Snooker-Weltmeister Williams Der nackte Ehrgeiz

In seiner Heimat Wales ist Mark Williams jetzt ein Held: Mit 43 ist er noch einmal Snooker-Weltmeister geworden - nachdem er im Jahr zuvor schon aufhören wollte. Sein Auftritt vor der Presse nach dem Sieg war... ungewöhnlich.

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Das Crucible Theatre ist eine Institution in Sheffield. Zuletzt wurde hier die The-Who-Rockoper "Tommy" aufgeführt, demnächst steht "Einer flog übers Kuckucksnest" auf dem Spielplan. Zwei Stücke, in denen es vor schrägen Typen wimmelt.

Das Crucible ist allerdings auch jährlicher Austragungsort der Snooker-WM, das Theater ist so eine Art Kathedrale dieses Sports. Auch Snooker ist eine besondere Art der Inszenierung, ungewöhnliche Typen gibt es in dem Sport auch zur Genüge. Insofern passt der Nacktauftritt des neuen Weltmeisters Mark Williams in der Pressekonferenz ganz gut in die Umgebung.

Nur mit einem Handtuch um die Hüfte bekleidet setzte der 43-Jährige ein Versprechen um: Wenn er noch einmal Champion würde, dann trete er nackt auf, sagte er. Wettschulden sind Ehrenschulden, und beim Gentlemansport Snooker gilt das umso mehr.

Dass er diese Wette tatsächlich einlösen musste, dafür hatte allerdings vor einem einem Jahr noch nichts gesprochen. Williams' Karriere schien zu Ende, für die WM 2017 konnte er sich nicht einmal qualifizieren. "Vor einem Jahr habe ich mir die WM im Fernsehen in einem Wohnwagen angeguckt und Bier dabei getrunken", sagt er.

Mark Williams im Finale der Snooker-WM
DPA

Mark Williams im Finale der Snooker-WM

Zwölf Monate später streicht er die fast halbe Million Euro Preisgeld für den Gesamtsieg ein, wieder eine dieser Geschichten in einem Sport, in dem es nicht ungewöhnlich ist, dass die Karrieren einen merkwürdigen Verlauf nehmen. Williams' schottischer Finalgegner John Higgins zum Beispiel war 2010 beschuldigt worden, Partien gegen Geld manipuliert zu haben. Higgins beteuerte damals seine Unschuld, er wurde dennoch monatelang gesperrt. Als er zurückkam, wurde er gleich Weltmeister.

Ein Nacktauftritt in der Öffentlichkeit - so etwas wäre Higgins nie eingefallen. Gilt der Schotte trotz der unschönen Manipulationsgeschichte eher als seriös und ein bisschen langweilig. So wurde das Finale am Montagabend auch zum Duell zweier sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten. Williams sah schon wie der sichere Sieger aus, Higgins kam auf 15:15 wieder heran, am Ende stand es 18:16. Knapper geht es nicht.

"24 Stunden täglich mit Mark Williams? Das wäre nicht auszuhalten"

Seine Frau, so erzählt Williams, habe ihn überredet, nach den Enttäuschungen des Vorjahrs doch noch weiterzumachen, statt daheim den Privatier zu geben: "24 Stunden täglich mit Mark Williams zu Hause? Das wäre nicht auszuhalten." Einer solchen Logik beugte sich der Weltmeister von 2000 und 2003. Er suchte sich auf seine alten Tage noch einmal einen neuen Trainer, fand ihn in dem anerkannten Snooker-Coach Stephen Feeney und gewann den Spaß am Spiel und am Gewinnen zurück.

Erst siegte er bei den German Masters in Berlin, dort holte er sich das Selbstvertrauen für die WM. "Ich spiele jetzt hundertmal besser als in den letzten Jahren", hatte er schon nach seinem Sieg in Berlin festgestellt. Feeney brachte ihm noch einmal eine neue Art bei, den Stoß anzuvisieren. Seitdem wusste er, dass er auch die WM gewinnen kann.

In Cwm, Ebbw Vale, Blaenau Gwent ist er aufgewachsen, und das Nest in Wales ist normalerweise kein Ort, aus dem reihenweise prominente Menschen kommen. Ein Bergarbeiterdorf, 4000 Seelen. Williams' Vater war einer von diesen Bergarbeitern, Zwölf-Stunden-Schichten unter Tage waren ganz normal, in den Zwanzigerjahren starben hier 50 Kumpel bei einem Unglück in der Mine. Williams fing als Kind an zu boxen, wie das viele tun, er hatte Talent im Ring. Im Pub brachte ihm der Vater das Snookerspiel bei, als Teenager musste sich Williams entscheiden: Boxen oder der Billardtisch. Williams traf die richtige Entscheidung.

