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Skandal-Boxer Chisora und Haye: Karriere kaputtgeprügelt

Von Tim Röhn, München

Erst schafften Dereck Chisora und David Haye es nicht, die Klitschkos zu schlagen. Dann lieferten sich die Boxer eine wüste Prügelei. Die Konsequenzen könnten vor allem für Chisora drastisch sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, und es droht eine lebenslange Sperre.

Dereck Chisora hatte sich eine Sonnenbrille aufgesetzt und die Kapuze seiner Winterjacke weit über den Kopf gezogen, als er am Sonntagabend am Münchner Flughafen auf den Check-In wartete. Der 28 Jahre alte Brite versuchte sich so gut es geht von seiner Umwelt abzuschotten. Er hatte es eilig, zurück nach London zu kommen.

Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass der skandalumwitterte Profi-Boxer so schnell nicht nach Deutschland zurückkehren wird. Nach der Schlägerei mit Ex-Weltmeister David Haye im Anschluss an seinen verlorenen WM-Kampf gegen Vitali Klitschko drohen Chisora ernsthafte Konsequenzen.

In Deutschland sind diese strafrechtlicher Natur. Chisora und sein Trainer Don Charles waren am Sonntagvormittag am Münchner Flughafen festgenommen und verhört worden. Weil sie einen Zustellungsbevollmächtigten in Deutschland angeben konnten, wurden sie am späten Nachmittag freigelassen. Kontrahent Haye war schon im Morgengrauen nach Manchester geflogen und entging so dem Zugriff der Polizei.

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Boxen: Klitschkos Sieg und die Prügelei nach dem Kampf
"Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile die Ermittlungen aufgenommen", sagte eine Polizeisprecherin am Montag SPIEGEL ONLINE. Bei Chisora geht es um einfache Körperverletzung, Verdacht auf gefährliche Körperverletzung und Bedrohung. Er hatte sich nicht nur mit seinem britischen Landsmann Haye geprügelt, sondern auch noch gedroht, diesen umzubringen. Je nachdem, wie die Ermittlungen verlaufen, droht Chisora bei einer erneuten Einreise nach Deutschland wiederum eine Festnahme. Sein Trainer Charles und Haye werden der einfachen Körperverletzung verdächtigt.

Drastisch könnten zudem die Auswirkungen für Chisoras sportliche Zukunft sein. Denn in der Heimat der beiden Athleten ist die Empörung groß. "Wir haben fast jedes Wochenende Boxer in anderen Ländern - und 99 Prozent von ihnen benehmen sich. In München war das leider anders", sagte Robert Smith, Generalsekretär des British Boxing Board (BBB). Lebenslange Sperren seien eine Möglichkeit. "Wir können Strafen aussprechen, wir können sperren, und wir können die Lizenz einziehen", so Smith im Gespräch mit BBC Radio. Und so mehren sich die Spekulationen, wonach der britische Verband plant, Chisora die Boxlizenz zu entziehen.

Haye droht dieses Schicksal nicht. Er hatte seine Zulassung bereits zurückgegeben, nachdem er im Juli 2011 gegen Wladimir Klitschko verloren und sein Karriereende verkündet hatte. Der britische Verband könnte ihm aber eine neue Lizenz verweigern, sollte der 31-Jährige sich zu einem Comeback entschließen. In jedem Fall werden die Untersuchungen fortgesetzt.

"Ich werde mit dem Verbandspräsidenten sprechen und mit der deutschen Polizei, um die Situation einzuschätzen und angemessen zu handeln. Aber es wird sicher eine Anhörung und ein Disziplinarverfahren zur Folge haben - mit Sicherheit für Chisora", sagte Smith.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Der Fall gibt Rätsel auf. Denn auf den ersten Blick gibt es vor allem für Haye, mittlerweile Box-Experte im TV, eigentlich keinen Grund, sich mit einem solch geschmacklosen Auftritt ins Rampenlicht zu rücken. Auch Chisora hätte nach einem mutigen Auftritt und einer knappen Niederlage nach Punkten gegen Vitali Klitschko mit stolzgeschwellter Brust abreisen können.

