Sexismus im Sport "Die Grenze zur Übergriffigkeit wird schnell überschritten"

Sport als Männerdomäne, Frauen als lediglich dekoratives Beiwerk - das ist nach Ansicht der Soziologin Ilse Hartmann-Tews immer noch tief verankert. Im Interview fordert sie ein grundlegendes Umdenken in der Sportwelt.

Formel 1 in Monaco: Im Sport werden Frauen immer noch zu schmückendem Beiwerk degradiert
AFP

Formel 1 in Monaco: Im Sport werden Frauen immer noch zu schmückendem Beiwerk degradiert


Zur Person
    Ilse Hartmann-Tews ist Professorin für Soziologie und Sportsoziologie an der Deutschen Sporthochschule Köln und Leiterin des Instituts für Soziologie und Genderforschung.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hartmann-Tews, Frauen und Sport, das scheint etwas anderes zu sein als Männer und Sport. Warum ist das so?

Hartmann-Tews: Zentraler Bezugspunkt für den Sport sind körperliche Leistung, körperliche Leistungsfähigkeit, besser sein, besser werden. All das ist auf den Körper bezogen, und vor diesem Hintergrund hat Sport schon immer als klassische Männerdomäne gegolten. Bei der Einführung der Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 waren Frauen explizit ausgeschlossen. Das hat sich zum Glück geändert. Auch weil das IOC vorgibt, dass jedes Land, das Sportler schickt, mindestens eine Frau im Team haben muss. Allerdings gibt es diese Regel erst seit 2012.

SPIEGEL ONLINE: Im Sport werden Frauen immer noch zu schmückendem Beiwerk degradiert, als Hostessen, als Küsschengeberinnen. Sendet man damit auch die Botschaft in die Welt, dass es okay ist, auch Sportlerinnen auf ihr Äußeres zu reduzieren?

Formel-1-Fahrer Fernando Alonso neben einem Hostessen-Spalier
DPA

Formel-1-Fahrer Fernando Alonso neben einem Hostessen-Spalier

Hartmann-Tews: Nicht nur das. Diese Haltung dominiert ja tatsächlich den Sport so weit, dass Spitzensportlerinnen ab und an gar nicht mehr in Bezug auf ihre sportliche Leistung wahrgenommen werden. Das entspricht auch dem Skript im Marketing: Bei der Vermarktung von Sportlerinnen steht häufig dort: Sex sells. Dabei ist das empirisch gar nicht haltbar.

SPIEGEL ONLINE: Nicht?

Hartmann-Tews: Es gibt Experimente, bei denen Probanden zwei leicht veränderte Bilder zu einer Sportveranstaltung gezeigt wurden: Das eine setzte auf körperliche Attraktivität von Sportlerinnen, das andere hob das Sportliche hervor, zeigte sie kraftvoll und erfolgreich. Das Ergebnis: Bei den Probanden überwog das Interesse am Sport und an der Leistung, das heißt, sie würden sich eher Karten für Spiele kaufen, bei denen die Frauen in sportlicher Aktion und auf Erfolgskurs gezeigt wurden. Aber das Denken der Marketingleute hängt eben noch alten Klischees nach. Und das klassische Bild sagt: Frauen und Leistungssport - das passt halt nicht so unmittelbar gut zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich sorgte die Werbung des Landkreises Schmalkalden-Meiningen beim Volleyballbundesligisten VfB Suhl für Aufregung: Der Schriftzug prachtregion.de verläuft auf der Hose quer über das Gesäß der Spielerinnen. Die Sportlerinnen selbst finden das okay, heißt es. Kann das ein Argument sein, mit körperlichen Reizen zu werben?

Hartmann-Tews: Die Spielerinnen beziehungsweise Sportlerinnen haben in erster Linie Interesse am Sport, daran, erfolgreich in ihrem Sport zu sein, und ordnen sich den Gegebenheiten und Rahmenbedingungen unter. Oft ist es schlicht nicht verantwortungsvoll, was da gemacht wird, weil es einer Sexualisierung von Sportlerinnen Vorschub leistet. Wenn man es dann in einen größeren Kontext stellt, dann ist die Grenze zur Übergriffigkeit auch ganz schnell überschritten. Wenn Frauen so als Objekt in Szene gesetzt werden, dann ist das auch so ein kleines Mosaiksteinchen in dem Thema geschlechtsbezogene Machtverhältnisse.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen die Verantwortlichen tun?

Hartmann-Tews: Vereine und Verbände müssen da als gesellschaftliche Vorbilder sehr kritisch hinschauen. Ich kann zum Beispiel Werbung doch mit Leichtigkeit woanders platzieren. Gerade bei den kleinen Vereinen ist auf dem Rücken sicherlich ganz viel Platz frei, oder am Ärmel. Macht man es auf das Gesäß, dann zieht man den Blick auf einen sexuell konnotierten Körperteil. Aber es sind ganz viele gesellschaftliche Akteure in der Verantwortung, auch die Medien.

Katarina Witt beim DFB-Pokal-Finale 2017
REUTERS

Katarina Witt beim DFB-Pokal-Finale 2017

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Hartmann-Tews: Unsere Untersuchungen zeigen, dass in der Tagespresse marginal wenig über den Sport von Frauen berichtet wird. Der Anteil liegt bei zehn bis zwölf Prozent. Bei großen Events sieht das zwar schon deutlich besser aus. Doch selbst wenn Frauen erfolgreich sind, dann wird über sie dennoch anders berichtet. Auch dann sind die abgedruckten Fotos kleiner, und die Sportlerinnen werden weitaus weniger in sportlicher Aktion abgebildet. Die sportliche Aktion selbst, das Spannende in der körperlichen Bewegung, das, was das olympische Credo "citius, altius, fortius - schneller, höher, stärker" repräsentiert - das wird bei Frauen seltener gezeigt. Medien perpetuieren dadurch die Sichtweise: Sport von Frauen ist weniger sportlich, weniger interessant, weniger relevant.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal scheint es, als hätten es einige Sportlerinnen bereits aufgegeben, auf ihre sportlichen Leistungen zu verweisen.