Der erste Linkshänder, der Weltmeister wurde

In Wales ist er längst ein Held, Williams hat sich den walisischen Drachen auf den Körper tätowieren lassen, der Drache verspeist die englische Flagge. Williams hatte zweifellos nichts dagegen, dass dies dank seines Nacktauftritts auf der Pressekonferenz nun auch die ganze Welt sehen konnte. In den vergangenen sechs Jahren war immer ein Engländer Weltmeister, Ronnie O'Sullivan, Mark Selby, Stuart Bingham. Der letzte Waliser, der vor Williams den Titel errang, war Terry Griffiths. Das war 1979.

"The Welsh Potting Machine" ist Williams' Spitzname, er hat ihn bekommen, weil sein Lochspiel, das Potting, eines der besten in der Welt ist. Williams war der erste Linkshänder, der Weltmeister wurde. Er ist teilweise farbenblind und muss am Tisch stets aufpassen, dass er rote und braunen Kugeln nicht verwechselt. Aber auch mit diesem Handicap ist der 43-Jährige fertiggeworden. In einem solchen Alter noch einmal Weltmeister zu werden - das ist nur seinem Landsmann, der Snooker-Legende Ray Reardon vor 40 Jahren gelungen. Nun hat Williams es geschafft. Der nackte Ehrgeiz hat ihm geholfen.



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iimzip 08.05.2018
1. Erstmal: Hut ab!
Obwohl mir beim Bild von der 'verlorenen Wette' als Erstes des unlängst verblichenen Joe Cockers 'You can leave your hat on' in den Sinn kam... Aber ungewöhnliche Snookergeschichten gibt es natürlich zuhauf. So hat es Ronny O' nach Absage der kompletten Main Tour (quasi ein Sabbatical) geschafft, trotzdem Weltmeister zu werden. Oder die komplette Lebensgeschichte meines Helden Steve Davis, der u. a. sein Ziel, mit 50 noch unter den Top 16 zu sein, erreicht hat. - Noch eine Mini-Korrektur zur Farbenblindheit: 'die roten und die braunen Kugeln' ist des Guten etwas zu viel. Es gibt im Spiel nur eine braune Kugel. Und ein geübter Snookerspieler kommt dann auch damit klar ;-)
Fabiuk 08.05.2018
2. Doch
"am Ende stand es 18:16. Knapper geht es nicht." Hat Mark Williams selbst gezeigt. Im Halbfinale gegen Barry Hawkins. 16:16, nachdem er in dem Spiel immer hinten gelegen hatte. Und dann 17:16. Es wurde über 33 Frames gespielt. Am Ende des Spiels sahen beide Spieler 10 Jahre älter aus als zu Beginn. Ein noch nervenzerfetzenderes Spiel als das Finale. Beeindruckend, was diese beiden alten Kämpen in Sheffield scheffelnd geleistet haben. Die Entdeckung: Kyren Wilson. Der das Halbfinale gegen Higgins verlor.
oldman2016 08.05.2018
3. Verdienter Sieger
Mark Williams hat im WM-Finale wie zuvor in den Partien seinem Spitznamen "The Welsh Potting Machine" alle Ehre gemacht. Er hat knapp aber verdient gewonnen.
analyst94 08.05.2018
4. es geht knapper ...
17:18 = 35 frames!
cs01 08.05.2018
5.
Leider ist der Artikel ungenau. Higgins wurde nicht beschuldigt, Spiele manipuliert zu haben, sondern "nur" sich dazu bereit erklärt zu haben. Gegenüber verdeckt operierenden Journalisten, was damals in UK aber durchaus beliebt war. Auch andere Promis wurden so reingelegt. Was das Nogo daran ist, ist die Tatsache, dass er sich nicht gegenüber dem Weltverband offenbart hat. Higgins hatte hinterher erklärt, er habe damals in der Ukraine geglaubt, der Russenmafia gegenüber zu sitzen und Angst gehabt (Dafür plauderte er aber ganz entspannt mit den Mafiosis) Selbst wenn es so war, spätestens zurück in UK hätte er sich offenbaren müssen. Und das tat er nicht. Aus meiner Sicht hätte er midestens eine so lange Sperre wie Qinten Hann verdient gehabt, bei dem waren es 6 Jahre.
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