Korruptionsaffäre Fifa-Experte rechnet mit Ermittlungen gegen Blatter

Es wird eng für Joseph Blatter: Laut dem Anti-Korruptionsexperten Mark Pieth muss die Schweizer Bundesanwaltschaft gegen den Fifa-Chef ermitteln. Hintergrund sind neue Enthüllungen zum Verkauf von TV-Rechten.

Fifa-Chef Blatter: Ihm drohen Ermittlungen wegen Veruntreuung
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Fifa-Chef Blatter: Ihm drohen Ermittlungen wegen Veruntreuung

Aus Zürich berichtet


Mark Pieth kennt sich bei der Fifa aus, von 2011 bis 2014 leitete der renommierte Strafrechtler ein Komitee zur Erneuerung des Fußballweltverbands. Nun hat sich der Anti-Korruptionsexperte für strafrechtliche Ermittlungen gegen den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter ausgesprochen. Die Schweizer Justiz müsse von Amts wegen gegen Blatter ermitteln, so Pieth.

Blatter hat als langjähriger Generalsekretär (1981 bis 1998) und Fifa-Präsident (seit 1998) wiederholt mit dafür gesorgt, dass der schwer korrupte ehemalige Vizepräsident Jack Warner (Trinidad und Tobago) für symbolische, nicht marktgerechte Preise mit dem Weiterverkauf von Fernsehrechten an zahlreichen Fußball-Weltmeisterschaften betraut wurde - den letzten Vertrag mit Warner hat Blatter im September 2005 unterschrieben.

"Veruntreuung oder ungetreue Geschäftsbesorgung, wie wir in der Schweiz sagen, ist ein Offizialdelikt", sagte Pieth SPIEGEL ONLINE. "Wenn jemand einfach nur Schaden produziert für sein Unternehmen, beträgt die Verjährungsfrist sieben Jahre. Wenn aber jemand effektiv in die Tasche eines Freundes wirtschaftet, springt die Verjährung auf 15 Jahre", so Pieth. "Schaut man sich die Geschäfte der Fifa mit Warner näher an, ließe sich leicht ein Dauerdelikt konstruieren."

Gemäß Artikel 158 des Schweizer Strafgesetzbuchs kann mit Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden, "wer in der Absicht, sich oder einen andern unrechtmäßig zu bereichern, die ihm durch das Gesetz, einen behördlichen Auftrag oder ein Rechtsgeschäft eingeräumte Ermächtigung, jemanden zu vertreten, missbraucht und dadurch den Vertretenen am Vermögen schädigt".

Geschädigte ist die Fifa, dem Verband entgingen Dutzende Millionen Dollar aus der WM-Vermarktung in der Karibik. Jack Warner makelte die WM-Rechte der Turniere 1998, 2002, 2006, 2010 und 2014 - er zahlte anfangs nur einen Dollar an die Fifa. Für die vergangenen beiden Turniere in Südafrika und Brasilien lief der Vertrag zunächst über die karibische Fußball-Union CFU, die 600.000 Dollar zahlen musste, ihren Verpflichtungen gemäß Fifa aber nicht nachkam. Die CFU hat die Rechte umgehend an Warner auf den Cayman Islands registrierte Firma J & D International (JDI) weiter veräußert.

JDI-Geschäftsführer war Warners Kumpel Jeffrey Webb, der Blatter im Wahlkampf 2002 geholfen hatte. Webb, bis Mai 2015 Fifa-Vizepräsident und potenzieller Blatter-Nachfolger, und Jack Warner drohen in den USA wegen Geldwäsche, Betrug und bandenmäßiger Verschwörung Haftstrafen von mehr als zehn Jahren. Die amerikanische Justiz verlangte bisher vergeblich Warners Auslieferung aus Trinidad. Warners Söhne haben mit dem FBI und der Steuerbehörde IRS kooperiert, um Gefängnisstrafen zu umgehen. Webb war am 27. Mai in Zürich verhaftet wurden, wurde im Juli in die USA überstellt, ist gegen Kaution von zehn Millionen Dollar frei und bereitet sich auf einen vorentscheidenden Termin beim Untersuchungsrichter in Brooklyn Anfang Oktober vor.

"Daran bestehen keine Zweifel"

Am vergangenen Freitag veröffentlichte das Schweizer Fernsehen (SRF) den von Blatter unterschriebenen Vertrag vom September 2005 über die TV-Rechte 2010 und 2014. Dieses Detail war neu. Die "Süddeutsche Zeitung" präsentierte am Montag ergänzend ein Schreiben des heutigen Fifa-Generalsekretärs und damaligen Marketing-Managers Jérôme Valcke an Jack Warner. Valcke schrieb demnach: "Das Geschäft ist nicht durch alle üblichen Gremien und Kommissionen gegangen. Daher bitte ich, es vorläufig nicht öffentlich zu machen."