Hartmann-Tews: Es ist ja auch etwas mühsam, sich gegenüber dieser Kultur der Marginalisierung und teilweisen Sexualisierung, die über die Kommerzialisierung und die Vorstellungen der Manager und über die Verbandsleitung kommt, immer wieder aufs Neue behaupten zu müssen. Und was sendet dies für ein Signal an den Nachwuchs, der entweder deswegen aussteigt - oder sich ebenfalls anpasst.

SPIEGEL ONLINE: Also muss man schon früh in der Vereinsarbeit dagegen arbeiten?

Hartmann-Tews: Ja. Und das ist ein sehr, sehr langer Weg. Ein Beispiel: Noch 2016 wurde dem österreichischen Ski-Frauenteam ein Entwicklungskursus im Aussehen und Schminken gegeben.



insgesamt 52 Beiträge
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neonerl 09.01.2019
1. Tja, das ist schwierig
Zum einen, wenn Frauen sich sexualisiert darstellen wollen, warum daran hindern. Das ist auch eine Form der Emanzipation. Zum anderen finde ich die meisten Sportübertragungen von Frauensport eher langweilig. Frauenfußball sieht aus wie Männerfußball in Zeitlupe. Das gilt leider für sehr viele Frauensportarten. Einzige Ausnahme für mich ist Skifahren. Das liegt aber ehr daran, daß ich eher in der Frauenliga als in der Männerliga (leistungsmäßig) mitspiele. Sprich, ich kann das eher mit meinen Leistungen vergleichen. Vielleicht ist Frauensport deshalb eher etwas für Frauen. Aber die schauen halt grundsätzlich kaum Sport im Fernsehen.
dein_idol 09.01.2019
2.
Meiner Meinung nach müssten die Frauen nur ähnliche Leistung bringen und es wird geschaut. Z.B. Tennis, Biathlon oder Rodeln. Ich sehe da keinen Unterschied zwischen der Übertragungsdauer. Fußball, Handball oder Basketball sieht halt oft so aus wie bei einem Landesligesten. Das überträgt sich keiner im Fernsehen. Gäbe es eine weibliche Ronaldo wäre sie wohl ähnlich erfolgreich. Und auch er wäre weniger bekannt würde er eher hässlich sein. Die Hostessen nutzen den Sport ja auch als Sprungbrett für eine Modellkarriere, was man ja komischerweise als Beruf auch nicht verachtet. Und diese, von Frauen dominierte, Branche setzt sehr stark auf Äußerlichkeiten. Da müssen sich die Damen schon irgendwie zeigen, nicht im Pelzmantel. Also liebe Damen. Wenn die Gesellschaft so sexistisch ist nutzt die Gelegenheit. Wenn die Männer tollen Sport sehen wollen UND hübsche Frauen einfach qualitativ gleichwertigen Sport betreiben und alle werden Frauen-Sport gucken. Und Männerhostessen laufen da rum.
jean-baptiste-perrier 09.01.2019
3. Naiver Ansatz!
Dass auch Spitzensportler unabhängig vom Geschlecht zuerst an der eigenen sportlichen Leistung interessiert sind, ist eine Sache. Hochleistungssport in einer kapitalistischen Weltordnung ist jedoch vor allem Entertainment. Es geht darum möglichst große Aufmerksamkeit zu erzielen. Und weibliche Reize funktionieren in dieser Logik eben berechenbarer als die reine sportliche Spitzenleistung. Frauen nutzen diese besondere Aufmerksamkeit doch auch vollkommen bewußt, um sich dadurch Vorteile gegenüber weniger attraktiven Frauen oder Männern zu verschaffen. Wer betreibt die Sexualisierung? Männer? Oder sind es doch eher viele Frauen selbst (unbewußt)? Zum Beispiel benutzen bestimmt 90 Prozent aller Frauen Lippenstift. Wissen diese Frauen was sie damit konkret signalisieren? Wohl eher nicht. Praktisch symbolisieren rot-geschminkte Lippen eine verschlüsselte Botschaft. Rot bedeutet stark durchblutet. Die roten Lippen des Mundes stehen stellvertretend für einen anderen primär-sexuellen Körperteil der Frau. Man kann versuchen, dies als schmutzige männliche Fantasie abzutun. Doch der Mensch ist doch letztlich näher am Tierreich als wir uns gemeinhin eingestehen.
weroc 09.01.2019
4. Experimente
Wie groß ist die Stichprobe bei diesen Experimenten gewesen? Wie waren die Geschlechter dabei verteilt? Und wie genau sehen die Daten dazu aus? Schön, dass es Experimente dazu gibt, aber ohne die Rahmenbedingungen ist diese Aussage wertlos.
einervondenen 09.01.2019
5. einervondenen
Hier werden einige Dinge verknüpft, die genau so eigentlich nicht zusammen vorkommen. Die lästige Damendeko ist eher da, wo Kameras laufen, also mit Sport Geld gemacht wird - das sind aber aussterbende Dinosaurier. Extremes Beispiel ist sicher die Formel 1. Der Vereinssport am Ort oder im Viertel ist dagegen meist durchaus vorbildlich organisiert und dort finden sich die meisten Aktiven, ohne Marketing. Die dritte Frage ist die Leistungsdiskussion. Da, wo es um die Besten geht, wird es um Trennung in Klassen gehen, um diese einzeln bewerten zu können.
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