Das Problem aber ist: Die Klitschkos besitzen alle WM-Gürtel und werden diese wohl auch noch einige Zeit verteidigen können. Die Dominanz der Brüder sorgt für Langeweile im Schwergewicht, die anderen Boxer sehnen sich nach Aufmerksamkeit. Leute wie Haye und Chisora versuchen mit ihren Verhaltensauffälligkeiten dagegen zu halten.

Chisora hatte Vitali Klitschko bereits beim Wiegen eine Ohrfeige verpasst und erklärt, er habe dies seiner Mutter versprochen. Er spuckte Wladimir Klitschko vor dem Kampf Wasser ins Gesicht. Haye posierte einst mit einem T-Shirt, auf dem die abgerissenen Köpfe der Klitschko-Brüder abgebildet waren. Die Sprüche im Vorfeld seiner Kämpfe waren an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten.

Die gewünschte Aufmerksamkeit ist ihnen durch solche Aktionen sicher. Weil sie aber sportlich nicht dazu in der Lage waren, die Klitschkos zu schlagen - man darf nicht vergessen, dass Vitali gegen Chisora acht Runden verletzt boxte -, wird aus Beachtung schnell Verachtung.

Die gerechte Strafe für Chisora sähe so aus: Die Klitschkos boxen nicht mehr gegen ihn, dem Briten würde die Bühne entzogen. Aber die Frage ist: Gegen wen sollen die Klitschkos denn dann boxen? Große Gegner gibt es weit und breit nicht. "Chisora ist echt krank. Ein Rückkampf ist im Moment kein Thema", sagte Klitschko-Manager Bernd Bönte zu SPIEGEL ONLINE und fügte an: "Im Boxen weiß man aber nie, was kommt."

Mit Material von dpa und sid

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1. Wenn...
DerNachfrager 20.02.2012
...der britische Boxverband seine auf dem Papier bestehende Aufgabe "Pflege des Sports" wirklich ernst nimmt, muss der Typ gesperrt werden. Lebenslang.
2.
unterländer 20.02.2012
Zitat von sysopAPErst schafften Dereck Chisora und David Haye es nicht, die Klitschkos zu schlagen. Dann lieferten sich die Boxer eine wüste Prügelei. Die Konsequenzen könnten vor allem für Chisora drastisch sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, und es droht eine lebenslange Sperre. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,816417,00.html
Verstehe ich nicht. Mit einer Zustellungsbevollmächtigung begnügt man sich i.d.R. doch nur bei mittellosen Ausländern, die keine Haftstrafe ohne Bewährung zu erwarten haben. Herr Chisora dürfte m.E. jedoch nicht mittellos sein, warum wurde dann keine Sicherheitsleistung erhoben?
3. ?
m.p.h 20.02.2012
Zitat von unterländerVerstehe ich nicht. Mit einer Zustellungsbevollmächtigung begnügt man sich i.d.R. doch nur bei mittellosen Ausländern, die keine Haftstrafe ohne Bewährung zu erwarten haben. Herr Chisora dürfte m.E. jedoch nicht mittellos sein, warum wurde dann keine Sicherheitsleistung erhoben?
Ich verstehe die ganze Aufregeung hier nicht: die Herren haben doch nur das weitergemacht, wofür sie vorher bezahlt worden sind. Dieser gesamte "Sport" gehört m.E. aus dem Fersehen - zumindest dem öffentlich rechtlichen - verbannt.
4.
ralf-weinert 20.02.2012
Zitat von m.p.hIch verstehe die ganze Aufregeung hier nicht: die Herren haben doch nur das weitergemacht, wofür sie vorher bezahlt worden sind. Dieser gesamte "Sport" gehört m.E. aus dem Fersehen - zumindest dem öffentlich rechtlichen - verbannt.
Boxen (Faustkampf) ist einer der ältesten Sportarten der Welt. Er dient zudem zu Unterhaltung und zur körperlichen ertüchtigung vieler Menschen auf der Welt. Die Übertragung auf RTL hebt das Niveau dieses Senders um 100%. Zudem Boxen auch sehr intelligente Menschen, z.B. die Doktoren Klitschko oder der Bürgerrechtler Muhammad Ali.
5. Jammerlappen
food4thought 20.02.2012
Zitat von DerNachfrager...der britische Boxverband seine auf dem Papier bestehende Aufgabe "Pflege des Sports" wirklich ernst nimmt, muss der Typ gesperrt werden. Lebenslang.
Wo sind wir denn hier, bei Ringelpietz mit Streicheleinheiten? Alle Welt echauffiert sich über eine Schlägerei ausserhalb des Ringes, wenn im Ring nichts anderes geschieht. Lebenslange Sprerre, mein Gott wasein Schmarrn!! Eine Geldstrafe ist mehr als genug und dann sollen sich die Klitschko Brüder endlich Haye und Chisora stellen. Das ewige Rumlavieren von ihrem Manager ist doch lächerlich, ihnen geht das Muffensausen, deshalb will keiner gegen Haye und Chisora noch einmal Kämpfen. Sie sind heil froh die erste Begegnung überstanden zu haben. Vitali war doch so was aus der Puste, es war ja schon fast peinlich. Chisora dagegen hat ganz ruhig weitergeatmet. Ob er den Kampf wirklich verloren hat, nun da kann man sich streiten, für mich war er klar der bessere Fighter. Eine Revanche ist Ehrensache, und zwar für Chisora und Haye. Bei Tyson hat auch keiner rumgejammert.
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Box-Eklat: Watschen für Vitali
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Klitschko-Kämpfe: Kein Gegner, nirgends

