Aus Kissimmee, Florida, berichtet Heiko Oldörp
Orlando Cruz steht lässig in der blauen Ringecke des Civic-Center von Kissimmee. Hier, in Zentral-Florida, eine halbe Autostunde südlich von Orlando, wird gleich Boxgeschichte geschrieben. Während der Ringsprecher noch Gegner Jorge Pazos aus Mexiko vorstellt, wartet Cruz in seinem grün-violetten Aufwärmmantel geduldig. Hinter ihm beginnt der Fernsehsender "Telemundo" gerade mit der Live-Übertragung, die Moderatoren sprechen von einem "besonderen Moment".
Cruz hat für ein Novum gesorgt: Er bestreitet erstmals als schwuler Faustkämpfer einen Fight. Am 4. Oktober hatte der Puertoricaner der Öffentlichkeit sein größtes Geheimnis anvertraut. Er ist der erste homosexuelle Profiboxer, der sich während seiner Karriere geoutet hat. Und das in einer Sportart, in der zwar viel ausgeteilt und eingesteckt wird, für wahre Gefühle jedoch kaum Platz ist.
Deshalb war Felix Zabala Jr. auch anfangs skeptisch, als Cruz auf ihn zukam und davon erzählte, dass er der Welt die Wahrheit sagen wolle. Der Promotor hatte befürchtet, dass sich Fernsehstationen oder Boxverbände abwenden würden. "Aber Orlando hat darauf bestanden und deshalb haben wir es getan", sagt Zabala: "Für den Menschen Orlando Cruz. Das Boxen war uns egal."
Zehn Meter entfernt verfolgt José Sanchez das Duell. Der 38-Jährige ist seit zehn Jahren der Faustkampf-Fachmann von Puerto Ricos größter Tageszeitung "El Nuevo Dia". Er wollte sich den Kampf eigentlich daheim in San Juan vor dem Fernseher anschauen. Alle wichtigen Gefechte der Einheimischen werden in Puerto Rico, wo Boxen neben Baseball Sportart Nummer eins ist, live übertragen. Doch dann outete sich Cruz als "stolzer schwuler Boxer" und Sanchez packte seine Koffer.
Florida erkennt gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht an
Zwei Wochen lang hat "El Nuevo Dia" mit Cruz die Titelseite gefüllt. Nun ist Sanchez gespannt, was sein Landsmann "nach all dem Medienrummel" noch leisten kann und vor allem, wie das Publikum reagieren wird. Florida gilt nicht gerade als tolerant, wenn es um Homosexualität geht. Schwule oder lesbische Partnerschaften werden hier nicht anerkannt. 2008 stimmten 62 Prozent der Menschen in Florida für ein Gesetz, das gleichgeschlechtliche Ehen verbietet.
Zwar sitzen unter den knapp 3000 Zuschauern nur wenige US-Amerikaner; doch offen ist auch, wie die knapp 2000 Puertoricaner den kleinen couragierten Mann mit dem Irokesen-Schnitt empfangen werden. Bei Latinos gilt Homosexualität aufgrund des stark ausgeprägten christlichen Glaubens als Tabu-Thema. "Leider gibt es in Puerto Rico, wie auch in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern, eine homophobe Stimmung", sagt Sanchez.
Einige religiöse Kreise hätten Cruz für seine Entscheidung kritisiert, berichtet der Journalist. Insgesamt seien die Reaktionen aber daheim und weltweit positiv gewesen. In der Arena ist es nicht anders. Fans zeigen stolz puertoricanische Fahnen und schreien bei jeder gelungenen Aktion von Orlando Cruz frenetisch auf. "Heimspiel", sagt Sanchez und lächelt.
Beide Kämpfer haben während des Fights starke Szenen, Cruz wirkt dennoch spritziger. Man merkt, dass ihn die Atmosphäre beflügelt. Als auch die zwölfte und letzte Runde vorbei ist, hebt der 1,63 Meter große Rechtsausleger umgehend seine Fäuste Richtung Hallendecke. Die Schiedsrichter bestätigen: Sieg nach Punkten. "El Fenomeno, Orlando Cruz", brüllt der Ringsprecher ins Mikro.
"Das Publikum war klasse, hat mich respektiert und genau darauf habe ich auch gehofft", sagt Cruz bei der Pressekonferenz: "Ich möchte einfach, dass die Leute mich als normalen Boxer und Mann sehen."
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