Schwimm-WM Doping? Weltverband feiert sich und die "strahlende Zukunft"

Bei der Schwimm-WM gibt es einige Sieger mit Doping-Vergangenheit. Was bei Olympia 2016 noch zu Protesten führte, wird nun hingenommen. Und der Weltverband? Schaut erfolgreich weg.

Doppelweltmeister Sun Yang
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Doppelweltmeister Sun Yang

Aus Budapest berichtet Sabrina Knoll


Es war nur ein Wort, mit dem Mack Horton vor einem Jahr während der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro für Aufregung sorgte. "Dopingbetrüger". Der australische Freistilschwimmer hatte seinen Kontrahenten Sun Yang öffentlich so bezeichnet. Der Chinese wurde 2014 mit dem verbotenen Herzmittel Trimetazidin im Blut erwischt und für drei Monate gesperrt - rückwirkend und zunächst unbemerkt.

Dopingbetrüger. Ein Wort, das eine Protestwelle und öffentlich zur Schau gestelltes Misstrauen auslöste, wie es der unter Dauer-Dopingverdacht stehende Schwimmsport noch nicht erlebt hatte. Schon gar nicht auf der ganz großen Bühne. Wenig später erhob Lilly King den Zeigefinger gegen Julia Jefimowa, feierte ihren beeindruckenden Sieg gegen die Russin als einen "Sieg für sauberen Sport". Jefimowa hatte bereits eine Dopingsperre hinter sich, als sie mehrfach auf das seit Jahresbeginn 2016 verbotene Herzmittel Meldonium getestet, zunächst suspendiert und dann wieder freigesprochen wurde. Der Schwimm-Weltverband Fina erteilte Jefimowa das Startrecht für Rio, obwohl ihr eigener Verband schon anders entschieden hatte und die Russin vor dem Sportgerichtshof Cas erfolgreich dagegen geklagt hatte.

An Sun Yang, vor allem aber an Jefimowa manifestierten sich in Rio die Proteste zahlreicher Athleten, Trainer und Betreuer.

Horton sagte später: "Wenn ich heute auf die Olympischen Spiele zurückschaue, dann bin ich stolzer darauf, diese Diskussion gestartet zu haben, als auf meine Goldmedaille." Für ihn muss es daher wie ein Schlag ins Gesicht wirken, dass der Weltverband zuletzt erneut jede Chance ausgelassen hat, sich für klare Regeln, Transparenz und damit für einen sauberen Sport einzusetzen.

Mack Horton
AFP

Mack Horton

Auf dem Generalkongress vor Beginn der Beckenwettbewerbe bestätigten die Fina-Granden nicht nur den 81 Jahre alten Präsidenten Julio Maglione und den unter Korruptionsverdacht stehenden Vize-Präsidenten Hussein al Mussalam im Amt. Sie wählten zudem Wladimir Salnikow zu einem von zwei international benannten Vertretern Europas. Jenen Präsidenten des russischen Schwimmverbands also, der half, positive Dopingproben russischer Schwimmer zu vertuschen.

"Eine strahlende Zukunft", wurde dem Schwimmsport tags darauf mit großen Lettern auf dem Titel der WM-Zeitung des Weltverbands vorhergesagt. Dabei ist die Gegenwart schon belastet genug, was nicht nur der erste Dopingfall der WM 2017 beweist. Der Argentinier Martín Naidich wurde vor dem Vorlauf über 1500 Meter Freistil suspendiert. Wann er positiv getestet wurde, ist nicht bekannt.

WM der Dopingbetrüger

Eine Gegenwart, in der Sun Yang sich zum Auftakt der internationalen Titelkämpfe nicht nur für die Olympia-Niederlage über 400 Meter gegen Horton revanchieren, sondern auch Gold über 200 Meter gewinnen konnte.

Eine Gegenwart, in der Julia Jefimowa zu Gold und Bronze über 200 und 100 Meter Brust schwimmen und am Sonntag gemeinsam mit Daria Ustinowa die Lagenstaffel in die Medaillenränge schwimmen könnte. Ustinowa, die schon mit 14 Jahren erstmals positiv auffiel, war im McLaren-Report namentlich erwähnt worden und hatte sich erfolgreich zu den Olympischen Spielen in Rio geklagt - mit Billigung der Fina.

Eine Gegenwart, in der Etiene Medeiros über 50 Meter Rücken gewinnt. Die Brasilianerin wurde vor Rio positiv auf Fenoterol getestet, weil sie, so sagt es Giovana Moreira vom brasilianischen Schwimmverband gegenüber dem SPIEGEL, "zwei Tage vor dem Test einen schweren Asthmaanfall hatte, bei dem sie das Medikament nehmen musste, das die verbotene Substanz enthielt". Medeiros legte ihren Fall dar, wurde verwarnt. Für das Medikament hat sie nun eine Ausnahmegenehmigung "für schwere Anfälle".

