Orlando Cruz: Ein ganz normaler, schwuler Boxer

Aus Kissimmee, Florida, berichtet

Es war der erste Boxkampf von Orlando Cruz nach dessen Coming-Out - und der Puertoricaner war gleich doppelt erfolgreich. Mit dem Sieg gegen Jorge Pazos darf er weiter von einem WM-Fight träumen. Mindestens ebenso erfreulich war für ihn jedoch die Reaktion des Publikums.

Schwuler Boxer Cruz: Heimspiel im intoleranten Florida Zur Großansicht
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Schwuler Boxer Cruz: Heimspiel im intoleranten Florida

Orlando Cruz steht lässig in der blauen Ringecke des Civic-Center von Kissimmee. Hier, in Zentral-Florida, eine halbe Autostunde südlich von Orlando, wird gleich Boxgeschichte geschrieben. Während der Ringsprecher noch Gegner Jorge Pazos aus Mexiko vorstellt, wartet Cruz in seinem grün-violetten Aufwärmmantel geduldig. Hinter ihm beginnt der Fernsehsender "Telemundo" gerade mit der Live-Übertragung, die Moderatoren sprechen von einem "besonderen Moment".

Cruz hat für ein Novum gesorgt: Er bestreitet erstmals als schwuler Faustkämpfer einen Fight. Am 4. Oktober hatte der Puertoricaner der Öffentlichkeit sein größtes Geheimnis anvertraut. Er ist der erste homosexuelle Profiboxer, der sich während seiner Karriere geoutet hat. Und das in einer Sportart, in der zwar viel ausgeteilt und eingesteckt wird, für wahre Gefühle jedoch kaum Platz ist.

Deshalb war Felix Zabala Jr. auch anfangs skeptisch, als Cruz auf ihn zukam und davon erzählte, dass er der Welt die Wahrheit sagen wolle. Der Promotor hatte befürchtet, dass sich Fernsehstationen oder Boxverbände abwenden würden. "Aber Orlando hat darauf bestanden und deshalb haben wir es getan", sagt Zabala: "Für den Menschen Orlando Cruz. Das Boxen war uns egal."

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Schwuler Boxer: "Hier kommt der neue Orlando"
Doch an diesem Abend geht es hier in der kleinen Halle in Kissimmee wieder ums Business. Cruz will bald Federgewichts-Weltmeister werden, "der erste schwule", wie er seit Tagen immer wieder betont. Doch dafür muss er Pazos besiegen. Promotor Zabala steht im grauen Nadelstreifen-Anzug neben ihm im Ring, klopft ihm noch einmal auf die Schulter. Cruz habe sein Leben lang einen 10.000 Pfund schweren Sack herumgetragen, sagt er. Aber jetzt sei diese Last weg, er könne fliegen und befreit drauf losboxen, meint Zabala.

Zehn Meter entfernt verfolgt José Sanchez das Duell. Der 38-Jährige ist seit zehn Jahren der Faustkampf-Fachmann von Puerto Ricos größter Tageszeitung "El Nuevo Dia". Er wollte sich den Kampf eigentlich daheim in San Juan vor dem Fernseher anschauen. Alle wichtigen Gefechte der Einheimischen werden in Puerto Rico, wo Boxen neben Baseball Sportart Nummer eins ist, live übertragen. Doch dann outete sich Cruz als "stolzer schwuler Boxer" und Sanchez packte seine Koffer.

Florida erkennt gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht an

Zwei Wochen lang hat "El Nuevo Dia" mit Cruz die Titelseite gefüllt. Nun ist Sanchez gespannt, was sein Landsmann "nach all dem Medienrummel" noch leisten kann und vor allem, wie das Publikum reagieren wird. Florida gilt nicht gerade als tolerant, wenn es um Homosexualität geht. Schwule oder lesbische Partnerschaften werden hier nicht anerkannt. 2008 stimmten 62 Prozent der Menschen in Florida für ein Gesetz, das gleichgeschlechtliche Ehen verbietet.

Zwar sitzen unter den knapp 3000 Zuschauern nur wenige US-Amerikaner; doch offen ist auch, wie die knapp 2000 Puertoricaner den kleinen couragierten Mann mit dem Irokesen-Schnitt empfangen werden. Bei Latinos gilt Homosexualität aufgrund des stark ausgeprägten christlichen Glaubens als Tabu-Thema. "Leider gibt es in Puerto Rico, wie auch in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern, eine homophobe Stimmung", sagt Sanchez.

Einige religiöse Kreise hätten Cruz für seine Entscheidung kritisiert, berichtet der Journalist. Insgesamt seien die Reaktionen aber daheim und weltweit positiv gewesen. In der Arena ist es nicht anders. Fans zeigen stolz puertoricanische Fahnen und schreien bei jeder gelungenen Aktion von Orlando Cruz frenetisch auf. "Heimspiel", sagt Sanchez und lächelt.

Beide Kämpfer haben während des Fights starke Szenen, Cruz wirkt dennoch spritziger. Man merkt, dass ihn die Atmosphäre beflügelt. Als auch die zwölfte und letzte Runde vorbei ist, hebt der 1,63 Meter große Rechtsausleger umgehend seine Fäuste Richtung Hallendecke. Die Schiedsrichter bestätigen: Sieg nach Punkten. "El Fenomeno, Orlando Cruz", brüllt der Ringsprecher ins Mikro.

