1500 Meter Freistil Keine Angst vor langen Kanten

1500-Meter-Rennen im Schwimmen gelten als besonders langweilig. Hallen leeren sich, TV-Sender zeigen erst die letzten Meter. Bei der EM könnte es aber richtig spannend werden - das liegt auch an Florian Wellbrock.

Florian Wellbrock
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Florian Wellbrock

Aus Glasgow berichtet Sabrina Knoll


Auf den letzten Metern zog Gregorio Paltrinieri noch einmal an. Obwohl ihm die Qualifikation fürs Finale über 1500 Meter sicher war, wollte der Seriensieger auf dieser Strecke den jungen Mann auf der Bahn neben sich doch noch einholen. Aber Florian Wellbrock schlug in diesem Vorlauf hinter Damien Joly als Zweiter an. Und hatte damit die Weichen für ein vielversprechendes Finale bei dieser EM in Glasgow gestellt.

30 Bahnen, 15 Minuten Hin- und Hergeschwimme: Die 1500-Meter-Rennen sind nicht nur lang, sie werden gemeinhin auch als besonders langweilig eingestuft. Vormittags leeren sich die Hallen schon vor den letzten Vorläufen, abends füllen sie sich manchmal erst nach Langstreckenfinals. TV-Sender gehen bei den sogenannten "langen Kanten" gerne in die Werbung. Dabei würde es sich an diesem Sonntagabend lohnen, pünktlich einzuschalten - und dranzubleiben.

Gregorio Paltrinieri
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Gregorio Paltrinieri

Für die Athleten selbst bringen die trainingsintensiven Langstrecken ihren ganz eigenen Reiz gegenüber den mittleren oder den Sprintstrecken mit sich. Bei genauerem Hinsehen fällt der Spaß, den die besten von ihnen in diesen 15 Minuten haben, auch von außen auf. Wie raffiniert sie taktieren, mit den Gegnern spielen. Was dabei ebenfalls erstaunt: Welch unterschiedlicher Techniken sich die Schwimmer dabei bedienen.

Während der Italiener Paltrinieri vom ersten Zug an durchs Wasser pflügt, als wäre er eben doch ein Sprinter, gleitet der 20 Jahre alte Wellbrock so ruhig durchs Wasser, als gäbe es nichts Entspannteres auf der Welt, als eineinhalb Kilometer kraulend in Rekordtempo hinter sich zu bringen. Während Paltrinieri rund 46 Züge pro Bahn macht, dabei aber seinen Krafteinsatz variieren kann, ohne die Frequenz zu verändern, schwimmt Wellbrock die 50 Meter mit 31 Zügen. "Für mich wäre Paltrinieris Art viel zu anstrengend, ich kann so gar nicht schwimmen", sagt der Deutsche.

Im Finale, in dem auch der Ukrainer Mykhailo Romanchuk, der den ersten Vorlauf für sich entschieden hat, vorne mitmischen dürfte, werden aber auch weniger offensichtliche Faktoren entscheidend sein. "Spannend ist in dieser Runde, dass alle unterschiedliche Stärken und Schwächen haben", sagt Wellbrocks Trainer Bernd Berkhahn.

Bei 30 Bahnen sind die Wenden wichtig

Kurzbahn-Europameister Romanchuk, ein ähnlich ökonomischer Schwimmer wie Wellbrock, kommt mit sehr viel Kraft aus der Wand. Olympiasieger Paltrinieri hingegen verliert bei den Wenden. Wellbrock braucht eine gewisse Geschwindigkeit, um seinen Körper schnell, sauber und mit wenig Energieverlust auf die nächste Bahn bringen zu können.

Paltrinieri wiederum geht seine Rennen in der Regel schnell an, könnte Wellbrock nach dem ersten Renndrittel bereits um zwei Längen davongeschwommen sein. "Da wird es dann auch darauf ankommen, bei sich zu bleiben und sich kein anderes Rennen aufdrücken zu lassen", sagt Berkhahn. Denn: Wellbrock kommt über die letzten 800 Meter.

