24. Dezember 2012, 15:51 Uhr

Segler Herrmann über die Vendée Globe

"Wir schlafen maximal 30 Minuten am Stück"

Seit 44 Tagen läuft die härteste Segelregatta der Welt: die Vendée Globe. Im Interview zieht der deutsche Top-Segler Boris Herrmann eine erste Bilanz, spricht über hochentwickelte Boote, unverständliche Zusammenstöße - und die Folgen der Klimaerwärmung für die Segler.

Sieben Ausfälle in den ersten zwei Wochen. Viele fragten sich: Erreicht bei der Vendée Globe überhaupt einer der 20 gestarteten Skipper das Ziel? Doch meterhohen Wellen, unfreiwilligen Tauchausflügen und einem abgebrochenen Backenzahn zum Trotz ist von den weiteren Seglern seit 30 Tagen niemand mehr ausgeschieden. Und die Hälfte des Rennens ist geschafft.

25.000 Seemeilen (46.300 Kilometer) müssen die Skipper insgesamt rund um den Globus zurücklegen. Allein und ohne fremde Hilfe. Die Risiken sind vielfältig: Materielle Probleme treffen auf psychologische Probleme, Wale und Fischerboote kreuzen den Weg der Skipper. Viele Segler nennen die Vendée Globe den "Mount Everest der Meere".

Das Rennen findet alle vier Jahre statt. Den aktuellen Rekord hält der Franzose Michel Desjoyeaux, der vor vier Jahren in 84 Tagen um die Welt segelte. Damals erreichten nur elf der 30 gestarteten Skipper das Ziel. Die australische Marine rettete den schwer verletzten Franzosen Yann Eliès. Sein Landsmann Jean Le Cam wurde vor Kap Hoorn kieloben im Meer treibend von seinem Konkurrenten Vincent Riou geborgen. In den neunziger Jahren verloren gar drei Skipper bei der Vendée Globe ihr Leben.

Boris Herrmann ist der herausragende deutsche Segler. Der 31-Jährige ist zurzeit in New York und wartet auf günstiges Wetter, um einen Rekordversuch für eine Tour von New York nach San Francisco zu unternehmen. Lieber wäre er bei der Vendée Globe dabei. Er scheiterte jedoch an der schwierigen Sponsorensuche. So verfolgt und analysiert er aus den USA das aktuelle Geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Herrmann, 44 Tage läuft die Vendée Globe bereits. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Herrmann: Ein schnelles, spannendes Rennen mit einer unglaublichen Leistungsdichte an der Spitze. Das sorgt bei den Skippern für Druck und Anspannung, aber sie pushen sich auch gegenseitig bis ins Grenzenlose.

SPIEGEL ONLINE: In den ersten 14 Tagen gab es sieben Ausfälle. Vier Boote sind aufgrund von Zusammenstößen ausgeschieden, zwei von ihnen kollidierten mit Fischtrawlern. Erkennt man die etwa nicht auf dem Radar?

Herrmann: Auf den Fischerschiffen kann es vorkommen, dass die Leute so hart arbeiten, dass sie gar nicht auf der Brücke stehen und entsprechend auch nicht auf das Meer gucken. Aber es kann eigentlich nicht sein, dass die Segler nichts gesehen haben. Das sind ja keine kleinen Fischerbötchen. Der Radar-Alarm sollte sie warnen. Außerdem gibt es neue Breitbandgeräte, die es den Skippern bei Nebel und hohem Seegang einfacher machen als früher. Die Segler hatten anscheinend ihre Radargeräte ausgeschaltet. Vielleicht haben sie sich zu sicher gefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Die anderen Segler schieden aufgrund technischer Probleme aus. Wurde bei diesen Booten auf der Suche nach immer mehr Speed an der Sicherheit gespart?

Herrmann: Nein. Die am weitesten entwickelten Schiffe sind ja alle noch im Rennen. Bei manchen Teams fehlt es vielleicht an der Erfahrung mit dem Werkstoff Titan, der neuerdings für den Kiel eingesetzt wird. Oder die Vorbereitungszeiten waren einfach zu gering. Doch generell sind die Boote hochtechnische Sportgeräte, die ausfallen können.