"Das Publikum war klasse, hat mich respektiert und genau darauf habe ich auch gehofft", sagt Cruz bei der Pressekonferenz: "Ich möchte einfach, dass die Leute mich als normalen Boxer und Mann sehen."

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1.
janne2109 20.10.2012
na so normal kann er ja nicht sein, zumindest nicht für Spon, sonst würden nicht 2 Artikel dem Mann gewidmet sein. Ich glaub's nicht..., was passiert dann wenn sich ein Fussballer outet??
2.
JaWeb 20.10.2012
"Einige religiöse Kreise hätten Cruz für seine Entscheidung kritisiert, berichtet der Journalist." "Einige religiöse Kreise" sollten endlich begreifen, dass sie das Privatleben anderer Menschen nichts angeht. Religion ist Privatsache, religiöse Überzeugungen berechtigen niemand dazu, anderen Menschen diese aufzudrängen oder gar die Grund-und Menschenrechte Dritter einzuschränken oder zu relativieren. Weder in den USA noch in Puerto Rico oder in Deutschland. Nirgendwo.
3. Endlich....
eirish 20.10.2012
... trauen sich auch Sportler, die im Rampenlicht stehen, sich zu outen. Schade dass Homosexualität in unserer doch sehr aufgeklärten Zeit immer noch so häufig als "anders" betrachtet wird!
4. Kein Wunder
rehabilitant 20.10.2012
Zitat von janne2109na so normal kann er ja nicht sein, zumindest nicht für Spon, sonst würden nicht 2 Artikel dem Mann gewidmet sein. Ich glaub's nicht..., was passiert dann wenn sich ein Fussballer outet??
Da haben wir ja schon eine Begründung dafür, dass sich wirklich prominente Spitzensportler nicht outen möchten: Bei diesem Medienspektakel und den dann zu erwartenden Pöbeleien der Fans (zunächst nur der gegnerischen, bei schwacher Leistung auch der eigenen) in den Stadien ist dies nicht empfehlenswert.
5.
Rodri 20.10.2012
Zitat von sysopEs war der erste Boxkampf von Orlando Cruz nach dessen Coming-Out - und der Puertoricaner war gleich doppelt erfolgreich. Mit dem Sieg gegen Jorge Pazos darf er weiter von einem WM-Fight träumen. Mindestens ebenso erfreulich war für ihn jedoch die Reaktion des Publikums. Schwuler Boxer Orlando Cruz freut sich über Reaktion des Publikums - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/schwuler-boxer-orlando-cruz-freut-sich-ueber-reaktion-des-publikums-a-862418.html)
Ich fand es super, dass er sich geoutet hat und dass die Fans voll hinter ihm stehen. Habe einen Bericht über ihn im TV gesehen. :) Er zeigt mal wieder eindrucksvoll, dass man kein Hetero sein muss, um ein ganzer Mann zu sein. ;)
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Box-Glossar
Beim Boxen ist die Stellung der Kämpfer ausschlaggebend, dazu kommen in der Regel drei verschiedene Schlag-Varianten zum Einsatz. Diese werden untereinander beliebig zu sogenannten Schlag-Kombinationen zusammengefügt. Ebenfalls ein probates Mittel ist das Klammern, um sich aus ungünstigen Situationen zu befreien.

  • Auslage: Unter der Auslage eines Boxers versteht man die Stellung und Richtung zum Gegner. Die Kämpfer stehen dabei einander nicht frontal, sondern versetzt gegenüber, wobei diejenige Hand, die dem Gegner näher ist, als Führhand, die hinten liegende Hand als Schlaghand bezeichnet wird. Da die meisten Menschen Rechtshänder sind, gilt die Linksauslage als normal und wird meistens Normalauslage genannt. Bei ihnen stehen linkes Bein und linke Hand näher zum Gegner - in der Rechtsauslage entsprechend andersherum.

    Jab: Eine abrupt geschlagene Gerade mit der Führhand. Der Schlag hat zumeist den Kopf zum Ziel. Der Jab zählt dabei nicht zu den stärksten Schlägen, nur selten geht ein Boxer nach einem einzelnen Jab zu Boden.

    Cross: Eine Gerade, die mit der Schlaghand geschlagen wird. Die Schlaghand wird vom Kinn auf einer geraden Linie ins Ziel geführt. Die Führhand wird dabei zurückgenommen, um das Kinn zu schützen. Der Cross ist ein sogenannter Powerpunch.

Haken: Ein Schlag, bei dem zwischen Kopf- und Körperhaken unterschieden wird. Zum Einsatz kommt der Haken beim Boxen in der Halbdistanz. Der Schlag eignet sich vor allem als K.o.-Schlag, da er zumeist von der Seite kommt und so durch die Deckung des Gegners geht.

Klammern: Eine taktische Maßnahme, um sich eine Pause zu verschaffen oder sich aus einer ungünstigen Position zum Gegner zu befreien. Der Ringrichter muss die Kontrahenten aus der Klammerung trennen, so dass eine neue Kampf-Situation entsteht. Klammern stellt einen Regelverstoß dar, der aber aufgrund der Häufigkeit oft geduldet wird. Ab einem gewissen Grad wird das Vergehen jedoch mit Verwarnungen und damit mit Punktabzügen bestraft.
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