Warner gab im Laufe der Jahre mehrfach zu Protokoll, dass Blatter ihm die Rechte als Dank für die Hilfe bei den Fifa-Präsidentenwahlen 1998 und 2002 zugeschanzt habe. Warner, damals Fifa-Vize und Präsident der karibischen Fußball-Union sowie des nordamerikanischen Kontinentalverbands Concacaf, hat bei Fifa-Kongressen stets die 35 Concacaf-Stimmen im Block garantiert. Blatter konnte zudem auf die zehn Stimmen aus Südamerika bauen, die dortigen Fußballbosse aus Brasilien (João Havelange, Ricardo Teixeira unter anderem), Paraguay (Nicolas Leóz) und anderen Nationen sind fast alle der Korruption überführt. Gegen einige von ihnen ermittelt die US-Justiz.

Derlei stille Deals gehören seit Jahrzehnten zum Geschäftsprinzip bei der Fifa und sind durch etliche andere Fälle belegt. Für Blatter, der am 26. Februar 2016 sein Amt an einen Nachfolger übergeben will, wird es nun kritisch. Bisher hatte sich die Schweizer Bundesanwaltschaft, die in einem großen Verfahren zum Fifa-Komplex und der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 ermittelt, mit einer Aussage bedeckt gehalten, ob sie bereits gegen Blatter ermittle.

Dies müsse sie von Amts wegen, sagen Pieth und andere prominente Schweizer Juristen: "Daran bestehen keine Zweifel."

Bundesanwalt Lauber wird sich am Montagnachmittag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Justizministerin Loretta Lynch dazu äußern. Pieth geht davon aus, dass die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft ausgeweitet werden. Dieses riesige Verfahren, das Vorgänge von zwei Jahrzehnten durchleuchte, brauche eine bessere personelle Ausstattung. Insgesamt rechnet Pieth mit einer Verfahrensdauer von vier bis fünf Jahren. Lynch sagte vorab: "Unsere Botschaft ist eindeutig: Niemand ist vor dem Gesetz immun."



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deichgraffe 14.09.2015
1. Nix gewusst
Für die WM-Übertragungsrechte haben ARD/ZDF 214 Mio. Euro an die FIFA gezhalt und werden natürlich auf Nix gewusst haben. Dazu sollten die Chefs öffentlich befragt werden!
j.vantast 14.09.2015
2. Völlig unmöglich
Herr Blatter hat doch immer behauptet ER sei sauber und es waren immer ANDERE. Im Ernst: Ich hoffe sie kriegen Blatter am Arsch.
Freidenker10 14.09.2015
3.
Blatter wird man wohl mit seinem Stuhl aus seinem Büro tragen müssen! Der geht nie freiwillig, da es sicher noch einiges zu vertuschen gilt! Aber am grundsätzlichen Problem von Fifa und IOC, dass die Turniere, bzw. Spiele nur noch in diktatorischen Ländern finanzierbar sind wird sich wohl nichts ändern! Ein Umdenken können nur Fans und Sponsoren herbeiführen!
derhey 14.09.2015
4. Seltsam
bedurfte es erst der öffentlichen Präsenz der Verträge, daß jemand erklärt, es handele sich bei der Vertragsvergabe um ein Offizialdelikt, so daß die Staatsanwaltschaft von Amts wegen ermitteln müsse. Mein Vertrauen, auch in die Schweizer Justiz, ist begrenzt. Dauer des Ermittlungsverfahren 4 bis 5 Jahre, wie alt ist Platter? Oder er geht zu seinem Freund Putin ins Exil, bei voller Pension.
clausbremen 14.09.2015
5. Es ist ...
... ja keineswegs so, dass die Gerechtigkeit am Ende immer siegt. Bei Blatter scheint es sich aber jetzt anzubahnen. Es genügt halt nicht, ihm nur in die Augen zu schauen, um zu sehen, dass er überheblich und korrupt ist, man muss es gerichtsfest machen können. Ich wünsche der Schweizer Justiz jedenfalls viel Erfolg und hoffe für später auf nachfolgende, deftige Schadenersatzklagen gegen "Mr. FIFA", damit Blatters Konten nicht mehr ganz so prall gefüllt sind, wenn er nach 5 Jahren wieder auf freien Fuß kommt.
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