Kurzbahn-Europameisterschaften der Schwimmer Die EM, die nicht einmal die Teilnehmer interessiert

In Kopenhagen beginnen heute die Kurzbahn-Europameisterschaften. Wussten Sie nicht? Keine Sorge: Sogar bei den Teilnehmern ist das Interesse überschaubar. Das sind die Gründe.

Eingetaucht ins Großereignis
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Eingetaucht ins Großereignis

Von Sabrina Knoll


Zwei Millionen Liter Wasser, gefüllt in zwei mobile Schwimmbecken, eingebaut in die Royal Arena zu Kopenhagen, dazu buntes Scheinwerferlicht und lautstarke Pop-Beschallung: Die Macher der Kurzbahn-Europameisterschaften haben jede Menge Aufwand betrieben, um den Athleten die große Bühne für die kontinentalen Titelkämpfe zu bieten. Wer jedoch vor die Tür der Arena tritt oder sich in der dänischen Hauptstadt umschaut, dem wird schnell klar: Kaum jemand nimmt diese EM wahr. Das gilt sogar für manch einen, der an dem Schwimmturnier teilnimmt.

Kaum ein internationaler Spitzenakteur nimmt die heute beginnenden Wettkämpfe auf der 25-Meter-Bahn ernst - oder freut sich uneingeschränkt über einen Erfolg. Medaillen auf der Winterbahn gelten gemeinhin als Plaketten zweiter Klasse. Abgerechnet, heißt es stets, wird im Sommer auf der Langbahn.

In vielen Schwimmverbänden ist diese Zwei-Bahnen-Gesellschaft hausgemacht. Auch in Deutschland werden Förderungen von DOSB oder Sporthilfe, werden Kader- und Teameinteilungen anhand der Sommerergebnisse bemessen. "Alles, was für uns entscheidend ist, wird an Langbahnevents festgemacht", sagte Chefbundestrainer Henning Lambertz im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Die Kurzbahn und die 1988 vom Weltverband Fina aus der Taufe gehobene Weltcupserie in diesen 25-Meter-Becken gilt als Gegenstück zu den 25-Yard-Pools der Amerikaner, die in diesen Becken traditionell ihre Uni- und High-School-Teammeisterschaften ausschwimmen und auf diesen 22,86-Meter-Bahnen ihre Kurzbahnrekorde aufstellen.

Der Antrieb? Das Preisgeld

Superstars wie Micheal Phelps oder Katie Ledecky tauchten selten (Phelps) oder nie (Ledecky) in den Siegerlisten der Kurzbahn-Weltmeisterschaften auf. Und die Weltcup-Serie, die aktuell sieben Stationen in Europa und Asien umfasst und auf manchen Strecken nicht mal genug Meldungen für ein komplettes Finale vorweisen kann, lockt internationale Stars vornehmlich mit hohen Preisgeldern. Ein Gesamtsieg war in diesem Jahr 150.000 US-Dollar (rund 130.000 Euro) wert. Ein einzelner Erfolg brachte 1500 USD, Platz sechs wurde noch mit 200 USD entlohnt.

Für einen Schwimmer in Deutschland ist das viel Geld. "Als Schwimmer hat man einfach nicht die Möglichkeit, sich oft etwas dazuzuverdienen", sagte Marco Koch, Welt- und Europameister auf der Kurzbahn. "Da nimmt man gerne das ein oder andere Preisgeld mit." Auch Philip Heintz, Vize-Europameister auf der Winterbahn, räumte ein, dass wohl kein Top-Schwimmer die Reisen zu den zweitägigen Weltcups ohne Aussicht auf Entlohnung antreten würde.

Koch wiederum, 2014 Gesamt-Fünfter der Serie, ist auch ein Beispiel dafür, dass die Kurzbahn ein gutes Instrument sein kann, um in die Saison einzusteigen, schnell wieder viele Rennen auf hohem Niveau zu schwimmen. Zahlreiche Wettkämpfe, immer wieder neue Duelle, die ihm Sicherheit gaben - das gehörte auch auf der Langbahn zum Erfolgsrezept des Weltmeisters von 2015.

Der beste Weg, um Wenden zu trainieren

Ein weiterer Vorteil der Kurzbahn liegt auf der Hand: halb so lange Bahnen, doppelt so viele Wenden. Gerade für jene Schwimmer, die sich damit schwertun, seien Wettkämpfe auf der Kurzbahn der beste Weg, "um Wenden auf wettkampfspezifischem Niveau zu trainieren", sagt Lambertz.

Insbesondere in Deutschland hätten viele Schwimmer in puncto Wenden und Tauchphasen noch Nachholbedarf. Top-Schwimmer wie Phelps und Ryan Lochte zeigen immer wieder, welchen Unterschied schnelle Drehungen, starkes Abstoßen und kraftvolle Kicks machen können. "Ich kann unter Wasser mit Delphinkicks einfach schneller schwimmen als über Wasser im Kraulsprint", sagte Lambertz. "Das müssen die Kleinsten schon als fünfte Schwimmart begreifen."

Trotz trainingsmethodischer Vorteile macht aber auch Lambertz deutlich, dass die Kurzbahn als Trainingstool den Spitzenschwimmern vorbehalten sein sollte - und damit jenen Athleten, die über vergangene Winter bereits ein gewisses Grundniveau in Sachen Ausdauer und Kondition aufgebaut haben. Alle anderen sollten lieber in heimischen Becken Kilometer machen, statt die Arbeit an der Grundlagenausdauer zu oft durch Wettkämpfe zu unterbrechen. Lambertz: "Sonst fällt ihnen das im Sommer auf die Füße" - wenn auf der Langbahn abgerechnet wird.



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