Sun Yang zu, der gerade vom Podium trat und gratulierte dem überführten Dopingsünder. Die Szene war an Unterwürfigkeit kaum zu überbieten: Der Weltrekordler Peaty, einen Kopf kleiner als der 1,98 Meter große Chinese, schüttelte Sun überschwänglich die Hand.

Peaty hatte am Mittwoch mit der britischen Lagenstaffel sein drittes Gold bei den Weltmeisterschaften in Kasan gewonnen, Sun über 800 Meter Freistil sein zweites. Dazu kam Silber über 200 Meter Kraul, zum Abschluss am Sonntag startet er als Top-Favorit über die 1500 Meter. Doch es sind Gesten wie jene von Peaty, die Sun sichtlich genießt. Denn seit dem positiven Dopingtest im vergangenen Jahr ist sein Ruf in der Schwimmerszene ramponiert.

Wie sehr ihn das nervt, ließ Sun nach seinem ersten WM-Sieg in Kasan über 400 Meter Freistil erkennen. Ganz Patriot gratulierte der 23-Jährige zunächst einmal China und Peking zum Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2022. Doch schon bei der ersten Frage zu seinem positiven Dopingbefund vom Mai 2014 war es vorbei mit der feierlichen Stimmung. "Wann immer chinesische Sportler ein gutes Ergebnis erzielen, denkt die Welt, der Chinese sei gedopt. Das ist ein schmutziger Gedanke", sagte Sun und verwies auf das Training seiner Landsleute: "Es gibt keinen Grund, unsere Leistungen anzuzweifeln. Das ist respektlos."

Beim Doppel-Olympiasieger von London war vergangenes Frühjahr das verbotene Stimulans Trimetadizin nachgewiesen worden - das erst seit Kurzem auf der Dopingliste steht. Natürlich mache man bei der Behandlung von Verletzungen mal Fehler bei der Auswahl von Medikamenten, räumte Sun ein. Was ähnlich nonchalant klang wie die Ansichten der Russin Julia Jefimowa.

Die Brustschwimmerin wurde überführt, das verbotene Steroid Dehydroepiandrosteron genommen zu haben. Der Schwimm-Weltverband Fina sperrte sie aber statt der üblichen zwei Jahre nur für 16 Monate und ließ sie damit bei der WM im eigenen Land starten. Jefimowa holte am Dienstag über 100 Meter Gold und sagte danach über ihren Dopingfall: "Ich vergleiche das mit Autofahren. Wenn man zu schnell ist, bekommt man ein Ticket und zahlt das."

Der Schwimmsport wird zunehmend zu einem Treffen von Geisterfahrern. In Kasan sind 16 Athleten mit Dopingvergangenheit am Start. Und bei der WM-Halbzeit lag die Zahl der aufgestellten Weltrekorde bereits bei zehn, drei davon in der neu ins Programm genommenen gemischten Lagenstaffel. Eine Rekordflut, die nach dem Verbot der Hightech-Ganzkörperanzüge als undenkbar galt. Doch so lasch die Fina die Dopingbekämpfung angeht, so großzügig ist sie bei der Lockerung des eigenen Regelwerks - um immer neue Weltrekorde zu ermöglichen.

DSV-Schwimmer: "Bin nicht begeistert"

Es ist ein Umfeld, das Henning Lambertz längst nicht mehr geheuer ist. "Wenn man die vielen Dopingfälle sieht, das hochrechnet und die Dunkelziffer bedenkt, lässt sich erahnen, dass es natürlich immer schwieriger wird, sich gegen andere, die nicht sauber arbeiten, zu behaupten", sagt der Chefbundestrainer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Und ich glaube wirklich, dass wir in Deutschland mit unserem sehr engen, sehr guten Kontrollsystem sauber arbeiten."

Ins Grübeln geraten ist auch Hendrik Feldwehr. "Natürlich bin ich nicht begeistert, wenn jemand hier wieder starten darf - und gewinnt", sagte der DSV-Brustschwimmer über Dopingsünder, die in Kasan Erfolge feiern.

Sun Yang hatte die Kazan Arena da bereits verlassen - auf weißen Turnschuhen mit seitlich eingebauten blinkenden Lichtern. Die Show geht weiter.

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insgesamt 25 Beiträge
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cpt.z 06.08.2015
1. Scheinheilig
Das ist doch auch in Deutschland ganz normal. Der gute Bundestrainer soll doch mal erklären, warum im deutschen Olympiateam seit Jahren nur "Asthmatiker" gibt. Weil die gängigen Asthmamittel leistungssteigernd sind. Das mag zwar halblegal sein, aber eben nur halb. Und das ist ja nur das was in der ersten Woche nach der Berufung ins Team passiert. Der Tote Norweger vor Olympia 2012 hätte jedenfalls auch ein Deutscher sein können.
astsaft 06.08.2015
2. Ich bin für eine Medaille für den behandelnden Arzt
Doping legalisieren und eine Medaille für den behandelnden Arzt verleihen. Quasi wie die Teamwertung in der Formel Eins. Da Doping betrieben wird, komme was wolle, sollte man den einfacheren Weg gehen. Wenn sich die Sportler damit selbst umbringen, ist das ihr eigenes Risiko. In der Formel Eins fährt sich auch immer mal wieder jemand um Kopf und Kragen... Wer in diesem Beitrag Ironie findet, darf sich freuen...
mcvitus 06.08.2015
3. Ich bin für die Freigabe aller Dopingmittel.
Die Argumente dazu sind in der Debatte um die Freigabe von Cannabis nachzulesen.
MrSnoot 06.08.2015
4.
Zitat von cpt.zDas ist doch auch in Deutschland ganz normal. Der gute Bundestrainer soll doch mal erklären, warum im deutschen Olympiateam seit Jahren nur "Asthmatiker" gibt. Weil die gängigen Asthmamittel leistungssteigernd sind. Das mag zwar halblegal sein, aber eben nur halb. Und das ist ja nur das was in der ersten Woche nach der Berufung ins Team passiert. Der Tote Norweger vor Olympia 2012 hätte jedenfalls auch ein Deutscher sein können.
So ist das. Wenn die Strafen nicht drastischer sind gibt's keinen Grund, vom Gas zu gehen.
anselmi 06.08.2015
5. bla bla
Was noch mehr nervt als resoziasierte Dopingsünder, ist das Selbstmitleid der deutschen Athleten. Ütze, ütze, alle dopen außer uns. Bei Frank Busemann klingt das wesenrlich ehrlicher http://www.spiegel.de/sport/sonst/dopingvorwuerfe-frank-busemann-kritisiert-verbaende-und-aktive-a-1046653.html
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