Skirennfahrer Albrecht "Beim Skilaufen spüre ich, dass ich noch lebe"

Vor etwa einem Jahr stürzte Daniel Albrecht auf der berüchtigten Kitzbühler "Streif" schwer. Er erlitt Kopfverletzungen und lag im Koma. Nun spricht er im SPIEGEL über Gedächtnislücken nach dem Unfall, die Rückkehr auf die Skier und den Comebackversuch als Therapie.

Skirennfahrer Albrecht: "Ich will nicht aufgeben"
AP

Skirennfahrer Albrecht: "Ich will nicht aufgeben"


Der im vergangenen Winter schwer verunglückte Skirennläufer Daniel Albrecht arbeitet trotz Zweifeln ehrgeizig an seiner Rückkehr in den Weltcup. "Ich bin mir doch selbst nicht sicher, ob das mit dem Comeback nur eine Illusion ist", sagt der 26-jährige Schweizer in einem Gespräch mit dem SPIEGEL. "Ich suche Halt. Was hätte ich ohne ein Ziel gemacht? Ich will nicht aufgeben."

Albrecht, 2007 Weltmeister in der Super-Kombination, war der Jungstar der alpinen Mannschaft der Schweiz. Doch am 22. Januar 2009 stürzte er beim Weltcup-Training in Kitzbühel bei einer Geschwindigkeit von 138 Kilometer in der Stunde schwer, zog sich unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma zu und lag drei Wochen lang im künstlichen Koma. Als er daraus aufwachte, waren Teile seines Gedächtnisses blockiert. Unter den Folgen des Unfalls leidet er weiterhin. "Ich habe zum Beispiel Tiernamen komplett vergessen. Es kommt vor, dass ich auf einem Bild ein Tier sehe. Ich weiß dann, dass es in Afrika lebt. Aber die Bezeichnung Elefant fällt mir nicht ein." Auch Eltern und Freundin erkannte er zunächst nicht, seine Gefühlswahrnehmung war beeinträchtigt. "Meine Eltern waren täglich in meiner Nähe. Ihre Anwesenheit tat mir gut, aber so etwas wie Liebe habe ich nicht empfinden können", sagt Albrecht.

Ende April war Albrecht aus dem Krankenhaus entlassen worden, bereits eine Woche später stand er wieder auf Skiern. "Ich schnallte sie an und fuhr los, ohne zu wissen, ob ich es noch kann." Er habe schnell gemerkt, dass der Schritt zurück auf die Piste richtig ist. "Auch wenn ich mich an vieles Vergangene vielleicht nie mehr zurückerinnern werde, beim Skilaufen spüre ich, dass ich noch lebe."

"Vielleicht ist es den Veranstaltern egal, ob jemand stürzt"

Entsprechend wichtig sei der Comebackversuch: "Ich sehe es als meine persönliche Therapie auf dem Weg zurück zu mir selbst." Doch der Rückkehr in den Wettkampfsport stehen noch Hürden entgegen. "Es fällt mir schwer, Geschwindigkeit und persönliche Grenzen richtig einzuschätzen. Es gibt Situationen, in denen könnte ich schwören, am Limit zu fahren. Im Ziel stellt sich dann heraus, dass die Zeit miserabel war", sagt Albrecht.

In der noch jungen Saison sind wieder einige Skirennfahrer schwer gestürzt und haben sich dabei erheblich verletzt. "Vielleicht ist es den Veranstaltern egal, ob jemand stürzt", kritisiert Albrecht. "Vielleicht ist es für sie sogar ein kleiner Vorteil, weil jeder Sturz die Show nur noch größer macht."



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.