Segelkönigin MacArthur "Rund um die Uhr am Limit"

Sie ist alleine um die Welt gesegelt, hält ein Dutzend Rekorde und ist als 30-Jährige schon eine Ikone der Weltmeere. Nun will Ellen MacArthur den Hochseesport revolutionieren - als Veranstalterin. Mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über Strapazen, ihre verlorene Jugend und Umweltschutz.


SPIEGEL ONLINE: Frau MacArthur, Sie sind auf hoher See zu Hause, lieben das Segeln - und sind erst 30 Jahre alt. Doch jetzt organisieren Sie mit dem Barcelona World Race eine Regatta um die Welt, statt selbst daran teilzunehmen. Gehen Sie schon aufs Altenteil?

MacArthur: Auf keinen Fall. Ich erweitere nur meinen Horizont und verfolge das Rennen von Land aus. Das ist zwar eine ganz andere, aber nicht minder spannende Perspektive. SPIEGEL ONLINE: Was reizt Sie daran, lieber im Warmen und Trockenen zu sitzen, als auf den Ozeanen gegen das Wetter zu kämpfen?

MacArthur: Letzteres habe ich schon zwölf Jahre lang gemacht und beileibe nicht jede Seemeile genossen. Besonders der Soloweltrekord war körperlich und mental unglaublich anstrengend. Dafür habe ich einen hohen Preis bezahlt. Das ging richtig an die Substanz. Würde ich ununterbrochen so weitermachen, bestünde die Gefahr, dass ich es bald leid werde und aufhören müsste. Das würde ich mir selbst nie verzeihen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nach Erkenntnissen einer gereiften Frau an.

MacArthur: Wenn Sie so wollen, ja. Ich habe gerade seit sieben Jahren zum zweiten Mal Weihnachten mit meinen Eltern gefeiert, war zwei Wochen daheim. Das war sehr schön und gehört auch zu einem glücklichen Leben. Zur Stubenhockerin werde ich deshalb noch lange nicht.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie vielleicht kurz vor dem Start des Barcelona World Race am 11. November 2007 doch noch rückfällig und gehen an Bord?

MacArthur: Nein, das wäre ja auch keine professionelle Vorbereitung, obwohl ich mich täglich mit Lauftraining fit halte. Wir bauen auch eine 60 Fuß (18,50 Meter; die Red.) lange Yacht, die am Rennen teilnehmen wird. Sie soll im Mai fertig sein und von verschiedenen Skippern abwechselnd gesegelt werden; nach dem Barcelona-Rennen auch hin und wieder mal von mir.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist wir?

MacArthur: Vor zehn Jahren habe ich mit meinem Partner Marc Turner die Offshore Challenges, kurz OC, gegründet, eine Firma, die sich mit dem Hochseesegeln allgemein befasst. Heute hat die Gruppe mehr als 30 Mitarbeiter, die an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten. Darunter ist eine Rennserie für Großkatamarane, die auch in Deutschland Station machen soll.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen vom Volvo Ocean Race vor fünf Jahren, als das Leverkusener Boot "illbruck" gewann, war das Interesse am Hochseesegeln in Deutschland aber mangels Beteiligung aus dem eigenen Land bisher eher gering. Wie soll sich das ändern?

MacArthur: Vor 10 oder 15 Jahren war Großbritannien auch noch ein Niemandsland. Das besserte sich erst, als die Wettfahrten publikumswirksamer wurden, und mit den Medien auch Sponsoren einstiegen. Potentielle Segler gibt es sicher auch in Deutschland genug.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn das Besondere am Barcelona World Race?

MacArthur: Es wird das erste Zweimann-Rennen nonstop um die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Warum zu zweit und nicht allein?

MacArthur: Die beiden Szenen der Solosegler und der Mannschaftssegler sollen zusammengeführt werden, was den möglichen Teilnehmerkreis erweitert. Und es wird spektakulärer als ein Einhandrennen, denn durch die doppelte Besatzung können die Boote rund um die Uhr am Limit gesegelt werden, weil immer einer wach sein wird. Eine Reisezeit von unter 80 Tagen ist denkbar. Trotzdem kann sich die Crew unterwegs viel stärker um die Medienarbeit kümmern als ein Einzelner. Mehr Bilder und mehr authentische Berichte von Bord begeistern mehr Fans.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer fiel Ihnen die Entscheidung, bei der Premiere an Land zu bleiben?

MacArthur: Ich bin ja nicht als Rentnerin zum Zuschauen verdammt. Als Veranstalterin trage ich eine Verantwortung für den Gesamtablauf und kann ihn entscheidend mitgestalten. Es soll das beste Hochseerennen bisher werden. Aus eigener Erfahrung glaube ich zu wissen, welche Rahmenbedingungen die Teilnehmer solcher Rennen brauchen. Das reicht vom Bootstyp über Satellitenkommunikation bis zur medialen Aufbereitung. Was funktioniert und was nicht, kann nur beurteilen, wer beide Seiten kennt. Das ist diesmal meine Motivation.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem, es ist schwer vorzustellen, dass Sie wirklich vom aktiven Segeln lassen können.

MacArthur: Seit ich 17 bin, war ich fast jedes Jahr sechs Monate oder mehr auf See. Die Welt um mich herum habe ich anfangs kaum wahrgenommen. Ich war total auf das Segeln und den Erfolg fokussiert. Das konnte und durfte nicht so bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Trauern Sie Ihrer verlorenen Jugend hinterher?

MacArthur: Nein, ich bereue keine einzige Minute. Ich würde es wieder so machen. Aber in den vergangenen Jahren wurden, aus dem Sport heraus, andere Aspekte wie Umweltbewusstsein immer wichtiger. Nicht nur als Segler brauchen wir die Natur - und zwar eine saubere.

SPIEGEL ONLINE: Überwiegen denn unternehmerische Ziele oder seglerische Träume in Ihren Plänen?

MacArthur: Ich bin quasi Unternehmerin in eigener Sache. Denn ohne aktives Segeln wird es auch in Zukunft ganz sicher nicht gehen. Das ist und bleibt meine größte Leidenschaft.

Das Interview führte Andreas Kling

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