Solosegler Herrmann beim Training Kalt erwischt

Wer Solosegler Boris Herrmann beim Training auf dem Atlantik zusehen will, muss schon in den Helikopter steigen. Der Fotograf Jean-Marie Liot bekam aus der Vogelperspektive eine spektakuläre Show geboten

Jean-Marie Liot

Boris Herrmann, Profisegler aus Hamburg, ist fast ausschließlich auf der ganz langen Strecke unterwegs. Sein Fernziel ist die Vendée Globe, das Nonstop-Rennen um die Welt: Atlantik runter bis zum Kap der Guten Hoffnung, einmal um die Antarktis herum und wieder zurück nach Norden zur Ziellinie vor der französischen Küste.

Kameras gibt es da draußen nicht, die Segler ackern ohne Publikum, anfeuern müssen sie sich immer wieder selbst, was wahrscheinlich die größte Herausforderung für Solisten wie Herrnann ist. Fans können heute immerhin den Positionstracker im Netz einschalten, wenn sie wissen wollen, wie das Rennen steht.

Damit sie sich ein besseres Bild davon machen können, wie es auf See zugeht bei solchen Regatten, ist Herrmann vergangene Woche vom Hafen Concarneau mit Begleitung zum Training ausgelaufen: Der Fotograf Jean-Marie Liot setzte sich in einen Hubschrauber und beobachtete das Geschehen aus der Vogelperspektive. Ihm gelangen im Morgenlicht spektakuläre Bilder, die zeigen was diesen Sport ausmacht: die Geschwindigkeit der Jachten, das Surfen auf den Wellen, die explodierende Gischt, die Weite des Horizonts.

Es herrschten perfekte Bedingungen für den Mann im Heli - Sonne, sieben Beaufort Wind, eine alte Dünung . "Malizia" glitscht auf den Foils über die See, mit einem Tempo von 25 Knoten und mehr, also umgerechnet knapp 50 km/h. Allein dieser Anblick ist schon eine Wucht, aber dann schmettert der Bug der Jacht in eine Welle - und das Wasser rauscht ungebremst über Deck und Aufbau. Herrmann zieht den Kopf ein, knapp nur entgeht er der Welle. Ein anderes Mal ist er nicht fix genug, das Foto zeigt, wie das Boot komplett in der Gischt verschwindet.

Und: kalt? "Ein Schock im ersten Moment. Aber das Adrenalin hält einen warm. Heikler ist die Macht der Welle: Wenn man da nicht angeleint ist und sich mit aller Kraft gegen das Wasser stemmt, spült es einen von den Füßen", sagt er und versichert: "Im Rennen sind wir bei solchen Bedingungen nur selten an Deck. Dann lassen wir lieber den Autopiloten steuern."

Triefnass winkt er danach den Begleitern oben im Helikopter, er strahlt. Daumen hoch: Alles okay, läuft.

Trainingsfahrten vor der Küste der Bretagne

Aktuell trainiert Herrmann für die Route du Rhum, eine Wettfahrt über den Atlantik, die seit 1978 alle vier Jahre ausgetragen wird. Es geht von St. Malo in der Bretagne zur Karibikinsel Guadeloupe, eine Strecke von mehr als 3500 Seemeilen, etwa 6500 Kilometer. Am Start sind die besten Segler in seiner Klasse.

Bis dahin wird getestet, werden Abläufe optimiert: Herrmann hat sich der Trainingsgruppe der französischen Offshore-Segler angeschlossen, Vincent Riou ist dabei, Vendée-Globe-Sieger von 2005, und andere Stars der Segelmarathon-Szene wie Jérémie Beyou, Yann Eliès und Paul Meilhat. Sie legen morgens die Koordinaten einer Wendemarke auf dem Atlantik fest und rasen im Wettkampfmodus los.

"Malizia", die Jacht von Herrmann, ist eine Imoca 60, ein 18 Meter langer Renner, der mit Foils ausgerüstet ist, etwa in Schiffsmitte angebrachten Tragflächen, die dem Boot Auftrieb verleihen, es über die Wellen "fliegen" lassen. Zuletzt ist Herrmann damit in umgekehrter Richtung erfolgreich gewesen: Im Juli war er "First Ship Home" auf der Atlantic Anniversary Regatta von den Bermudas nach Cuxhaven.

oka

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insgesamt 2 Beiträge
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RalfBukowski 13.10.2018
1. Es wird besser
Früher war die mediale Abdeckung besonders im Hochseesport mau. Aber wenn man das letzte Volvo Ocean Race verfolgt hat, wurde man mit herrlichen Videos und Bildern umfangreich versorgt - Drohnen sei Dank (in diesem Bereich eine herrliche Erfindung).Bei den Einhandregatten ist das naturgemäß schwieriger, ist ja auch eine Personalfrage. Aber die Boote haben in der Regel auch Onboard-Kameras und die letzte Vendee Globe war videotechnisch schon klasse.
brux 13.10.2018
2. Hinweis
Diese Boote segeln nicht auf den foils (anders als etwa die America's Cup Katamarane). Nur der lee-seitige Tragflügel ist jeweils im Einsatz. Er sorgt für Auftrieb und lässt das Boot weniger krängen. Das optimiert die Anströmung der Segel und reduziert den Rumpfwiderstand. Die Ruder funktionieren so auch besser. Sollte man in Hamburg eigentlich wissen.
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