Box-Glossar
Beim Boxen ist die Stellung der Kämpfer ausschlaggebend, dazu kommen in der Regel drei verschiedene Schlag-Varianten zum Einsatz. Diese werden untereinander beliebig zu sogenannten Schlag-Kombinationen zusammengefügt. Ebenfalls ein probates Mittel ist das Klammern, um sich aus ungünstigen Situationen zu befreien.

  • Auslage: Unter der Auslage eines Boxers versteht man die Stellung und Richtung zum Gegner. Die Kämpfer stehen dabei einander nicht frontal, sondern versetzt gegenüber, wobei diejenige Hand, die dem Gegner näher ist, als Führhand, die hinten liegende Hand als Schlaghand bezeichnet wird. Da die meisten Menschen Rechtshänder sind, gilt die Linksauslage als normal und wird meistens Normalauslage genannt. Bei ihnen stehen linkes Bein und linke Hand näher zum Gegner - in der Rechtsauslage entsprechend andersherum.

    Jab: Eine abrupt geschlagene Gerade mit der Führhand. Der Schlag hat zumeist den Kopf zum Ziel. Der Jab zählt dabei nicht zu den stärksten Schlägen, nur selten geht ein Boxer nach einem einzelnen Jab zu Boden.

    Cross: Eine Gerade, die mit der Schlaghand geschlagen wird. Die Schlaghand wird vom Kinn auf einer geraden Linie ins Ziel geführt. Die Führhand wird dabei zurückgenommen, um das Kinn zu schützen. Der Cross ist ein sogenannter Powerpunch.

Haken: Ein Schlag, bei dem zwischen Kopf- und Körperhaken unterschieden wird. Zum Einsatz kommt der Haken beim Boxen in der Halbdistanz. Der Schlag eignet sich vor allem als K.o.-Schlag, da er zumeist von der Seite kommt und so durch die Deckung des Gegners geht.

Klammern: Eine taktische Maßnahme, um sich eine Pause zu verschaffen oder sich aus einer ungünstigen Position zum Gegner zu befreien. Der Ringrichter muss die Kontrahenten aus der Klammerung trennen, so dass eine neue Kampf-Situation entsteht. Klammern stellt einen Regelverstoß dar, der aber aufgrund der Häufigkeit oft geduldet wird. Ab einem gewissen Grad wird das Vergehen jedoch mit Verwarnungen und damit mit Punktabzügen bestraft.
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Vitali-Kämpfe: Acht Gegner, kein Herausforderer


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