Schwimmerin Yusra Mardini Vom Flüchtling zum Weltstar

Sie ist aus Syrien geflohen und bei den Olympischen Spielen gestartet, hat den Papst getroffen und ein Buch geschrieben: Yusra Mardini wünscht sich, sie hätte all das nie erlebt.

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Von Florian Kinast


Natürlich hat Yusra Mardini in den vergangenen Tagen all die Berichte gelesen. Über die Giftgasangriffe in Ost-Ghuta. Über Donald Trumps Eskalationsrhetorik via Twitter. Über die Luftangriffe auf Stellungen von Machthaber Baschar al-Assad. Mardini hat auch die Bilder gesehen von zerbombten Häusern und von den Leuchtstreifen der Luftabwehrraketen, die den Nachthimmel über Damaskus wie Laserschwerter durchschneiden. "Jeden Tag", sagt sie, "zerreißt es mein Herz."

Yusra Mardini, das ist die Schwimmerin aus Syrien, deren Geschichte im Sommer 2016 überall auf der Welt erzählt wurde, als sie in Rio de Janeiro für das olympische Flüchtlingsteam ins Wasser sprang. Sie war eins der prägenden Gesichter der Sommerspiele.

Flüchtlingsboot nach Lesbos gezogen

Immer wieder wurde sie auf die dramatischen Umstände ihrer Flucht 2015 angesprochen. Die Überfahrt von der türkischen Küste aus, wie sie mit ihrer älteren Schwester ins Mittelmeer sprang, um das überfüllte Schlauchboot nach eigenen Angaben drei Stunden lang Richtung Lesbos zu ziehen. Die nächsten Etappen auf der Balkanroute, Festnahme in Ungarn, Ankunft in München, Unterbringung in Berlin.

"Ich habe diese Geschichte eine Million Mal erzählt", sagt sie, "und wenn es sein muss, erzähle ich sie noch eine Million Mal. Es geht mir darum, mit meiner Lebensgeschichte Hoffnung zu geben. Auch wenn ich am liebsten nur schwimmen würde, ich möchte und muss diese Geschichte immer wieder erzählen, vielleicht kann ich helfen, den Menschen Mut zu machen."

Treffen mit Barack Obama und Papst Franziskus

Seit gut zwei Jahren lebt sie in Berlin-Spandau, in Nachbarschaft des Schwimmvereins Wasserfreunde 04. Im März ist sie 20 geworden, man hätte denken können, dass sie nach dem Trubel in Rio wieder in Ruhe ihre Bahnen ziehen kann, weil der Rummel abebbt. Tat er aber nicht, er nahm eher zu.

Mardini reiste um die Welt, traf Barack Obama und Papst Franziskus und wurde von den Vereinten Nationen zur Sonderbotschafterin des Flüchtlingshilfswerks UNHCR ernannt. Anfang Mai erscheint ihre Autobiografie "Butterfly", seit dieser Woche ist sie das Gesicht einer neuen Werbekampagne ihres Ausrüsters, bald soll ihr Leben in Hollywood verfilmt werden.

Training für Tokio

Längst hat sie ein professionelles Management, vergangenen Freitag gab sie stundenlang exklusive Telefoninterviews für Journalisten von Kanada bis Russland, von New York bis Bangkok, darunter viele Special-Interest-Magazine: Mode, Fitness, Lifestyle. Eine Wandlung vom Flüchtlingskind zum Werbestar, all das und dazwischen noch von Syrien sprechen, von Krieg und Bomben, von Verzweiflung und Hoffnung - bei all den Terminen, bei all den Themen: Bleibt da noch Zeit für den Sport?

Mardini sagt, sie verbringe 20 Stunden wöchentlich im Wasser, "zehn Trainingseinheiten zu je zwei Stunden. Dazu eineinhalb Stunden Krafttraining und Physiotherapie." Ein straffes Programm, das sie aber auch braucht. In zwei Jahren will Mardini wieder zu Olympia, zu den Sommerspielen von Tokio. Vielleicht geht sie dann wieder für das Flüchtlingsteam an den Start oder für Syrien. Oder vielleicht für Deutschland, auch wenn es da schwer sein dürfte, die Olympianorm zu erreichen.

Die Deutschen sind "hilfsbereit und wunderbar"

"Ob das klappt, werden wir 2019 sehen", sagt sie, "Berlin ist jedenfalls meine zweite Heimat geworden, ich fühle mich sehr wohl." Auch mit der Sprache geht es besser, sie nimmt viel Deutschunterricht, führt das Interview aber lieber noch auf Englisch. "Hilfsbereit und wunderbar" seien ihre Nachbarn, die Berliner und die Deutschen, sagt sie, nie habe sie Anfeindungen und Beschimpfungen gespürt.

Auch sie weiß um Ressentiments gegenüber Flüchtlingen, die Diskussionen um Zuwanderung und Schließung der Grenzen, auch sie hört Begriffe wie Islamisierung und Überfremdung. "Ich kann die Ängste dieser Menschen nachvollziehen, die sich vor dem Neuen fürchten", sagt Mardini, "es wäre nur wichtig, dass sie sich öffnen für die Flüchtlinge und für ihre Kulturen, um sie besser zu verstehen."

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Yusra Mardini: "Am liebsten würde ich nur schwimmen"

"Dankbarkeit für alles, was ich erlebt habe"

Vorurteile, Hass, die AfD, nichts von alledem beunruhige sie, sagt Mardini: "Das einzige Problem, das ich in Deutschland wirklich habe, ist das Wetter." Aber auch daran wird sie sich mit der Zeit gewöhnen, langfristig sieht sie ihre Zukunft in Berlin. Wo auch sonst? An eine Rückkehr nach Syrien ist nicht zu denken.

Sicher, manchmal hört es sich bei Mardini vage an und ausweichend, wenn sie sich nicht traut, die Lage in ihrer Heimat zu bewerten: "Ich habe dazu keine Meinung, ich kann darüber nicht urteilen." Und mitunter klingt es auch arg professionell und vorgestanzt, wenn und vor allem wie sie von "meiner Bestimmung" spricht, vom "Stolz auf meine Lebensgeschichte". Von "Dankbarkeit für alles, was ich erlebt habe." Aber wer will es ihr verdenken? Warum immer neue Formulierungen finden, irgendwann setzen Automatismen ein.

"Am liebsten die Heimat nie verlassen"

Und doch wirkt vieles auch offen, spontan und eben nicht aufgesetzt. Als es um Emma Watson geht, die bei der Verfilmung ihrer Geschichte gerade als Favoritin für die Hauptrollenbesetzung gilt, fängt Mardini laut an zu lachen und sagt: "Ich weiß ja gar nicht, ob sie schwimmen kann".

Ganz am Ende des Gesprächs, als es um die Prominenz, den Ruhm und ihr Leben als Star geht, wird Mardinis Stimme gedämpfter, leiser: "Wenn ich wählen könnte, hätte ich gerne auf all diese Erfahrungen verzichtet, auf die Begegnungen mit Obama und dem Papst. Am liebsten wäre es mir gewesen, ich hätte meine Heimat nie verlassen müssen und könnte heute dort noch mit meiner Familie in Ruhe leben." Als völlig unbekannte Schwimmerin, vor allem als junge und glückliche Frau in einem friedlichen Syrien.



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