Doping in der Bundesrepublik Die Cocktail-Party des Westens

Auch im Westen wurde nach Kräften gedopt - das ist grundsätzlich bekannt. Aber jetzt werden nach und nach Namen bekannt. Und auch über die Skandalmethoden der Uni Freiburg kommen neue Details ans Tageslicht.

Doping war auch in der Bundesrepublik ein großes Thema
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Doping war auch in der Bundesrepublik ein großes Thema

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Simon Krivec leitet in Krefeld die Brunnen- und die Mühlen-Apotheke, aber in diesen Tagen muss er auch andere Fragen als nach Hustensaft und Kopfschmerztabletten beantworten. Es geht um Doping, um Anabolika, um illegale Muskelpräparate. Krivec hat mit einer Dissertation das Thema Doping in der Leichtathletik in der alten Bundesrepublik wieder angefacht.

"Über die Anwendung von anabolen androgenen Steroiden in der Bundesrepublik Deutschland von 1960 bis 1988 unter besonderer Berücksichtigung der Leichtathletik" lautet der wissenschaftlich sperrige Titel der Doktorarbeit an der Universität Hamburg. Krivec hat dafür die Note "sehr gut" erhalten, und die Note "sehr brisant" bekommt er jetzt noch dazu. Dadurch, dass einige der von Krivec befragten Leichtathleten erlaubt haben, dass er ihre Namen öffentlich machen darf, verlässt das Thema den Boden der Spekulationen.

Dass im Westen auch gedopt wurde, ist zwar seit Längerem bekannt. Allein die Vorgänge an der Uni Freiburg um die berüchtigten Sportmediziner Armin Klümper und Joseph Keul mit dem Tiefpunkt des Todes der Siebenkämpferin Birgit Dressel 1987 haben schon in den Vorjahren klar gemacht, dass der Westen im Wettlauf der Systeme im Kalten Krieg nicht zimperlich war. "Krivec hat wissenschaftlich exakt beweisen, was alle wussten, beziehungsweise zu wissen glaubten", schreibt der frühere Kugelstoßer Gerhard Steines in seinem Blog "Anstoss-gw".

Kugelstoßer und Diskuswerfer melden sich zu Wort

Steines hat in den Siebzigerjahren Kugelstoßen betrieben, und es waren vor allem die Kraftsportler, mit und bei denen mit Anabolika offenbar ungehemmt gearbeitet wurde. Nicht umsonst gehören die früheren Diskuswerfer Alwin Wagner und Klaus-Peter Hennig zu denen, die jetzt den Umgang mit illegalen Mitteln der Leistungssteigerung publik gemacht haben. Weitere Namen werden wohl fallen, wenn Krivec seine Doktorarbeit am Montag öffentlich präsentiert.

Dopingopfer Birgit Dressel
Bongarts/Getty Images

Dopingopfer Birgit Dressel

Den Apotheker hat das Thema schon seit Langem umgetrieben. Sein Vater Günther Krivec war aktiver Leichtathlet in den Sechzigerjahren, Deutscher Meister im Dreisprung. Er selbst beteuert, er habe nie gedopt, wie er der Funke Mediengruppe sagte. Aber "wir haben natürlich damals schon mitbekommen, dass da etwas mit Doping lief".

2013 bereits hatte die Berliner Humboldt-Universität mit einer Studie, die damals viel Aufsehen erregt hat, das Westdoping untersucht. Bekannt ist zum Beispiel die sogenannte Kolbe-Spritze, gefüllt mit einem Medikamentencocktail, der 1976 den damaligen Weltklasseruderer Peter-Michael Kolbe zum Olympiasieg von Montréal verhelfen sollte. Damals war deren Anwendung noch legal und galt nicht als Doping. Die Wirkung der Spritze verkehrte sich allerdings ohnehin ins Gegenteil - Kolbe brach auf den letzten Metern der Strecke regelrecht zusammen und verlor das sichere Gold.

"Weil die Sonneneinstrahlung so gut war?"

Wie sehr Doping in der Leichtathletik der Siebzigerjahre verbreitet war, das macht auch ein Interview deutlich, das der frühere Kugelstoß-Trainer Hansjörg Kofink am Mittwoch der "Süddeutschen Zeitung" gab. Kofink gab seinen Job 1972 entnervt auf, weil seine Athleten ungedopt keine Chance hatten, den Abstand zur Weltspitze aufzuholen. Während die Konkurrenz aus Osteuropa riesige Leistungssprünge innerhalb kürzester Zeit hinbekam, blieben die Athleten, die damals auf sauberen Sport setzten, hoffnungslos zurück. "Es kann doch nicht sein, dass fast alle Wurfweltrekorde der Frauen aus den Achtzigerjahren aus einem ganz bestimmten Teil von Europa stammen. Weil die Sonneneinstrahlung dort so gut war?"