Fina-Boss Julio Maglione (r.) und Ungarns Präsident Viktor Orbán
DPA

Fina-Boss Julio Maglione (r.) und Ungarns Präsident Viktor Orbán

Tatsächlich schwimmen all jene "Dopingbetrüger" die vor einem Jahr noch mit Pfiffen bedacht und deren Rauswurf gefordert wurden, nicht nur unter Finas Gnaden derzeit erneut um Gold und Glorie. Auch sonst bleibt es ein Jahr nach dem so wichtigen Wort weitgehend still um das Thema Doping. In Budapest gibt es Umarmungen statt Vorwürfe, warme Worte statt Pfiffe.

"Hinter den Kulissen wird viel über Doping geredet", sagte Horton in Rio. In Budapest ist es ruhig. "Offensichtlich wollen einige Leute ihre Meinung sagen, aber nicht während der Wettkämpfe", sagt Horton, der am Sonntag über 1500 Meter nicht wieder auf Sun Yang treffen wird - der Chinese trat nicht zum Vorlauf an. "Es geht darum, sich selbst zu vertrauen und für sich einzustehen. Wenn du also so etwas sagst, dann musst du wissen, wer du bist und wofür du stehen willst." Horton weiß, wofür er stehen will: für sauberen Sport und klare Regeln.

Die Fina wiederum lässt dieser Tage keine Chance aus, den Athleten zu zeigen, wofür sie steht. In jener WM-Tageszeitung, die dem Weltverband eine strahlende Zukunft vorhersagte, rühmte sich die Fina mit den großen Persönlichkeiten, denen der Weltverband in den vergangenen Jahren seinen höchsten Orden "für außergewöhnliche Bemühungen für die Fina-Familie" verliehen habe. Unter den jüngsten sechs: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, der unter Korruptionsverdacht stehende Sportfunktionär Scheich Ahmad Al Fahad Sabah, Russlands Präsident Wladimir Putin und sein Vize-Premier und ehemalige Sportminister Witali Mutko - eine der umstrittensten Personen im Weltsport.

Strahlend kommt auf dieser Zeitungsseite allenfalls das Urkundenpapier daher. Tatsächlich steht der im Aussitzen von Problemfällen überaus begabte Weltverband in Sachen Dopingkampf ein Jahr nach den Dopingbetrüger-Protesten wieder genau dort, wo er auch davor schon stand: Auf der dunklen Seite.



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crazy_swayze 30.07.2017
1.
Boykott der Sponsoren ist das Einzige, was offenbar effektiv ist. Nur so lassen sich Verbände dazu zu bewegen, etwas gegen grassierendes Doping zu unternehmen.
allster 30.07.2017
2. Weit weg
All das ändert nichts daran,dass Deutschland den Anschluss an die Weltspitze verloren hat und es ein langer Weg zurück sein wird. Es ist traurig, dass das etwas in den Hintergrund gerät durch das Dopingthema. Schwimmen ist eine wunderbare Sportart und es ist traurig,dass wohl zu wenige Kinder sich dafür begeistern. Das Thema Doping haben wir in der Leichtathletik genauso, da passiert an den Stützpunkten aber viel im Nachwuchsbereich.
dragon75 30.07.2017
3. Ich gehe davon aus,
dass 99.99% aller Spitzensportler irgendein Doping machen. Ein Sportler der sauber ist, der (oder die) ist eine grosse Schlagzeile wert.
lancerfoto 30.07.2017
4. Der Vergleich ...
zum Radsport drängt sich auf. Traurig, dass Sponsoren und Medien so wenig Druck ausüben. Die massenhaften Gelder für Übertragungs- und Werberechte könnten wahrhaft sinnvoller angewandt werden. In einer Welt des Kommerz kann man nunmal nur über das Geld wirksam werden.
ClausB 30.07.2017
5. Dieser Eindruck :
Zitat von dragon75dass 99.99% aller Spitzensportler irgendein Doping machen. Ein Sportler der sauber ist, der (oder die) ist eine grosse Schlagzeile wert.
drängt sich mir schon Jahren , wenn nicht Jahrzehnten auf. Ich glaube auch nicht, dass sich da groß was ändern wird - trotz aller Beteuerungen der Verbände und des Staates, trotz WADA und der nationalen Anti-Doping-Agenturen und den in den letzten Jahren ausgesprochenen Strafen für überführte Doping"sünder". Mittlerweile bin ich der Auffassung, man solle Doping freigeben; aber nur unter der Voraussetzung, dass die "teilnehmenden" Sportler sich privat versichern lassen. Bei Folgeerkrankungen sollten nicht die gesetzlichen Krankenkassen belastet werden ):
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