US-Schwimmstar Phelps: Übermensch mal ganz normal

Aus London berichtet

Michael Phelps gilt als Wunder des Schwimmsports, doch bei den Olympischen Spielen wurde er über 400 Meter Lagen von seinem Teamkollegen Ryan Lochte vorgeführt. Es drohen weitere Tiefschläge, sein Konkurrent kündigte an: "Ich will als einer der größten Schwimmer der Welt in Erinnerung bleiben."

Phelps-Pleite: Lochte siegt im Giganten-Duell Fotos
Getty Images

So schnell war Michael Phelps schon lange nicht mehr aus dem Schwimmbecken geklettert. Weit hatte es der 14-malige Olympiasieger von Bahn acht nicht bis zum Beckenausgang, in dem er beim Sieg von Ryan Lochte gerade die wohl schmerzvollste Niederlage seiner Karriere erlitten hatte. Auf die ungewohnte Außenbahn war er verbannt worden, nachdem er das Finale über 400 Meter Lagen im Vorlauf am Morgen nur haarscharf sieben Hundertstelsekunden vor dem Ungarn Laszlo Cseh erreicht hatte.

"Ich hätte nicht gedacht, dass die Jungs im Vorlauf so schnell sein würden. Aber ich bin im Endlauf, allein das zählt. Am Vormittag gewinnst du kein Gold", warnte er die starke Konkurrenz da noch trotzig - neun Stunden später war der Trotz bodenloser Enttäuschung gewichen.

"Ich habe versucht, einen Gang zu finden, den ich aber nicht gefunden habe. Auf den ersten 200 Metern habe ich mich gut gefühlt, aber auf den letzten 100 Metern musste ich mich durchkämpfen", murmelte der gestürzte Super-Olympionike sichtlich mitgenommen und sagte vor seinem Abmarsch aus dem Aquatic Centre: "Es war ein sehr frustrierendes Finish."

"Er hat 110 Prozent gegeben, daran gibt es keinen Zweifel"

Dann schlich der 27-Jährige wie ein geprügelter Hund davon. Der begleitende Kommentar von Ryan Lochte, seinem Teamkollegen und liebsten Rivalen, machte die Sache dabei nicht einfacher. "Er hat 110 Prozent gegeben, daran gibt es keinen Zweifel", so der Sieger im härtesten Rennen der olympischen Beckenwettbewerbe.

Der Herausforderung, jeweils zwei lange Bahnen in vier verschiedenen Schwimmstilen zu absolvieren, hatte Michael Phelps nach seinem Olympiasieg 2008 eigentlich aus tiefster Überzeugung entsagt. Nie wieder werde er die 400 Meter Lagen schwimmen, schwor er damals.

Phelps brach das Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte.

Dafür musste er nun miterleben, wie Lochte ihn von seinem Thron stürzte. Bei seinem ersten Goldlauf in London demoralisierte der hoch ambitionierte, enorm trainingsfleißige Lochte Silbermedaillengewinner Thiago Pereira um 3,68 Sekunden. Dritter wurde der Japaner Kosuke Hagino, Phelps als Vierter war sogar 4,10 Sekunden langsamer als Lochte.

"Es ist traurig, Michael auf dem Podium nicht neben mir zu haben"

Seine Aufwartung machte der achtfache Olympiasieger von Peking dem Sieger dann im Massageraum des Aquatic Centre. "Er war definitiv stolz auf mich", erzählte Lochte später. "Aber gleichzeitig war er auch etwas erschüttert." Das Ausmaß der Niederlage war schließlich zu gewaltig, und ein Siegertreppchen ohne ihn zu ungewohnt.

"Das überrascht mich wirklich", sagte Lochte: "Bisher galt: Wenn er schwimmt, dann steht er am Ende auf dem Podium."

Noch sind die Londoner Spiele - seine definitiv letzten - für Phelps nicht verloren. Drei Einzelstarts (200 Meter Lagen, 100 und 200 Meter Schmetterling) und vermutlich drei Staffeln stehen noch auf seinem Programm. "Jetzt bin ich frustriert. Aber ich werde schneller und habe noch eine Reihe von Rennen vor mir", startete Phelps noch am Samstagabend mit ersten vorsichtigen Aufmunterungsversuchen.

Unterstützt von Lochte, der sagte: "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Phelps auf kürzeren Strecken besser ist." Deshalb: "In den nächsten Rennen wird er aufleuchten." Bis auf weiteres leuchtet im olympischen Pool aber vor allem Lochte. Schon vor den Spielen machte der Freund extravaganter, selbst entworfener Schuhe keinen Hehl aus seinen großen Zielen.

Danach gefragt, ob er - so wie Phelps in Peking - nun seinerseits den London-Spielen seinen gewaltigen Stempel aufdrücken wolle, antwortete er: "Ich will als einer der größten Schwimmer der Welt in Erinnerung bleiben. Also ist es definitiv eines meiner Ziele."

Das erste, wichtige Mosaiksteinchen auf dem Weg dorthin hat Lochte, der an der Themse in maximal sieben Entscheidungen antreten wird, gelegt. "Viele sagen: Michael ist übermenschlich. Aber er ist einer wie wir - und du musst eben einen Weg finden, wie du ihn schlagen kannst", so Lochte nach seinem großen Coup. Und über sich selbst sagt er: "Ich weiß nicht, ob ich als einer der größten Schwimmer gesehen werde. Das müssen andere beurteilen - aber ich hoffe doch, dass es so ist."

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1. ....
jujo 29.07.2012
Zitat von sysopMichael Phelps gilt als Wunder des Schwimmsports, doch bei den Olympischen Spielen wurde er über 400 Meter Lagen von seinem Teamkollegen Ryan Lochte vorgeführt. Es drohen weitere Tiefschläge, sein Konkurrent kündigte an: "Ich will als einer der größten Schwimmer der Welt in Erinnerung bleiben." Schwimmstar Phelps: Niederlage gegen Ryan Lochte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,846993,00.html)
Mir wird die ungewöhnliche Kauleiste von Lochte in Erinnerung bleiben, ebenso wie die von Carl Lewis, Biathletinnen sind mir in dieser Hinsicht auch aufgefallen. Bloß waren die geschickter oder nicht so dreist, Ihre Spangen in der Öffentlichkeit zu tragen/einzusetzten! Die Einbrüche von Phelps, Biedermann u.a. lässt mir die kleine Hoffnung, das diese sauber sind oder haben diese nur ein schlechtes timing !?
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Paavo Nurmi Leichtathletik 9 3 0
Mark Spitz Schwimmen 9 1 1
Carl Lewis Leichtathletik 9 1 0
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Sawao Kato Turnen 8 3 1
Jenny Thompson Schwimmen 8 3 1
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