SPIEGEL ONLINE: Die Ausfälle geschahen ja allesamt in den ersten Tagen des Rennens, in den vergleichsweise einfacher zu besegelnden Gewässern des Atlantiks. Kann es sein, dass die Skipper das Rennen übermotiviert angegangen sind?

Herrmann: Einige Skipper haben zu Beginn vielleicht zu viel Tempo gemacht und waren früh zu erschöpft. Und Schlafmangel kann man sich auf keinen Fall leisten.

SPIEGEL ONLINE: Wenig Schlaf ist ein Teil der hohen psychologischen Belastung für die Skipper. Was kommt noch hinzu?

Herrmann: Die psychische Anstrengung ist riesig. Außerdem fühlt man sich als Segler immer mal wieder einsam. Mich selbst belastet bei solchen langen Rennen auch häufig die Ungewissheit, welche Herausforderungen in diesen fernen Gebieten noch auf einen warten. Das schüchtert ein. Aber die Skipper sind alle erfahren darin, mit Druck umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Bereiten Sie sich auf diese Situationen gezielt vor?

Herrmann: Das beste Training ist, so viele Rennen wie möglich zu segeln und Erfahrungen zu sammeln, Drucksituationen zu erleben, ganz ohne Komfort. Wir schlafen bei diesen Rennen maximal 30 Minuten am Stück. Das kann man an Land kaum trainieren, da sich dieser Schlafrhythmus nicht mit dem normalen Arbeitsalltag verbinden lässt. Jedoch lernen wir, mit autogenem Training Pausen sinnvoll zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wann verspüren Sie bei solchen Rennen wirkliche Angst?

Herrmann: Wenn man durch die Nacht fährt, hat man häufig die bedrückende Sorge, dass da urplötzlich ein Eisbrocken vor dem Boot auftaucht. Aber die größte Angst ist, nicht anzukommen. Das wäre nach all den Anstrengungen einfach ein herber Rückschlag.

SPIEGEL ONLINE: Den bislang sieben Skipper hinnehmen mussten. Wie viele Boote erreichen denn bei dieser Vendée Globe das Ziel?

Herrmann: Es wird mit Sicherheit noch einige Ausfälle geben. Ein Zusammenstoß mit einem Wal oder einem großen Haifisch, ein Missgeschick, eine Verletzung des Skippers oder auch wieder technische Probleme - die Gefahren sind vielfältig. Die Vendée Globe ist nicht umsonst das härteste Rennen der Welt. Das macht den Reiz aus. Aber ich bin hoffnungsfroh, dass etwa die Hälfte der 20 gestarteten Skipper Les Sables d'Olonne wieder erreichen werden.

SPIEGEL ONLINE: Der Reiz schlägt sich auch in einer unglaublichen Geschwindigkeit nieder. Das Rennen ist schnell wie nie. François Gabart hat einen neuen Rekord aufgestellt, als er 545,30 Seemeilen in 24 Stunden gesegelt ist.

Herrmann: Dazu muss man wissen, dass man für solche Rekorde günstige Winde und flachen Seegang braucht. Diese Schiffe können immer sehr schnell segeln, müssen aber häufig wegen des Seegangs abbremsen. Denn wenn das Boot zu hoch springt, dann fällt es zu tief und wird dabei zu großen Lasten ausgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Rekord von Michel Desjoyeaux, der das Rennen in gut 84 Tagen hinter sich brachte, fallen?

Herrmann: Ja, ich denke schon. Die Boote sind schneller als je zuvor. Dazu treibt der enge Kampf in der Führungsgruppe die Skipper immer mehr an. Was gegen einen neuen Rekord spricht: Eisbrocken kommen den Booten schon wesentlich nördlicher entgegen als noch vor vier Jahren. Das hängt mit der Klimaerwärmung zusammen. Das Eis bricht früher ab und macht das Segeln schwieriger.

Das Interview führte Frederik Schäfer


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