Wellbrock ist im Vergleich zum 23 Jahre alten Paltrinieri relativ unerfahren in internationalen Becken. Und doch war es der Europarekordhalter, der sich im Vorlauf eben diesen Schwimmer neben sich ganz genau angeschaut hat. Zwar schwamm Wellbrock bereits bei den Spielen 2016 in einem Finale mit dem Italiener, war dort aber eher Gast bei Paltrinieris Gold-Show.

Schulter an Schulter - auch im Finale?

Dann war da dieses Schwimm-Meeting in Stockholm, bei dem Wellbrock nicht nur seine eigene Bestzeit um 15 Sekunden auf 14:40,69 Minuten verbesserte. Er unterbot damit auch den 27 Jahre alten Rekord von Jörg Hoffmann um zehn Sekunden, katapultierte sich in die ewige Top Ten dieser Strecke.

Im Vorlauf schwammen Paltrinieri und Wellbrock also Schulter an Schulter, wohl wissend, dass die Finalqualifikation nicht in Gefahr geraten würde. Paltrinieri zog dabei immer wieder an, um Wellbrock zu locken. "Für Paltrinieri ging es im Vorlauf nur darum, zu schauen: Wie schwimmt Florian?", sagt Berkhahn. "Und für Florian ging es nur darum, nichts blicken zu lassen. Gar nichts."

Um 18 Uhr MESZ gehen Paltrinieri und Wellbrock, gehen Joly und Romanchuk auf die 30 Bahnen. Wie sie dabei taktieren werden, wie die einen nach vorne powern und die anderen ihre Kräfte einteilen, das verspricht großer Sport zu werden. Wie gut, dass man das 15 Minuten lang genießen kann.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Affenhirn 05.08.2018
1. Vielleicht ein bisschen übertrieben?
Nach Abschluss der Schule und vor dem Umzug zum Studium habe ich gemeinsam mit einem Schulfreund in einem leistungsstarken Schwimmverein mittrainiert. Dort hieß es zu Anfang immer: "Schwimmt Euch mal ein. 800 m Freistil." Am Sudienort wurde dann nur noch 4x 100m Lagen geschwommen. Wahrscheinlich habe ich die Überschrift nur falsch verstanden und es ging nicht um die Schwimmer sondern um die Zuschauer. Der Text legt dann aber abschließend wieder nahe, dass gerade dem Zuschauer im Finale eine interessante Show geboten werden wird. Wer ist nun mit dem Einschlafen tatsächlich gemeint? Doch nur Klick-Bait?
doubletrouble2 05.08.2018
2. Es ist kein Blut zu sehen.
In den Zeiten des Dschungelcamps müsste wenigstens ein weißer Hai im Becken sein, der die Schwimmer antreibt. Auf andere Art ist keine Quote zu machen, wenn die Aufmerksamkeitsspanne unter fünfzehn Sekunden liegt. Die Bevölkerung degeneriert und so gesehen, ist es nur konsequent, sie durch eine neue zu ersetzen. Das Dumme ist nur, nicht alle sind so dekadent. Es gibt durchaus Menschen, die eine schwimmerische Leistung einschätzen können. Die aber, sind Kollateralschäden in dem großen Projekt, das DER SPIEGEL so engagiert unterstützt.
jujo 05.08.2018
3. ....
Zitat von AffenhirnNach Abschluss der Schule und vor dem Umzug zum Studium habe ich gemeinsam mit einem Schulfreund in einem leistungsstarken Schwimmverein mittrainiert. Dort hieß es zu Anfang immer: "Schwimmt Euch mal ein. 800 m Freistil." Am Sudienort wurde dann nur noch 4x 100m Lagen geschwommen. Wahrscheinlich habe ich die Überschrift nur falsch verstanden und es ging nicht um die Schwimmer sondern um die Zuschauer. Der Text legt dann aber abschließend wieder nahe, dass gerade dem Zuschauer im Finale eine interessante Show geboten werden wird. Wer ist nun mit dem Einschlafen tatsächlich gemeint? Doch nur Klick-Bait?
Zuschauen bei 1500m ist eher etwas für Leute die etwas übrig haben für die Ästhetik des Schwimmens. Hier die eleganten Gleiter mit relativ geringen Kraftaufwand, dort die Kraftbolzer. Ich habe schon Rennen gesehen da war nach ca 600m schon geklärt wer die ersten Plätze belegt. Das ist von der Spannung her eher nicht mehr so toll.
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