Ski Alpin Trainerchaos bei den Skidamen

Trainer, die mitten in der Saison hinschmeißen, kennt man in Deutschland eigentlich nur im Fußball. Obwohl bei der DSV-Damen derzeit ein Aufwärtstrend festzustellen ist, warf der deutsche Techniktrainer Grassl frustriert das Handtuch.


Martina Ertl:"Schwer, abzuhalten und gut zu schlafen"
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Martina Ertl:"Schwer, abzuhalten und gut zu schlafen"

Cortina d'Ampezzo - Das einstige Aushängeschild des deutschen Wintersports, das alpine Ski-Team der Frauen, stürzt immer mehr ins Chaos. Beim Weltcup-Wochenende im italienischen Cortina d'Ampezzo eskalierte die Situation. Technik-Trainer Wolfgang Grassl reiste am späten Samstagabend frustriert und verbittert ab, weil ihm wegen der großen Differenzen mit den Läuferinnen die Verantwortung für die Technik-Disziplinen zum Saisonende entzogen worden war. "Er hat erkannt, dass es auf Grund der Schwierigkeiten keinen Sinn mehr macht", meinte Alpin-Chef Walter Vogel, der gemeinsam mit Cheftrainer Wolfgang Maier der Bitte von Grassl entsprach, die Trennung vom Weltcup-Kader schon jetzt zu vollziehen.

"Ich will ihn nicht öffentlich zur Schlachtbank führen", begründete Cheftrainer Wolfgang Maier die Demission von Grassl, die nicht zuletzt durch starken äußerlichen Druck zu Stande kam. Der Coach soll künftig für den Perspektiv-Kader zuständig sein. Als erschwerend für Grassl kam seine private Beziehung zur derzeit verletzten Slalom-Olympiasiegerin Hilde Gerg hinzu, deren Auswirkungen von allen unterschätzt worden war. "Das Maß war voll", bekannte Grassl, "wenn die Rückendeckung durch die Leute fehlt, muss man Schlüsse ziehen." Seine Aufgaben übernehmen kommissarisch Maier und Abfahrts-Trainer Stephan Kurz.

Sport fand in Cortina auch statt, wenn auch die erfolgreichen Zeiten mit einer Katja Seizinger längst nur noch Erinnerung sind. Regina Häusl aus Schneizelreuth war als Siebte in der Abfahrt die stärkste Deutsche. Das Rennen gewann die Französin Regine Cavagnoud als Titelverteidigerin vor der Österreicherin Tanja Schneider und der Slowenin Mojca Suhadolc. 24 Stunden später stand beim Riesenslalom die 23-jährige Anna Ottosson aus Schweden vor dem zeitgleichen Duo Allison Forsyth (Kanada) und Birgit Heeb (Liechtenstein) erstmals in ihrer Karriere ganz oben auf dem Podest.

Martina Ertl (Lenggries) musste mit Platz 17 (Abfahrt) und neun (Riesenslalom) direkt vor der Zehnten Petra Haltmayr (Rettenberg) zufrieden sein. "Alles dreht sich nur um die Trainer. Da ist es schwer, abzuschalten und gut zu schlafen", sagte die Oberbayerin Ertl, die sich als auslösendes Moment der Diskussionen sieht.

Über Weihnachten und Neujahr hatte Ertl mit dem Tiroler Toni Trenkwalder ein Sondertraining absolviert, um einen Weg aus ihrer Krise zu finden. Der Österreicher wurde von der deutschen Teamleitung auf Wunsch von Ertl nur zähneknirschend akzeptiert, aber nicht ins Team integriert. Laut Vogel hat die Zusammenarbeit keine Zukunft. Am Samstag wurde der Tiroler Trainer dann doch präsentieren, um den ausufernden Spekulationen nicht noch mehr Raum zu bieten. Maier ist verärgert, weil aus dem Tiroler nun ein Wunderheiler gemacht werde.

Es offenbarten sich am Samstag mehr Risse, als den Beteiligten lieb sein konnte. Trenkwalder muss die Verantwortlichen des Deutschen Ski-Verband (DSV) mit einer Forderung nach Entlassung von Grassl überrascht haben, womit er letztlich sogar Erfolg hatte. Jetzt meinte Trenkwalder zwar, "er sei nicht in der Position, um Forderungen zu stellen". Aber Vogel räumte ein, dass es ein intensives Gespräch gegeben habe, in dem es auch zu Anschuldigungen gekommen sei.

In der hitzigen Debatte steht die Position von Maier noch nicht zur Disposition. Vogel hatte noch einmal klargestellt, dass es erst im März nach dem Saisonfinale von Bormio zu Personalentscheidungen kommt, betonte aber gleichzeitig, dass "wir mit Cheftrainer Wolfgang Maier in die nächste Saison gehen". Fakt ist: Maier zeigte sich alles andere als souverän, reagierte nervös und gereizt auf angebliche Spekulationen, die sich im Nachhinein als mehr als zutreffend erweisen. Keine besten Voraussetzungen, um die angeschlagene deutsche Mannschaft, die immer noch auf ihren ersten Saisonsieg wartet, wieder auf Kurs zu bringen.



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