Kofink macht aber auch dem Deutschen Leichtathletik-Verband DLV schwere Vorwürfe. Der DLV haben über viele Jahre die Augen vor Doping verschlossen und auch nach der Wende noch belastete Trainer aus der DDR durchgewunken. "Es lag vieles auf dem Tisch. Aber es wurde kaum aufgearbeitet. Es hat auch in der Politik nur der Erfolg gezählt."

Sportmediziner Armin Klümper
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Sportmediziner Armin Klümper

Auch in die skandalösen Praktiken der Sportmedizin der Uni Freiburg kommt jetzt mehr Licht. Zwar gab es um die Veröffentlichung des Gutachtens der Universität monatelangen, teilweise kleinlichen und unwürdigen Streit zwischen einzelnen Mitgliedern der Kommission, aber jetzt wird endlich wieder mehr über die Inhalte als über die Methoden der Gutachter geredet. Der Deutschen Presse-Agentur liegt das Gutachten der Anti-Doping-Experten Andreas Singler und Gerhard Treutlein zum damaligen Chefmediziner Armin Klümper vor. Demnach habe der Herr Professor in einer Weise gedopt, "die weit über das bekannte Maß hinausgeht". In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren Spitzenathleten in Scharen nach Freiburg gepilgert, um sich dort den berühmten Klümper-Cocktail abzuholen.

"Klümper rezeptierte und verabreichte Dopingmittel augenscheinlich im großen Stil über Jahrzehnte hinweg", so Singler und Treutlein. Ein System, das "ohne politische Unterstützung und ohne ein breites institutionelles Stillhalten, etwa von Strafverfolgungsbehörden" nicht hätte aufgebaut werden können. Ein Vorwurf, der nicht nur an die Adresse der damaligen Sportverbände geht, sondern auch an die ehemalige CDU-Landesregierung von Baden-Württemberg. Unter den Ministerpräsidenten Hans Filbinger und Lothar Spät und dessen Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder genoss Klümper ganz offenbar umfassenden Schutz.

Dass der Sportmediziner nie belangt wurde, überrascht unter diesen Umständen auch nicht mehr. Klümper, mittlerweile 81-jährig, lebt seit Jahren in Südafrika. Und wird dort in der Sonne die Cocktails genießen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
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rainerb 29.03.2017
1. Und nun?
Werden jetzt gegen uns auch Sanktionen verhängt? Werden wir von Veranstaltungen ausgeschlossen? Ach ja, nein. Bei uns ist ja das Gute und das Böse ist alles in Russland. Ich schäme mich für unsere Überheblichkeit gegenüber Russland.
laermgegner 29.03.2017
2. Keine Überraschung
Die Systeme haben immer wettgeeifert und eine Arzt hat mir immer gesagt, ohne Medizin ist kein Spitzensport möglich. Mit dem Beitrag ist also wieder ein wenig Glanz der Super BRD hin- und ich stelle mir die Frage, wo überall noch betrogen wurde. Schlechtachten gibt es ja bekanntlich nicht - also können sämtliche Gutachten angezweifelt werden - die z.B. der Lärmforschung, dass Fluglärm unschädlich ist.
Zukunft3.0 29.03.2017
3. Aufarbeitung längst überfällig
In der Vergangenheit wurde ja immer suggeriert, dass der Westen mit Doping nichts am Hut hatte. Wurden die Erfolge der ostdeutschen Sportler dann oft mit Doping in Verbindung gebracht und so relativiert. Jetzt kommt die Wahrheit ans Licht u. zeigt, dass im Westen auch nicht alles sauber war. Wäre auch ein Wunder. Was der Osten kann, kann der Westen schon lange. Machen wir uns nichts vor. Manche Erfolge sind einfach ohne Doping nicht möglich.
meisteryupa 29.03.2017
4. Und heute?
Die Dopinggeschichte der DDR wurde aufgearbeitet, die der BRD nicht. Ich denke, man kann daher davon ausgehen, dass in diesem unserem Lande immer noch fleissig gedopt wird. Zumal "Doping-Staaten" seltsamerweise nicht die Medallienspiegel anfuehren.
mittelstadtuwe 29.03.2017
5. So - und nun.......?
Es sollten alle Sportler der BRD (und überhaupt aus den Westländern) Ihre Gold - Silber und Bronze Umhänger aberkannt werden - des weiteren sollten sich alle Sportler - die DDR Sportler bzw. Sportlern aus den ehemaligen Ostblockländern Doping vorgeworfen haben und selbst Gedopt haben Entschuldigen und Schämen - es sollten alle Sportler die seit Anfang der 1990 er bis Heute Gedopt haben und den Russen Doping vorwerfen - in Grund und Boden Schämen - Schande über euch Ihr VERLOGENEN Heuchler und zum Schluss - an alle Dopingexperten - nicht nur bei den Russen suchen - sondern im eigenen Lager bzw. Land - einer ganz besonders ...........
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